Guido und Andreas

Guido (links) ist 53 und Andreas 58, beiden geht es gut. „Obwohl“, sagt Andreas, „schön langsam sind wir ein bisserl erschöpft, fünf Stockwerke oder so?“  Ich treffe sie im dritten von insgesamt sechs oder sieben Stockwerken oder so im alten Gewerbehaus am Rudolf Sallinger Platz im 3. Bezirk, heute läuft hier die Kunstmesse Parallel. Zwei Stunden sind die beiden schon unterwegs, sie sind keine Profis, „wir haben einfach Interesse an Kunst“, sagt Andreas. „Zwei, drei Sachen haben wir gesehen, aber die Geldbörse ist eher schmal. Wenn was unbedingt ins Auge springt, was der Geldbörse entspricht, kaufen wir vielleicht. Aber dann nicht unbedingt da, man wird sich dann was ausmachen… Also ich würde nicht mit dem Packerl von da heimgehen.“

Besuchen sie auch internationale Messen? „Na, wir san Wiener und gehen halt manchmal in Galerien und Museen.“ Die Vienna Contemporary, die heute auch eröffnet, „ist aber rein zeitmäßig am Wochenende nicht mehr drinnen“, sagt Guido.

Das Paar hat es heute „rein zufällig“ mit den Farben Gelb und Rot erwischt. „Obwohl wir zusammen leben“, sagt Andreas, „sind wir farblich so ausser Haus gegangen, ohne dass wir es geplant haben.“ Party gibt es heute keine. „Wir gehen jetzt mit Freunden essen“, sagt Guido. „Das ist die Form der Party jenseits von 50“, lacht Andreas.

Nenad

Nenad ist 36, es geht ihm gut. Er steht jeden Tag um 4 Uhr früh auf und geht dann mit seinem 13jährigen Hund Rocky am Wienfluß entlang spazieren. Um 5 Uhr früh fährt er dann vom 14. Bezirk aus zu seinem Arbeitsplatz bei der Stadt Wien.

Nenads Vater hat früher in der Wieselburger Bierinsel im Prater gearbeitet, einer legendären Wiener „Hütte“, die 2006 abgerissen wurde und an deren Stelle es heute Garagen gibt. Dort ging auch der ebenso legendäre Wolfgang Ambros immer hin, und irgendwann hat Nenads Vater ihm seine silberfarbenen Mercedes 500 SEC Limousine abgekauft, die nun seit 15 Jahren tiptop gepflegt bei ihm in der Garage steht. Ob er ihn jemals verkaufen würde? „Na, er ist jo net deppat!“

Vor Jahren hatte Nenand einen schweren Unfall: Er stieg nur kurz in sein Auto, um für die Kinder Pizza zu holen, da krachte ihm auf der Fahrerseite einer hinein – Hüftbruch, wochenlanger Krankenhausaufenthalt. Seither weiß er das Leben noch mehr zu schätzen. Aus Dankbarkeit trägt er ein Kreuz und fastet nun an mindestens einem Tag in der Woche.

Milli II

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Milli ist nach wie vor 79, heute geht es ihr gut. Wir sitzen an einem der letzten warmen Tages des Sommers vor dem Haus und sie erzählt mir vom Krieg: Ihre Eltern Franz und Maria haben 1938 geheiratet, im Jahr darauf musste der Vater „einrücken“. Ein paar Monate später bekam er Heimaturlaub, weil seine Mutter gestorben war, er sollte sie zu Grabe tragen dürfen. Zur gleichen Zeit sollte auch sein erstes Kind zur Welt kommen, aber es gab Probleme. Die Mutter war alleine mit der Hebamme am Hof.

Es war Winter, und Milli erzählt, dass der Vater mit dem Roß aus Oberweng hinüber zum Pyhrnpass fuhr, wo der Gemeindearzt gerade war. Dieser reagierte höchste besorgt: „Du liaba Hümmö, des geht net guad aus!“, soll er gesagt haben. Als er ankam am Hof, war das Kind bereits tot, und er konnte den kleinen Leichnam nur noch aus dem Bauch der Mutter herausschneiden. Franz trug während seines ersten Fronturlaubs seinen Sohn, der seinen Namen tragen sollte, in einer Schuhschachtel zu Grabe, zuvor schon begrub er seine Mutter. Danach musste er wieder in den Krieg, den er haßte.

