C + M + B 22

Den Heiligen Drei Königen samt dem Stern geht es gut, als ich sie heuer am 6. Jänner auf der Straße hinter der Stadthalle treffe, sie heißen wie immer Kaspar, Melchior und Balthasar und werden in diesem Jahr von Julia und  Lena (beide 14) sowie  Flora (12) dargestellt, die 11jähirge Sarah ist der Stern. Sie hat zu Weihnachten einen Zauberstab von Harry Potter geschenkt bekommen und ist daher für den Job bestenes gerüstet. Die anderen bekamen alle ganz viele Bücher, nur Lena freute sich über ein neues Handy, weil das alte kaputt war.

Angeführt wird ihre Gruppe von Kira (23), Pfarrer Martin aus der Pfarre Neufünfhaus, ein Charismatiker, hat sie in die Welt hinaus geschickt, um Spenden zu sammeln: „Die Zerstörung des Regenwaldes bedroht das Überleben der indigenen Völker und beschleunigt die weltweite Klimakrise“, heißt es heuer. „Deine Spende gibt ihnen den Mut, sich zu verteidigen, und ist ein wichtiger Beitrag, die grüne Lunge der Erde zu erhalten. Herzlichen Dank!“ Wenn ihnen bei einer Türe nicht aufgemacht wird, stößt Sarah keine Verwünschungen à la Harry Potter aus, sie nehmen es sportlich.

Vier Häuserblöcke liegen heute vor ihnen, wenn sie dann noch Motivation haben, können sie zwei weitere machen, mal sehen.  Macht´s Spaß? „Jaaaa!“ Ob sie gerne in die Kirche gehen? „Najaaa….“ ist die übereinstimmend reservierte Antwort. „Schooooon…aber nicht sooooo.“ Die Geschichte, wegen der sie heute unterwegs sind, immerhin kennen sie: „Die Heiligen Drei Könige sind zum Jesus gegangen und haben ihm Geschenke gebracht.“ So und nicht anders war’s.

Fausto

Fausto ist 57, es geht ihm gut. Der pensionierte Junggeselle war früher als Chemiker bei der italienischen Weltfirma Zanussi in Pordenone angestellt, bekannt für „Weißwaren und Haushaltsgeräte“. Seit Jahrzehnten freilich gehört Zanussi einem schwedischen Konzern, der die Italiener für den Billigsektor produzieren lässt. Etwas, das Pier Paolo Pasolini, dem Künstler, Katholiken und Kommunisten, sicher nicht gefallen hätte.

Am Friedhof von Casarsa della Delizia zeigt mir Fausto dessen Grab, der Baum darauf symbolisiere eine Krone, weiß er, die Stele davor im Kies verweise auf ihn als Schriftsteller. Nach wie vor kämen Menschen aus aller Welt hierher, um des berühmtesten Sohnes der kleinen norditalienischen Stadt, der 1975 in Rom ermordet wurde, zu gedenken. Aber auch seiner Eltern Carlo und Susanna, die eine geborene Colussi war.

Colussi, erzählt mir Fausto, als wir gemeinsam zurück in die Stadt gehen, wäre hier der dominierende Familienname, es gäbe so viele, dass man immer deren jeweilige Tätigkeit vor den Namen setze, um sie zu unterscheiden: Der „Hosen-Colussi“, der „Installateur-Colussi“ usw. Auch das Café, in das er mich auf einen Doppio einlädt, gehört einem Colussi, es liegt gegenüber dem Haus von Pasolinis Großeltern, das heute ein Museum ist und wo er als Kind viele Sommer verbrachte. Bei diesem Haus, erzählt mir Fausto, hätte er als Fünfjähriger den Filmemacher gesehen, er war 1969 mit Maria Callas während der Dreharbeiten zu Medea, die weiter östlich in Grado stattfanden, in Casarsa zu Besuch gewesen. Ein Erlebnis, das Fausto bis heute bewegt.

Elisabeth

Elisabeth ist 61, es geht ihr super. „Weil ich in Pension bin, das ist toll!“ Früher hat sie als Fremdenführerin hauptsächlich in Wien gearbeitet, „man macht aber auch Fahrten woanders hin, dann ist man allerdings Reiseleiterin.“ Der Unterschied? „FremdenführerInnen sind teurer!“

„Der Job war uranstrengend!“, sagt Elisabeth. „Ich habe danach wirklich keine Touristen mehr sehen können. Bei bestimmten Spaziergängen wußte ich nämlich: Wenn ich da ums Eck biege, und hinter mir läuft sagen wir eine deutsche Gruppe, dann sagt GARANTIERT eine Deutsche: Da hättn ma jetzt aber alleine nicht hergefunden! Jedes Mal! An derselben Stelle! Über Jahre! Irgendwann hälst du das nicht mehr aus!“

