Zugfahrt

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Nach sechs Wochen ist es hoch an der Zeit, wieder mal ins Haus in Oberösterreich zu fahren. Wer weiß, wie der Garten aussieht, und ob die Mäuse nach einem langen Winter Kirtag feiern? Um nicht die U-Bahn nach Wien-Meidling nehmen zu müssen, von wo aus die meisten Züge in Richtung Westen abfahren, gehe ich zu Fuß zum Westbahnhof und steige dort in einen Zug der Westbahn. Es ist 11.42. Uhr, und ich stehe bis kurz vor Abfahrt der Garnitur am Bahnsteig, wo ich mir von außen ein gutes, lauschiges Plätzchen weit weg von allen anderen suche. „Weit weg von allen anderen“ liebe ich sowieso, aber in diesen Tagen ist Distanz das neue normal: Jeder will so ein Plätzchen, also herrscht dann erst recht wieder ein Gedränge um die einsamsten Plätze.
Ich finde eines im Bistro-Bereich ganz vorne, wo ich zwei Logen nur für mich habe. Die Tische sind mit grauen Bändern umwickelt, deren Botschaft mir nicht ganz klar ist. Weil die Sonne so schön herein scheint, stelle ich meine Tomaten-Pflanzen, die ich in Wien gekauft habe (wer weiß schon, ob man am Land welche kriegt!), auf den Tisch. Es ist ruhig, bis auf das Handy-Gedüdel eines Reisenden im ersten Stock.
Die Schaffnerin „beginnt mit dem Kartenverkauf“, wie sie uns über Lautsprecher wissen lässt, sie hat einen dieser neuen Berufe der alten Wirtschaft, die, so finden alle, dringend wieder „hochgefahren“ werden muss: Sie soll dann nicht nur Karten verkaufen, sondern auch gleich die Mistsäcke ausleeren und die Klos putzen.
„Einmal nach Linz, bitte!“ macht dann schlanke 26 Euros, ich sage: „Na bumm!“ „Um 16 hätten Sie´s im Internet gekriegt!“, sagt sie streng. Wann habe ich eigentlich angefangen, die neuen Zeiten zu verfluchen? Ist eh schon länger her, aber hin und wieder gibt´s einen neuen Schub.
Wir biegen unerwartet nach Meidling hinüber ab, das ich mir eigentlich ersparen wollte. Weil die Garnituren nun seltener fahren, erklärt mir die Schaffnerin, nehmen sie die Meidlinger auch gleich mit. Dort kommt dann also wieder Unruhe ins Getriebe, wo ich es mir gerade so gemütlich mit meinen Pflanzen eingerichtet habe, und im Übrigen, fällt der Schaffnerin ein, dürfe ich da gar nicht sitzen. Es könnte ja jemand kommen und aus dem Automaten Kaffee heraus drücken, in allzu großer Nähe zu mir. Sie geleitet mich persönlich in die Kinderabteilung im Unterdeck, wo ich dann aber eh auch alleine bin – bis eine Mutter mit ihrer Tochter kommt. „Mama, was macht denn der Mann da?“, fragt das Kind. Es herrscht schwerer Kinderverzaheralarm, seit man mit der Maske wie einer aussieht. Von oben höre ich das Handy.
Wir erreichen die Station Tullnerfeld, in der sich rein gar nichts tut, und ähnlich verhält es sich in St. Pölten. Ich wechsle hinüber auf die andere Seite, weil die Sonne mittlerweile von dort herein scheint, da fängt der von oben an, im Zug herumzuspazieren. Erst denke ich, er sucht vielleicht ein Klo, aber bald ist klar, dass er nur Aufmerksamkeit sucht. Ich schenke sie ihm, indem ich ihn frage, ob er „das Gedüdel nicht endlich abdrehen“ will, damit wir hier unsere Ruhe haben. Aber er antwortet nur mit einer leichten Abwandlung des Satzes, der recht gut das österreichische Wesen erklärt: „Jetzt erst recht nicht!“ Ich frage mich, wie lange Jörg Haider eigentlich schon tot ist, und ob jetzt er messiasgleicher Bundeskanzler wäre? Oder ob er vielleicht doch im Gefängnis säße?