1941 wurde Milli geboren, und 1944 kam ihr „Dati“, den sie während ihrer drei ersten Lebensjahre nur einmal während eines weiteren Fronturlaubes gesehen hatte, mit zerschossenem Arm aus dem Krieg nach Hause. „Irgendwer hat uns gesagt, dass er mit dem Zug in Spital ankommen soll. Die Mami hat uns schön hergerichtet, und wir sind ihm in Richtung Schifter hin entgegen gegangen. Dann hab ich ihn gesehen. Ich hab ihn die ganze Zeit gehalten und angeschaut, als wir nach Hause gegangen sind.“

Christine

Christine ist 75, es geht ihr gut. Sie kam nach dem Krieg als Zweijährige aus dem Sudentland nach Wien-Favoriten, ihr Vater war bereits da, denn er war Wiener. Sie besuchte dort die Volksschule, dann die Untermittelschule in der Nähe vom Amalienbad. 1962 maturierte sie an der Handelsakademie am Hamerlingsplatz in der Josefstadt. „Damals waren Burschen und Mädchen noch streng getrennt, Mädchen Schönborngasse, Burschen Hamerlingsplatz. Der Chemie- und Physiksaal zum Beispiel war oben, da haben wir müssen immer auf den Professor warten, weil wir nicht alleine durch den Burschentrakt durften!“ Die Direktorin verbot den Mädchen sogar das Tragen von Hosen. „Also, ich war nie in einem Kloster, aber ich glaub’, das war bei uns ärger“, lacht sie.

Danach begann sie in der CA-Zentrale beim Schottentor zu arbeiten, „Auslandsabteilung“. Dort kam sie „in ein Büro mit sechs Leuten oder so was, in dem alle rauchten. Vor lauter Rauch hab ich die Leute kaum gesehen, und gestunken hat es!“ Umso mehr genoss sie ihre Urlaube in Mexiko und Kalifornien, Griechenlandfan war sie Zeit ihres Lebens.

Mit 30 begann sie dann selbst noch zu rauchen, zunächst „die dünnen, langen EVEs, nicht ganz ein Packerl am Tag“, nun raucht sie Chesterfield. „Aber ich paffe mehr, als dass ich rauche. Jetzt in der Coronazeit allerdings mehr als früher“, lacht sie wieder. Obwohl sie schon öfter bei Ärzten war, hat der kinderlos Geschiedenen noch keiner gesagt, dass sie aufhören soll. Also zündet sie sich eine an und genießt die Sonne.

Yassin und Can

Yassin (links) und Can sind 16 Jahre alt, beiden geht es „super“, weil sie endlich wieder auf die Wuchtel drauf hauen können, nach den Wochen ohne Fußball. Sie kommen gerade zum Training des Post SV in Wien Hernals, dort spielen sie auf Kunstrasen, der ist schwieriger zu beackern als natürliches Geläuf. Um das Gelände herum bringen sich gerade Immobilienentwickler in Stellung, man weiß gerade nicht, wie das hier weiter geht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Yassin spielt schon seit zehn Jahren Fußball, davon drei Jahre beim Wiener Sportklub drüben. „Da wurde ich Meister“, sagt er stolz. Danach hatte er nicht nur wegen Corona Spielpause, sondern konnte schon zuvor „wegen Knieproblemen sieben Monate nicht spielen, das war zaaach.“ Er spricht bereits wie ein Routinier.

