Laura

Laura sagt mir gleich, dass ich mir meine Frage nach ihrem Alter sonst wohin stecken könne, sie unterrichtet nämlich Diversity an der Universität in Graz, und da könne sie mir viel erzählen zum Thema, aber ansonsten: „Danke, es geht mir gut!“ Die gebürtige Mailänderin, die dort immer noch ihren Zweitwohnsitz hat, hat sich gerade neben ihrem Hauptwohnsitz Graz einen kleinen Drittwohnsitz in Wien eingerichtet.

Die vielen Male davor, die sie als Besucherin in der Stadt war, gefiel es ihr gar nicht, sie musste immer an Mottenkugeln denken. Während ihres letzten Besuches aber graste sie einschlägige Kaffeehäuser ab, und da schau her! Der Charme der Kellner („Wos woin S’?) überwältigte sie. Außerdem mag sie das „erkennbar Progressive“ der Stadt.

Die Tochter eines Motorradrennfahrers und einer Jetsetterin im Diplomatendienst ist weit gereist, kam aber erst spät zum ersten Mal nach New York. Davor war sie in Tokio, und als man sie im Big Apple fragte, wie ihr die Stadt denn gefallen würde, sagte sie: „Nice.“ Darüber waren die New Yorker aber gar nicht „happy“, die glauben ja immer, sie wären so „awesome“. „Aber gegen Tokio ist das einfach ein Dorf“, sagt Laura.

Ihre schönste Reiseerfahrung führte sie ohnehin nach Montevideo in Uruguay, an der Mündung des Río de la Plata gegenüber von Buenos Aires gelegen. „Dort laufen alle mit so Riesenbechern Mate-Tee in der Hand herum, also wirklich Riesenbecher, dreimal so groß wie in Buenos Aires. Aber vielleicht ist das der Grund, warum sie herüben dreimal so entspannt sind wie die drüben.“

Kathrin

Kathrin ist 29, es geht ihr gut. Sie ist neben dem Bauernhof ihres Onkels Rudi und ihrer Tanten Mizzi und Hanni in Pichl im südlichen Oberösterreich aufgewachsen. Mit sechs Jahren wußte sie, dass sie Bäuerin werden will. Nach dem Polytchnikum begann sie die Lehre (zehn Wochen pro Jahr Berufsschule in Kirchschlag, der Rest des Jahres Praxis), nach drei Jahren war sie Facharbeiterin. Gummistiefel, Dreck und Mist stören sie nicht. Um halb sechs Uhr steht sie jeden Tag auf, um sechs ist sie im Stall, dann melkt sie, füttert sie, mistet sie aus, putzt sie den Stall. Um neun ist sie fertig und geht frühstücken. Der Sommer ist ihr so lieb wie der Winter.

Der Biohof wird von drei Verbänden kontrolliert, mittlerweile sogar von einem deutschen, weil der regionale Verband die Biomilch nicht mehr vermarkten kann. „Eigentlich“, sagt Tante Mizzi, „ist es zum Aufhören.“ Sie machen trotzdem weiter mit zehn Kühen („Sonja, Samantha, Orchidee, Cindy, Susi, Milli, Sterndl …“) und fünf Kälbern, die im Sommer auf der Alm sind. Dazu ca. zehn Hendl, die ca. fünf Eier pro Tag legen, und gleich drei Hähnen, „damit die alten Herren nicht überfordert sind.“

„Wenn´s einem Vieh schlecht geht, geht’s mir auch schlecht“, sagt Kathrin. Darum werden die Kälber nicht enthornt, „weil ihnen das einfach weh tut.“ Und das Federvieh stirbt als zähe Suppeneinlage eines natürlichen Todes. Das Fleisch einer halben Kuh reicht für zwei Jahre. Kuh Cindy ist gerade trächtig. Katharina meint, dass sie bereits Senkwehen hat. Am 9. April ist der Termin.