Als wir in St. Valtentin aus der Station hinaus fahren, stoppt der Zug nach wenigen Metern abrupt. Die Schaffnerin, die immer wieder mal bei mir vorbei schaut, erhält einen Anruf: „Zehn bis fünfzehn Minuten?“ Sie informiert uns über die Lautsprecher, dass es „ein Problem gibt“ und wir Geduld haben müssten. Die Geduld wird strapaziert. Ich erheische einen Blick auf den Nebenbahnsteig, wo die Ankunft eines ÖBB Railjets in zwanzig Minuten mit Ziel Salzburg angezeigt wird. Ich werfe ein, dass wir ja alle aussteigen und mit dem weiter fahren könnten, falls … Aber auch wenn die Westbahn privat ist, so ist sie es doch in Österreich, und da gilt für Private wie für Staatsnahe: „Das geht nicht.“
Beziehungsweise muss man halt erst mal fragen, ob es geht, und siehe da, es geht. Und dann ist es so: Wenn die Leute etwas gratis kriegen oder dringend wo hin müssen (aufs Klo, zum Nebenbahnsteig), gibt es auch in Pandemiezeiten kein Halten mehr, keine Ordnung, keinen Abstand. Ich erinnere mich an Zustände auf Urlaubsflughäfen, wo es vor allen Schaltern gesittet zugeht, nur vor dem Schalter, an dem der Flug nach Österreich abgewickelt wird, formt sich immer eine Traube. Es ist wie beim Klopapierkauf.
Am Bahnsteig müssen wir dann noch zehn Minuten warten, weil wir uns als drängende Gruppe zu schnell weiter geschoben haben. Jeder sucht sich irgendwo ein Platzerl, um zu warten, bis die Facetimer, die größte Plage der neuen Zeiten, anfangen, selbstvergessen herumzugehen. Der „Ich ruf dich später an!“-Businessanzugträger, der „Paßt, Oida!“-Jogginshosenträger, und unser Freund aus dem Arabischen Raum, der einen Riesendrang verspürt, in seinem billigen Gangster-Schick von uns allen wahrgenommen zu werden: „Ey, Bruuuda!“ Aschenbecher gibt es hier keine, weil ja eigentlich Rauchverbot herrscht, also rauchen alle überall, bevor sie ihre Tschick vor mir austreten.
Als der Railjet einfährt, rette ich mich in die Erste Klasse und bin bereit, jeden Preis zu bezahlen, um wieder meine Ruhe zu haben. Aber der Schaffner ist ungewöhnlich locker und will für die paar Kilometer nach Linz nicht einmal Geld: „Setzen’S Ihna ruhig da eine!“, sagte er, und ich merke, dass auch er einfach nur froh ist, mit niemandem anstreifen zu müssen.
In Linz besteige ich eine ÖBB Garnitur in Richtung Süden. Die Plätze hinter dem Triebwagenführer wären meine bevorzugte Wahl, sind aber leider mit Bändern abgesperrt. Ich setze mich dorthin, wo man auch Räder abstellen kann, eine Frau sitzt in der Mitte des Waggons, eine weitere am anderen Ende, das paßt. Kurz vor Abfahrt des Zuges taucht plötzlich ein Amateur mit Profimaske auf, der mich, so zeigen es seine Augen über der Maske, am liebsten fressen würde, weil meine Maske neben mir auf dem Platz liegt. Seine stille Botschaft lautet: Die setzt du jetzt sofort auf! Der oberösterreichische Gauleiter hielt sich nach Ende des Krieges noch ein paar Tage im südlichen Oberösterreich auf, er scheint hier nach wie vor ein paar Anhänger zu viel zu haben. Ich bleibe ruhig, und so verliert er den Blickkrieg und zieht geknickt wieder ab.
Die nächste halbe Stunde fotografiere ich Kreisverkehre, eine Spezialität ÖVP regierter Bundesländer. Nach einer halben Stunde stauen sich drei Leute bei einem Eingang, eine Frau hat einen Hund mit und setzt sich unmittelbar hinter mich, obwohl nun der ganze Waggon frei ist. Immer wieder frage ich mich, was ich ausstrahle, dass sich alle an mich kuscheln wollen, auch wenn man es fünf Meter weiter viel gemütlicher hätte. Jemand sagte mir mal, das wäre der Herdentrieb, der die Menschen die Nähe anderer suchen lasse. Dieser Trieb fehlt mir komplett.
Ein Schaffner steigt zu und sieht die Absperrbänder. Er klopft bei der Triebwagenführertüre, um den Triebwagenführer zu begrüßen, und fragt ihn, ob das jetzt die neue Vorschrift wäre. Dieser verneint und erklärt, dass er die Bänder selbst angebracht hätte, weil er halt irgendwie auch keine Leute um sich herum haben will, auch wenn er eigentlich sicher in seinem Kammerl vorne sitzt. Der Schaffner hebt eines der Bänder hoch und setzt sich auf die Bank, um sich eine zu drehen. Vor meinem Endbahnhof erlebe ich dann noch die heimische Besonderheit des Aussteigens: Egal, wie viele sich schon im Türbereich drängen, es drängen immer noch mehr in den Türbereich nach, weil halt unbedingt jeder im Türbereich stehen muss, bevor er aussteigt. Warum das so ist? Es könnte am Herdentrieb liegen.