Beide sind klassische „Sechser“, lenken das Spiel nach vorne aus dem zentralen Mittelfeld heraus und schirmen die Verteidigung ab. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Yassin, der schneller ist, dafür ist Can „technisch besser, auch kopfballtechnisch.“ Wer sind ihre Vorbilder? Yassin: „Boah, es gibt so viele gute Spieler!“ Can: „Zidane!“

Gernot

Gernot ist 63, es geht ihm gut. Vielleicht, weil er superfit ist? „Hoarch zua“, sagt er mit Kärntnerischem Idiom, „ich bin ein Jogger, ich lauf regelmäßig 100 Kilometer im Monat, mir macht das Spaß, ich hab einen Freud‘ beim Laufen und Zeit zum Nachdenken, da fallen einem tausend Dinge ein.“ Heute geht er wieder auf die Alte Donau, da dreht er genau zwölf Kilometer, „und das ist perfekt.“ Ernährungstechnisch macht er nichts Besonderes, „normal essen, den normal üblichen G’spritzten am Abend trinken, das ist es.“

Wir treffen uns im EKZ in der Großfeldsiedlung vor der Pizzeria Casa D’Oro, in der ein alter Haberer von ihm, der schon bessere Zeiten gesehen hat, seinen Wahlkampfauftakt für die kommende Wahl in Wien bestreit, in der Pizzeria spielt bereits ein „Music man“, der sich „Music men“ nennt, an seinem Keyboard und singt „Rote Lippen soll man küssen“. „Ich bin ein großer Fan vom Music Men“, sagt Gernot. Privat hat er ihn freilich noch nie engagiert.

Gernot stürtzt sich ins Getümmel, um „zu polarisieren, das ist im Wahlkampf das wichtigste.“ Wenn sein alter Haberer ein paar Prozent schaffen sollte, dann wird er sich ein paar Spritzer gönnen.

Junki

Junki „wie der Junkie ohne E“ ist gerade 71 geworden, es geht ihm nicht gut. Er war mal Deutscher, jetzt ist er Wiener, wir sitzen vor dem Café Rossi, wo er das zweite von heute vermutlich noch sehr vielen Krügerln oder großen Bieren, wie sie in Deutschland dazu sagen, trinken wird. „Schmeckts?“ „Ja, sehr!“

Wie ist sein 71jähriges Leben bisher verlaufen? „Bis jetzt hat sich kein Schwein dafür interessiert!“, sagt er und nimmt einen Schluck. Er hat zwei Ehen hinter sich gebracht, soviel lässt er sich entlocken, und seine Kinder hätten Glück gehabt, lacht er, denn es gibt sie nicht.

„Es werden jeden Abend mehr Biere“, sagt Junki dann mit traurigem Blick, denn er hat gerade Mädy begraben, seine Katze, die er einst aus dem Tierschutzheim gerettet hat. Er schreibt das y in ihrem Name mit zwei Punkten drauf, „weil das so fröhlich ausschaut.“ Mit den Bieren verdrängt er die Erinnerungen an sie, die zehn Jahre lang bei ihm lebte und sogar auf dem Kopfpolster geschlafen hat, was ihn manchmal durchaus störte. „Aber jetzt vermisse ich sie.“

Christoph

 

Christoph

Christoph will mir nicht sagen, wie alt er genau ist, aber ein paar Jahre jünger als der Stephansdom, vor dem ich ihn treffe, ist er ganz sicher. Und dass er aus Voralberg stammt, das kann er erst recht nicht verheimlichen, ich höre es, als er mir sagt, wie „super!“ es ihm geht. Aber nicht etwa, weil er so viel Manner Schnitten gegessen hätte, dass er schon wie eine entsprechende Verpackung ausschaut!

Der gelernte Seinmetz und Restaurateur arbeitet in der „Bauhütte“ links neben dem Stephansdom, die hinter Absperrgittern versteckt ist. Abfallende Stuckteile, Engerl oder die Wasserspeier in Gestalt dämonischer Tiere, die von Regen, Wind und Abgasen ruiniet wurden, kommen zu ihm und den Kollegen in die Werkstatt, wo sie maßstabgetreu nachgebaut werden. „Wie viele im Jahr?“, frage ich. „Oh, sehr viele!“, sagt er. „Alles können wir natürlich nicht neu machen, aber wir bemühen uns.“

Während die meisten Bauerbeiter ihren „Blaumann“ mit Stolz tragen, trägt er seinen „Rosamann“ mit nicht weniger Stolz. „Der alte Herr Manner, der vor vier Jahren gestorben ist, sponserte mich, weil ihm der Dom ein Anliegen war.“ Und weil Christoph halt auch ein bisserl gut ausschaut darin.

