Milli IX

Milli ist heute 80, es geht ihr gut: „Ja, warum nicht? Es gibt nix, wo ich sag, das war nichts in meinem Leben, wir haben immer wieder weiter gemacht, auch wenn es schlimm war, die Monika, wie sie gestorben ist … wir haben weiter gemacht. Und immer waren Leute um mich, immer so viele Leute. Bereuen tu ich nichts, was soll ich bereuen, was hätte ich bereuen sollen? Na, da hast du keine Chance, bereuen tu ich nichts, da kriegst nix aussa aus mir. Ein liebstes Kind hab ich keines, du blöder Bub, wie soll es das geben, ich hab ja jedes von euch so geliebt, jedes von euch war am Anfang schon so lieb, andere sind ja oft so schiach, ihr wards von anfang an schon ausgebacken, richtig für Fotos fertig.
Der Franz, ja, der war meine Liebe, mit meinem Mann war ich zufrieden, absolut. Unser erster Kuss beim Kalvarienberg, wie er mich hoch gehoben und dann geküsst hat, wunderschön. Ich hätte so viele andere haben können, solche Volldeppen waren dabei, der Dati hat oft so lachen müssen, wenn sie wieder zu uns zum Hof gekommen sind, schau sie dir an die Narren, jetzt kommen sie schon wieder. Der eine hat mit seine Maschine angegeben, der andere mit seinem Auto, dann sind sie beim Troatkasten gesessen und haben gewartet, ob ich schon in den Stall gehe, hab ich gesagt zu ihnen: Was tu’s denn ihr da? Arbeiten kann eh keiner von euch, gehts wieder! Der Karl und der Franz, euer Vater, die haben sogar mal gerauft um mich, aber der Franz hat format gehabt, und der Dati hat ihn sofort von Anfang an gemocht, die zwei passen zusammen. Das war lustig, wenn er mich mit dem Moped heimgebracht hat hinauf nach Oberweng, da hab ich immer absteigen müssen, weil es so steil war. Vorher ist er ja ein bisserl mit der Trudi gegangen, mit der Kellnerin vom Kemmetmüller, wo ich Köchin war. Aber am ersten Tag, wie ich beim Kemmetmüller angefangen habe, hat er die Trudi stehen lassen, da war sie bös auf mich. Aber er hat nur noch mich angeschaut. Ein großer Bauer hätte mich auch wollen, nimmt den Willi, haben sie gesagt, der hat so einen großen Hof. Aber ich wollte nicht, ich wollte den Franz.
Für das Hochzeitskleid haben wir eine Schneiderin gehabt, das war wunderschön, und er hat einen eleganten Anzug gehabt, er war groß und fesch, ich eigentlich klein, aber das hat gepaßt. Unsere Hochzeit, was da Leute waren! Der Pfarrer hat sicher 200 Ministranten gehabt, der Hochzeitszug war hinaus bis zum Sieghart, ganzen hinten wir in der Kutsche. Wir haben so viele Gläser geschenkt gekriegt, ich weiß nicht, wie viele Gläser, so was Blödes. Eine schöne Bettwäsche hab ich mir vorher schon gekauft, ich hab gespart beim Kemmetmüller, meine Güte, arm sind wir gewesen. Dann haben wir froh sein können, dass wir beim Lois und der Frieda haben einziehen können, kein Bad, ein Klo, eine Küche, ein Schlafzimmer. Aber es war uns wurscht, wir waren eh bei unserem Haus herüben und haben gebaut, und wir waren verliebt, das war das wichtigste.
Schön war mein Leben, sehr schön. Aus mir kriegst nichts ausse, dass was nicht schön war.“

Ein Kommentar zu „Milli IX

  1. Hallo Manfred,
    also unfassbar schön und lebendig sind Deine Tagebucheintragungen speziell über Deine Mama. Ich feiere heute in Gedanken mit ihr mit und hebe ein oder zwei Glaserl fruchtigen Weißwein aus der Steiermark auf sie und auf Dich. Mittlerweile muss meine ganze Familie Deinen „Blog“ lesen, weil dann alle mal mitbekommen sollen, wie arm unsere ländliche Bevölkerung dazumals war und nicht immer schon so toll die Bauernhöfe dagestanden sind. Natürlich kann ich die Geschichten Deiner Mama auch bildlich verfolgen, weil ich in der Gegend lebe. Jedenfalls wünsche ich Deiner Mama, dass sie lange so gesund und fit im Kopf bleibt und wieder Erzählungen aus ihrem Leben für Dich hat und Du es uns „hier“ mitteilst. Freue mich schon wieder, wenn ich Dich in Deinem weißen Leinen-Flatter-Hemd auf dem historischen Radl in unserer Gegend herumgurken sehe!!! Und bleib auch Du bitte gesund und fit im „Dachl“. LG eine treue Leserin aus dem Garstnertal 😉

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