Fähnchen und Schirm hielt Elisabeth ebenfalls nie in die Höhe, darum hörte sie Sätze wie: Ach wissen Sie, als wir in Marokko waren, da hatte unsere Reiseleiterin einen grünen Schirm! Menschen in Gruppen von 50, ist eine ihrer Erfahrungen, würden gebündelt die Eigenheiten einer ganzen Nation hervorbringen: „Wenn ich Deutsche vor der Pestsäule stehen lasse, dann stehen die nach einer halben Stunde immer noch dort. Die Italiener muss ich im halben Ersten Bezirk suchen!“

Was anderes: Am Freitag, 1. Mai 1981, zog Elisabeth in den 15. Bezirk. Am Sonntag, dem 3. Mai, stand die Stapo vor ihrer Türe, zwei Typen in Trenchcoat und Hut. In dem Haus, aus dem sie ausgezogen war, fand nämlich die Waffenübergabe für den Mord an Stadtrat Heinz Nittel statt. Einzig positiver Nebeneffekt dieses ersten Mordes der Gruppe Abu Nidal: Es wurde die Band „The Dead Nittels“ gegründet. „Und die war gar nicht schlecht!“

Milli X

Milli ist 80 Jahre alt. Im Sommer wurde bei ihr beginnende Demenz diagnostiziert, die Welt um sie herum wird mit jedem Tag etwas kleiner. Wie geht es ihr also? „Es geht mir beschissen“, sagt sie, als wir am Christtag in der Küche ihres Hauses beisammen sitzen und uns seit einer halben Stunde krumm lachen. „Jeder Tag ist beschissen“, wiederholt sie, „aber wenn ich hinaus gehen kann, dann ist der Tag gut. Dann schau ich als erstes, ob ich ausrutschen werde oder ob ich weiter gehen kann. Ob es trocken ist oder nass. Wenn eine Zweite mitgeht, dann ist es super, wenn nicht, auch. Ich gehe ja auch gerne alleine. Neulich hab ich den Weg hinunter zum Moosbauer alleine gespurt, so viel Schnee war, der Moritz unten hat so gelacht, mit dem hab ich ja immer so eine Gaudi. Wie es heute wird, weiß ich nicht. Es schaut jedenfalls beschissen aus.

Mich hat es heute in der Nacht fast zwei Mal zerrissen, das haben jetzt so viel, den Schnupfen, den hast eh du auch, viele jammern. Du fängst das Schnäuzen an und hörst nicht mehr auf, das ist ja direkt eine Krankheit. Kann eh sein, dass es eine Krankheit ist. Man ist verschnupft, verkühlt, der Nebel dazu und alles. Das ist ja eine Frechheit! Das kann ich euch sagen. Da schaut man ausse beim Fenster und du siehst nichts als die depperten hinigen Bam, meine Güte, und da oben der Himmel, pfui Teufel, nur grau. Das ist einfach keine Zeit nicht mehr, es müsste doch längst Frühling sein! Und was ist? Tiefster Winter! In was für ein Land soll ich denn ziehen, dass es gescheiter wird? Aber, halt, ich bleib trotzdem da. Musst am Schluss schreiben: Hier ist das schönste Land bei mir, im Sommer werden wir wieder alles voll haben. Meine Freundinnen müssen dann wieder kommen, dann geht´s wieder los, der Herbert bringt uns einen Schnaps, na bitte.


Wenigstens der Tee ist gut, ah, der ist wirklich gut. Bis jetzt hab ich ja immer den gleichen Tee getrunken, aber der ist anderes, der ist gut. Wenn er recht gut ist, dann sag ich es der Liesi von Essen auf Rädern, sie soll mir einen bestellen, so zehn Stück oder so was. Die kommt dann eh gleich, naja, ein bisserel dauert´s noch.


Was ich für Weihnachtsport bekommen habe? Der Willi und die Inge, ganz lieb. Und die Getraud und der Hansl mit der dicken Schrift. Das muss ich mir aufheben, das ist ja auch was. Schön, schön, schön ist das. Ob ich noch eins erwischen werd, so ein Weihnachten, das weiß ich ja nicht. Ich bin schon ziemlich verbraucht, sagen wir so, eigentlich total verbraucht. Wie meine Mami gesagt hat: total verbraucht. Aber wir geben nicht nach, weil wie du einmal nachgibst, bist du schon weg. Die Jugend hat ja keine Ahnung, was man für Schmerzen hat. Au weh.


Dich kenn ich ja von Klein auf, wie du so ein Butzerl warst. Recht viel anders bist ja nicht geworden seither, eingeschläfert hab ich dich so oft, wenn du gar nicht schlafen hast wollen, hab ich dich eingeschläfert, dann hab ich dich gekuschelt, dass der Burli wieder schlafen kann, dann haben wir alle zwei recht lang geschlafen. Jetzt muss ich dann aber aufhören, weil sonst werd ich schwindelig vom Lachen, und dann fall ich womöglich um. Aber dass wir zwei noch so eine Gaudi haben, ist auch schön. Andere trenzen schon lange, brauchst nicht alles so ernst nehmen im Leben. Das Leben ist ja ein Fest, da vergisst man die Schmerzen, dann ist das Leben eh wieder schön.