Kathie

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Kati geht es gut, sie wird bald 37. „Gott sei Dank“, sagt sie, „ich kann es kaum erwarten!“ Denn mit jedem Lebensjahr werde sie gescheiter. „Ich bin echt entspannt, muss ich sagen, das ist eine der wenigen Lebensphasen gerade, wo ich echt entspannt bin.“ Sie kommt aus Burghausen in Bayern, „da gibt es ein Internationales Jazzfestival, wo schon alle gespielt haben, die Rang und Namen haben. Aber das ist natürlich alles nichts gegen Wien!“ Da kann sie mitten in der Nacht auf eine Blechtonne springen und sich in Pose werfen.

Ausschauen tut sie ihrer Meinung nach gerade „sehr gediegen und total normal, ich kleide mich halt gerne. Schau, die Hälfte von meinen Kleidern hab ich vereerbt gekriegt, meine Mama hat schon alles aufgehoben, das schlepp ich mit. Und ich selbst sammle Kleider, seit ich 14 bin.“ Sie kauft altes Zeug, das meistens nicht paßt, bringt es zum Schneider und lässt es restaurieren. „Sachen, die 30 Jahre alt sind, halten trotzdem länger als der Scheiß, den man überall kaufen kann. Fuck Discounter! Die find ich wahnsinnig Scheiße!“ Peckerl sammelt sie auch. „Meine erste Tätowierung siehst du jetzt aber nicht!“, lacht sie, „da war ich 17!“

Seit wann sie in Wien ist? „Jetzt lass mich sinnieren, 2012? Na, Schmarrn! 2008! Und ich bin sieben Mal umgezogen, mich hat es umanandatrieben. Angefangen in der Thaliastraße, dann in die Nußdorferstraße, dann Wichtelgasse, von dort zum Radetzkyplatz, dann Kundmanngasse,  dann Esterhazygasse, und jetzt in die Burggasse. „Weißt eh, wie man in Bayern sagt? Zwei Mal umgezogen, einmal abgebrannt.“

Sabina

Sabine

Sabina ist 55, es geht ihr sehr gut. Gerade hat sie in der Loos Bar im Ersten Bezirk ein Kleid abgeholt mit einem Sissi Motiv drauf, „das meine Stimmung extrem hebt.“ Kosten? „190,-. Aber wenn man was haben will, dann fragt man sowieso nicht nach dem Preis.“ Sie legt 200 auf den Tisch, die zehn Euro Trinkgeld gehen an „die Tiere“: In Gars am Kamp hat sie gerade „die Jessy“ vermittelt, einen zweijährigen Hund aus Griechenland, um den sich eine Freundin gekümmert hat.

Das Kleid wird sie bei der Einweihung ihrer „Villa Abendruh“ tragen, die sie in Reichenau an der Rax gekauft hat. Der Kaiser hatte diese einst gebaut und seinem Kammerdiener zur Pensionierung geschenkt, nun gehört sie Sabine. Sie vermittelt seit 22 Jahren Hauspersonal im „sehr gehobenen Bereich“ –Butler, Gesellschafterinnen, Köche, Chauffeure, Nannys oder Landschaftsgärtner, was man halt so braucht.

In ihrer Villa möchte sie ab Herbst im renovierten Salon das Personal weiter bilden, zum Beispiel: „Ich hab’ Tomaten angebaut – wie kann ich die ohne Storm konservieren? Dafür hab’ ich so einen alten Ofen gekauft, den ich mit Holz einheizen kann.“ Heute heißt das „Nachhaltigkeit“, aber dieses Wort kann sie nicht leiden, daher nimmt sie es erst gar nicht in den Mund.