Milli IX

Milli ist heute 80, es geht ihr gut: „Ja, warum nicht? Es gibt nix, wo ich sag, das war nichts in meinem Leben, wir haben immer wieder weiter gemacht, auch wenn es schlimm war, die Monika, wie sie gestorben ist … wir haben weiter gemacht. Und immer waren Leute um mich, immer so viele Leute. Bereuen tu ich nichts, was soll ich bereuen, was hätte ich bereuen sollen? Na, da hast du keine Chance, bereuen tu ich nichts, da kriegst nix aussa aus mir. Ein liebstes Kind hab ich keines, du blöder Bub, wie soll es das geben, ich hab ja jedes von euch so geliebt, jedes von euch war am Anfang schon so lieb, andere sind ja oft so schiach, ihr wards von anfang an schon ausgebacken, richtig für Fotos fertig.
Der Franz, ja, der war meine Liebe, mit meinem Mann war ich zufrieden, absolut. Unser erster Kuss beim Kalvarienberg, wie er mich hoch gehoben und dann geküsst hat, wunderschön. Ich hätte so viele andere haben können, solche Volldeppen waren dabei, der Dati hat oft so lachen müssen, wenn sie wieder zu uns zum Hof gekommen sind, schau sie dir an die Narren, jetzt kommen sie schon wieder. Der eine hat mit seine Maschine angegeben, der andere mit seinem Auto, dann sind sie beim Troatkasten gesessen und haben gewartet, ob ich schon in den Stall gehe, hab ich gesagt zu ihnen: Was tu’s denn ihr da? Arbeiten kann eh keiner von euch, gehts wieder! Der Karl und der Franz, euer Vater, die haben sogar mal gerauft um mich, aber der Franz hat format gehabt, und der Dati hat ihn sofort von Anfang an gemocht, die zwei passen zusammen. Das war lustig, wenn er mich mit dem Moped heimgebracht hat hinauf nach Oberweng, da hab ich immer absteigen müssen, weil es so steil war. Vorher ist er ja ein bisserl mit der Trudi gegangen, mit der Kellnerin vom Kemmetmüller, wo ich Köchin war. Aber am ersten Tag, wie ich beim Kemmetmüller angefangen habe, hat er die Trudi stehen lassen, da war sie bös auf mich. Aber er hat nur noch mich angeschaut. Ein großer Bauer hätte mich auch wollen, nimmt den Willi, haben sie gesagt, der hat so einen großen Hof. Aber ich wollte nicht, ich wollte den Franz.
Für das Hochzeitskleid haben wir eine Schneiderin gehabt, das war wunderschön, und er hat einen eleganten Anzug gehabt, er war groß und fesch, ich eigentlich klein, aber das hat gepaßt. Unsere Hochzeit, was da Leute waren! Der Pfarrer hat sicher 200 Ministranten gehabt, der Hochzeitszug war hinaus bis zum Sieghart, ganzen hinten wir in der Kutsche. Wir haben so viele Gläser geschenkt gekriegt, ich weiß nicht, wie viele Gläser, so was Blödes. Eine schöne Bettwäsche hab ich mir vorher schon gekauft, ich hab gespart beim Kemmetmüller, meine Güte, arm sind wir gewesen. Dann haben wir froh sein können, dass wir beim Lois und der Frieda haben einziehen können, kein Bad, ein Klo, eine Küche, ein Schlafzimmer. Aber es war uns wurscht, wir waren eh bei unserem Haus herüben und haben gebaut, und wir waren verliebt, das war das wichtigste.
Schön war mein Leben, sehr schön. Aus mir kriegst nichts ausse, dass was nicht schön war.“

Andreas

Andreas ist 66, es geht ihm gut. Ich treffe ihn an einem kalten Sonntagvormittag in Schönbrunn, wo er gerade ein paar verschärfte Übungen macht. Zuvor ist er schon von zuhause im 13. Bezirk hinauf zur Gloriette gelaufen, nach den Übungen läuft er wieder zurück, das sind fünf Kilometer, jeden Tag. Die herumstehenden Bankerln nützt er dabei für 2 x 25 Liegestütze, „die gehen hier sehr schön.“ Oder er stärkt die Rückenmuskulatur: „Auf den Bauch legen, das Becken an der Kante, Oberkörper hochziehen, halten.“ Radfahren, Schwimmen, Schifahren, Laufen und Volleyball auf Amateurniveau betrieb oder betreibt er auch. Wenn er nicht sporteln kann, dann geht’s ihm „wie einem Hund, der Gassi gehen muss.“

Auf dem Bankerl liegt sein Handy, auf dem er Schlagermusik gespeichert hat. Am liebsten hört er Reinhard Fendrich, am allerliebsten dessen Song „Leben“. Mit Musik macht das Trainieren gleich noch mehr Spaß. Der HTL-Absolvent war EDV-Organisator und Betriebsinformatiker, jetzt genießt er die Pension und in dieser vor allem, dass er tagsüber laufen kann. Früher ging er oft erst im Dunkeln raus, „weil ich so viel Arbeit hatte.“

Nach dem Training wartet die Gattin auf ihn, heute sogar mit einem Fleischpapperl. „Ansonsten leben wir ja gesund, die Tochter ist Vegetarierin und will nicht, dass wir Tiere essen. Wir haben ein dickes Kochbüchl, und meine Frau bzw. die Tochter probieren immer wieder was Neues aus.“ Nur einmal in der Woche „sündigen“ sie. Dafür geht’s nach dem Essen gleich wieder raus, mit Hündin Rika zum Spaziergang.

