Anton

Anton ist 20, es geht ihm gut. Er wuchs im ursprünglich als „Villenkolonie“ geplanten Berliner Westend auf, „die haben dort versucht, das Londoner Vorbild zu immitieren, und das haben sie auch ganz gut hingekriegt.“ Er besuchte die Katholische Schule Liebfrauen, „eine sehr durchschnittliche Schulerfahrung, aus der ich aber ohne gröbere Neurosen hervorgegangen bin.“ Ob er von dort neben dem Großen Latinum eine allgemeine Freude an Bildung mitnahm? „Hm. Freude nicht. Aber ein gemäßigtes Interesse!“

Seit zwei Jahren studiert er in Wien Forstwirtschaft und Philosophie. Förster will er aber vorläufig nicht werden, mit der „Deutschen Buche“, die angeblich besonders unter der Erderwärmung leidet, wird er nicht recht warm. Gerne verbringt er – klassisch! – seine Tage in Wiens Kaffeehäusern und ackert sich dort stundenlang durch Werke „von Populärphilosophen wie Žižek, der mir zwar nicht am Arsch geht.“ Aber weiter als bis zur Seite 13 hat er sich in dessen „selbst deklariertem Hauptwerk“, dem 1408-Seiter Weniger als nichts, auch noch nicht vorgeackert. Am meisten interessiert ihn bisher ohnehin der den Junghegelianern zugerechnete Max Stirner, gerne beschäftigt er sich auch mit der auf Platon zurückggehenden „Ideenlehre“ und philosophischen Fragen wie: Was ist ein Stuhl?

Neulich saß er im Innenstadtcafé Korb (auf einem Stuhl) und schmökerte ein wenig im Mann ohne Eigenschaften, als er plötzlich den deutschen Großphilosophen Sloterdijk im Gastgarten sitzen sah. Anton nahm sich ein Herz und bat ihn um ein Autogramm, und tatsächlich malte der ihm seinen Friedrich Wilhelm auf eine Tageskarte.

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