Gabriele

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Gabriele ist 54, es geht ihr nicht so gut. Nach 35 Jahren Arbeit im Blindenverband, wo sie als Bürstenmacherin pro Tag Borsten durch je 1200 bis 1700 Löcher zog, sind ihre Hände kaputt. Der Chef, sagt sie, war nicht sehr freundlich. Einmal weinte einer neben ihr, so alt wie sie. Am Ende saß sie mit fünf anderen in einem Raum, jeden Tag acht Stunden, 35 Jahre lang. Nach der Arbeit kam sie nach Hause und schlief ein. Nun geht sie in Pension.

Gabriele war ein Frühchen, ein 6-Monat Kind mit kaum 900 Gramm und 39 cm. Das erste Jahr ihres Lebens lag sie im Alten AKH im Brutkasten, ihre Mutter konnte nur einmal in der Woche vorbei kommen und ihr Kind anschauen, dann musste sie wieder gehen. Angeblich hat das Fruchtwasser ihren Sehnerv zerstört, sie sah nie etwas von der Welt. Wie stellt sie sich die Farben vor? Sie orientiert sich an Temperaturen: „Der Winter könnte blau sein, der Sommer gelb.“ Manchmal sagen Leute zu ihr: „Sei froh, dass du nicht alles sehen kannst.“ Dann möchte sie weinen.

Sie sitzt jeden Tag, wenn es schön ist, zusammen mit ihrer 81jährigen Mutter, die „seit 54 Jahren alles für die Gabriele“ tut, in der Allee vor meinem Büro, manchmal streiten sie, manchmal lachen sie. Einmal waren sie gemeinsam am Meer, in Khalkidike nahe der Klöster von Atos, „das war sehr schön, das Meer zu spüren“. Wie das Meer aussieht, weiß Gabriele nicht. Und einmal war sie bei einem Konzert von Andreas Gabalier, den sie liebt, „das war auch toll.“ Von ihm hat sie alle CDs.

Was wünscht sie sich? „Vielleicht einmal einen Tag lang in eine Therme“. Aber sie hat keine Freundin, mit der sie hinfahren könnte, und die Mutter kann nicht mehr, denn ihr tut alles weh. „Und in der  Stadt drinnen vielleicht wieder mal Salzburger Nockerl essen“, die liebt sie nämlich über alles. Am Ende sagt sie: „Es wäre schön, wenn ich zumindest ein bisschen etwas sehen könnte…“

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