Toni

Toni ist 65, es geht ihm gut. Immer wieder mal sehe ich den pensionierten Dorfgendarmen entlang des Wanderweges „Veichltal“ in OÖ beim Holzarbeiten. Entweder steht er vor einem seiner Holzstöße in der Gegend und schneidet bzw. kliebt die Scheiter, oder er steht auf den Holzstößen und schlichtet sie. Dutzende Festmeter arbeitet er so pro Jahr weg, dabei besitzt er selbst „keinen einzigen Baum“. Er kauft Windfall, der „blöd zum aufarbeiten ist“, und holt die Stämme heraus. Früher klob er alles mit der Axt, jetzt hat er einen Klieber. „Klieben“ ist ein Erbwort aus dem Mittelhochdeutschen, das dem althochdeutschen „klioban“ entstammt und „spalten“ meint.

Als Toni vor 30 Jahren begann, mit Holz zu arbeiten, schlichtete er die Scheiter noch falsch zusammen. „Bis der Steirer Ernst gekommen ist“, lacht er, ein legendärer Holzknecht in der Gegend, der ihm eine Zeitlang fassungslos zugeschaut und ihm dann gesagt hat: „Heast, Toni! Woaßt du net, wia’s geht? A Weib und a Holzscheitl miassn olleweil am Buckl liegn!“ Oder auf Deutsch: „Eine Dame und ein Holzscheit müssen immer am Rücken liegen!“

Was – sprachlich – ein bisserl unkorrekt ist. Und worüber man – inhaltlich – streiten kann, zumindest, was die „Lage“ der Frau beim Liebesspiel angeht. Jedoch nicht über jene des Holzes beim Schlichten, denn: „Die Scheiter müssen immer mit der Rinde nach unten liegen, nur so kann die Feuchtigkeit entweichen!“ Drei Jahre trocknet das Hartholz dann. Nur wenn die Sonne gut hinscheint und der Wind ein bisschen durch den Stoß zieht, genügen auch zwei.

Milli VIII

Milli ist immer noch 79, heute geht es ihr gut. Gerade war ihr Bruder Herbert zu Besuch, sie haben von früher geredet, vom Krieg und der Zeit danach: „Was bei uns immer Leute geschlafen haben! Wir haben oft nicht mehr gewußt, wo wir sie hintun sollen. Die Frau Winklmayr aus Wien, die hat nur eine Tochter gehabt, der Mann war im Krieg, die hat in der Dirnenkammer geschlafen. Die Oswalds, das waren mehr Kinder, der Vater war auch im Krieg, die sind in der Knechtskammer untergekommen, da sind so vier Betten drin gestanden, ganz einfach. Alles haben wir vollgestopft, auch die Nähkammer und das Schusterzimmer vom Hermann Vetter, wir haben nicht mehr gewußt, wohin. Die Hawelkas auch aus Wien. Dann hat die Pepi Tant‘ ihre drei Buben zu uns gebracht, die hat in Ardning drüben gewohnt, aber ihr Mann hat auf einmal die Gemeindesekretärin gehabt, die hat auch nicht gewußt, wohin. Die Martha haben sie uns auch gebracht. Dann noch die Tagelöhner und Knechte. Gewaschen haben sie sich alle draußen beim Grander (Brunnen), es war primitiv, aber Hauptsache, sie sind gerettet worden und haben ein Obdach gehabt. Da sind richtige Freundschaften entstanden, mit dem Oswald Hansl in Wien bin ich heute noch in Kontakt.

In der Früh waren alle in der Stube, und die Mami hat sie alle verköstigt. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat, wir haben eh selbst nichts gehabt, aber sie hat immer mit einem bisserl was was Großes gezaubert. Und sie ist selbst mit dem Pflug gefahren, diese steilen Leitn (Hänge), kaum waren Erdäpfel heraussen, hat sie neue eigelegt. Erdäpfel hat es immer gegeben. Und Äpfel. Wuchteln gab es und Krapfen, Brot hat sie immer gebacken, Butter haben wir Kinder geschleudert. Das Butter schleudern, das war so stark, da sind einem die Hände abgefallen. „Butter schleudern! Wer tut´s?“, hat die Mami gerufen, und wir Kinder haben es getan. Es war schön.


Immer sind Männer gekommen, die nichts gehabt haben und die die Mami wollten. Der Dati war ja im Krieg, vom Anfang bis zum Schluss. Die haben spekuliert, dass er nicht mehr heimkommt, die wollten die Mami haben. Sie hat sie alle weggejagt, sie war … ich weiß nicht, sie war so sicher. Sie hat keine Angst gehabt, hat viel gebetet. Einmal war einer so böse auf sie, weil sie ihn weggejagt hat, dass er ihr die Mostfässer unten im Keller ausgelassen hat, der ganze Keller ist geschwommen. Den Most, den hätte sie verkaufen können, ein bisserl ein Geld hätte sie gekriegt.“

Wiesel

„Wiesel“ ist 19, es geht ihm gut. Der überzeugte Antifaschist hat letztes Jahr mit „nicht besonders gutem Erfolg“ maturiert. Nach der Deutsch-Matura feierte er so lange, dass er volley zur Englisch-Matura antrat. Dort schaffte er aber nur noch einen Text, dann büselte er weg – Befriedigend! Bald danach kaufte er einem „alten Rocker für 30 Euro“ seine Lederjacke ab und rüstete sie mit Nieten auf. Nun macht er Zivildienst bei einer großen Sozialeinrichtung, „750 Euro im Monat für 40 Stunden.“

Während der Schule war er „zu lange auf studentisch linkem Niveau, da fühlt man sich schon antifistisch, wenn man Grün wählt und einen Sticker auf der Haustür der Bobowohnung hat.“ Also schloß er sich der Antifa an. „Radikal“ zu sein findet er nicht schlecht, weil er „das System“ scheiße findet. „Das Kapital und der Faschismus gehen Hand in Hand, daher ist der Kampf gegen den Faschismus ein Kampf gegen den Kapitalismus. Die Wage gaps sind riesig! Die reichsten weißen Männer sind stärker als jede Politik!“

Dem Schicksal „der meisten radikalen Linken, die sich mit Ende dreißig eine Bio-Tasche umhängen und Bier saufen“, will er entgehen. Neulich demonstrierten die Querdenker, und die Antifa blockierte den Ring: „Alerta! Alerta! Antifascista!“ „Ich glaub nicht, dass dort alle rechtsextrem sind“, sagt er. „Da haben viele berechtigte Sorgen und werden von der Regierung im Stich gelassen. Und die Linken bieten keine Alternative zur Kritik an den Maßnahmen, daher werden diese Demos von Rechten angeführt.“

Aurelia

Aurelia ist 52, sie lebt in Spital am Pyhrn, südlichstes Oberösterreich. Wie es ihr geht? „Maah, das sollte mich gerade keiner fragen“, lacht sie, „die Antwort kann lange dauern!“ Die Kurzversion: „Zurzeit bin ich ein bisserl neben der Spur, schlafe schlecht.“ Ihre Schwiegertochter – Nichtraucherin, sportlich, pumperlgsund – hatte Corona und kämpft nun mit den Nachwirkungen. Das macht ihr Sorgen.

Aurelia ist „ziemlich arm aufgewachsen. Der Großvater war ein furchtbarer Nazi, die Großmutter mütterlicherseits aber gab den Gefangenen auf den Zwangsarbeitermärschen durch den Ort Erdäpfel, auch wenn sie dafür mit dem Tod bedroht wurde.“ Sie zeigte Zivilcourage, die ihre Enkelin übernommen hat.

Seit 15 Jahren sitzt sie für die SPÖ im Gemeinderat der 2250 Einwohner Gemeinde. „Für mich war immer klar, dass ich mich einbringen will und nicht nur schimpfen.“ Ab 2015 half sie bei der Betreuung von Flüchtlingen, die in einem ehemaligen, grindigen Puff untergebracht wurden. Die Stimmung im Ort war feindselig, sie erhob mutig ihre Stimme für die Geflüchteten. „Angst hab ich keine“, sagt sie.

Heute treffe ich sie vor dem „Verein Lernviertel“, der ursprünglich als „dezentrale Bildungseinrichtung“ gedacht war, nun aber als „Klimaflohmarkt“ genutzt wird, weil Aurelia nicht will, dass so viel weggeschmissen wird. Die Räumlichkeiten hat sie selbst ausgemalt. „Immer sind es um die 20 Leute, die sich engagieren“, sagt sie, „ein minimaler Anteil.“ Für sie aber kein Grund, kürzer zu treten. Im Gegenteil.

Brigitte

Brigitte ist 49, es geht ihr halbwegs gut. Ich treffe sie um 06.30 Uhr bei der U6 Längenfeldstraße, wohin sie drei Mal pro Woche mit dem Pendlerbus einer Supermarktkette aus der Steiermark kommt, seit dreißig Jahren. Aufstehen muss die „Schlüsselarbeitskraft“ um 04.15 h, dann versorgt sie Katze Flocke, um 05.00 h dreht sie das Regional-Radio ab, das die ganze Nacht läuft, „die haum wirklich guate Sochn“, sagt sie, „ohne Radio kaunn i net, do föhlt mir wos. Kennst Antenne Bayern? Hits der 80er? Unsere Hadern!“

An der B54 bei Dechantskirchen steigt sie um 05.10 h in den Bus, Arbeitsbeginn ist um 07.00 h, Arbeitsende um 19.00 h, eine Stunde Mittagspause, Vormittag und Nachmittag eine Viertelstunde Pause. Um 19.40 h geht’s wieder retour. Um 21.15 h steigt sie aus. Zehn Minuten später ist sie in ihrer Wohnung, in der sie mit ihrem Bernhard lebt, der aber gerade im Krankenhaus ist. Dann dreht sie das Radio auf.

Ihr Bernhard hat ein Mopedauto. Damit ging es schon nach Kroation, Südtirol oder nach Wangen im Allgäu zum Laientheater, das sie liebt. So wie den Fasching: Als „Krasimir und Florentina“ verkleideten sie sich schon, oder als „Oberkellner Rudolf und Sträfling Rudi“. „Du gehörst auf die Bühne!“, hört die begnadete Witzeerzählerin oft. Und früher, sagt sie, hatten sie so eine Gaudi im Bus und spielten Karten, und zu Silverster gab´s auch mal Sekt an einem Vierer-Tisch – „Na servas!“ „Aber du wirst müde und älter“, sagt sie. Und oft schläft sie dann auf der Heimfahrt im Pendlerbus ein.

Nicolae

Nicolae ist 54, es geht ihm „ganz okay“. Ich sehe ihn auf der Hütteldorferstraße in ein Buch versunken, „M.C. Escher – Grafiken und Zeichnungen“.  Außerdem hat er noch „The Hitman“ von Ricky Hatton bei sich. Beide Bücher hat er aus dem „Offenen Bücherschrank“ am Wiener Brunnenmarkt genommen. Er geht jeden Tag zu Fuß vom 12. Bezirk hinüber in den 16. Bezirk, wo sein schulpflichtiger Sohn lebt – 40 Minuten hin und 40 Minuten zurück.

Nicolaes schöner Bart „hat leider schwache Wurzeln, er ist nicht so gewachsen, wie ich gerne hätte“, lacht er. Aber nach zehn Jahren, während der er ihn nicht geschnitten hat, sieht er doch ganz ordentlich aus. Der Fotograf studierte drei Semester auf der Künstlerischen Volkshochschule Lazarettgasse im 9. Bezirk, sechs Semester hätte er für das Diplom gebraucht.

Nicolae kommt aus dem schönen Ort Bistritz (rumänisch Bistriţa und ungarisch Besztercze) im Kreis Bistritz-Nassod (Bistriţa-Năsăud) in Siebenbürgen. Als Nadia Comăneci 1976 in Montreal für ihre Übung am Stufenbarren als erste Athletin überhaupt „the perfect 10“ bekam, freute er sich dort, denn „wir hatten ja sonst nichts zum Freuen!“  Am 16. Dezember 1989, als in Timișoara die Revolution begann, kam er gerade aus Bukarest in Bistritz an, um dort Weihnachten zu Feiern. Die Exekution seines Namensvetters Nicolae Ceaușescu und dessen Frau Elena am 27. Dezember verfolgte er im Fernsehen. Im Juni darauf kam er in Traiskirchen an und begann ein neues Leben in Freiheit.