Meine Güte, hätten alle hin und wieder so eine Gaudi, dann wären sie nicht so bös, du musst halt hin und wieder eine Gaudi haben. Haben wir auch gehabt, auch wenn wir viel gearbeitet haben, dann haben wir halt gesagt: So eine Gaudi! Aber jetzt hören wir auf, wir haben lange genug geblödelt, wir sind ja gescheite Leut. Mei, ist das Leben schön. Ich mein, heute kommt sogar die Sonn heraus. Jetzt war sie eh schon lange nicht da, die muss heute eh einmal rauskommen, sonst gibts was. Also zu was für einem Kabarett soll ich denn gehen? Ich hab gar nicht gewußt, dass ich so ein Talent habe, na super, ich hab gemeint, mit dem Geschirr abwaschen sind meine Talnte erledigt, dabei muss du Depp jetzt so viel lachen. Ach, der Tee ist wirklich gut.

Jesus v. Nazareth

Jesus v. Nazareth ist – noch! – 2020 Jahre alt, als ich ihn am 17. Dez. am wunderschönen Friedhof von Casarsa della Delizia im italienischen Friaul treffe. Dort hängt er an einem Grabstein in der Sole herum, es ist wunderbar tranquillo, beinahe friedlich. Er schaut auf das Grab des Dichters P.P. Pasolini hinüber, der ja wie er ein Leftie war, ein Freund der Abgehängten und Ragazzi di Vita, und obwohl er – wie immer eigentlich – verklärt drein schaut, ist J.C. an diesem Tag nicht glücklich: „Mi sento schifo!“, klagt er, es geht ihm beschissen. Was ich nicht verstehe, denn: „Du bist doch Gott!“

„Aber im Veltliner und im Öfferl bin ich eben auch drin!“, entgegnet er gereizt, als würde er unter den Zuschreibungen für sein Fleisch und Blut leiden. Jedenfalls: Die Sache mit der Nächstenliebe, klagt er, käme als Message überhaupt nicht an, und die Menschenkinder insgesamt: „Vielleicht nicht der beste Teil meiner Schöpfung! Da ist mir der Hirschkäfer besser gelungen.“ Ob er dreieiniger Gott uns also etwas sagen wolle, frage ich, etwas, das wir noch nicht wissen? „Ich war nie blond!“, sagt er. „Und mit Maria Magdalena lief nix, niente!“

J.C. gewährt mir dann noch eine letzte Frage, und ich möchte wissen, ob er Inter- oder Milan-Fan ist. „Pazza Inter!“, ruft er. Verrücktes Inter! Das war´s auch schon wieder, keine Fragen mehr. Ich rufe ihm „Alles Gute zum Geburtstag, falls wir uns nicht mehr sehen!“ zu, und er entgegnet: „Vaffancül!“ Ganz gereizte Mailänderin, die er eben auch ist! Dann drehe ich mich um, dankbar, ihn getroffen zu haben, und gehe hin in Frieden.

Winfried

Winfried ist 84, es geht ihm sehr gut. Seine Tochter Sonja betreibt in Rattenberg die alteingesessene Buchhandlung „Der Armütter“, und das kam so: „1799 wanderte ein Peter Stichlberger vom Bischof in Salzburg hierher, verkaufte Gebetsbücher und erweiterte um eine Buchbinderei. Dann wanderte ein gewisser Jacob Armütter aus dem Rheinland zu und suchte eine Stelle als Buchbinder, er fand sie und heiratete, erweiterte um eine Papierhandlung. Der Sohn meines Großvaters hätte die Buchhandlung übernehmen sollen, blieb aber im Krieg, also übernahm meine Mutter, und ich übernahm von ihr und meine Tochter von mir.“

Seit 1830 ist das Haus im Familienbesitz, irgendwann hießen sie Altenburger, aber auch die interessierten sich für Bildung und Kunst. So absolvierte Winfried als Spätberufener ab 2000 noch ein Studium der Musikwissenschaften in Innsbruck: „Das war toll, aber die Bücher sind das Tollste!“

Alle zwei Wochen nimmt seine Tochter ein Filmchen mit ihm auf, in dem er ein Buch vorstellt, das Filmchen sieht man dann auf Facebook. Zuletzt: „Eine Geschichte des Burgunderreiches, in der auch Maximilian vorkommt, der Maria von Burgund geheiratet und so das Habsburgerreich vergrößert hat. Unter seiner Regentschaft kam auch Rattenberg von Bayern nach Tirol, was jedem gestandenen Tiroler natürlich wichtig ist. Ich bin hier geboren und aufgewachsen“, lacht Winfried, „und ich bleibe hier verwurzelt, wie ein Tiroler halt verwurzelt ist.“ Nach Wien fährt der Kulturinteressierte aber trotzdem gerne, „man muss ja auch hin und wieder in die Oper oder in die Burg“

Martin

Martin ist 66, es geht ihm gut. Er stammt aus der Nähe von Dortmund, lebt aber in der Tiroler Glasstadt Rattenberg, wo ich ihn am Ufer des Inns treffe. Es ist saukalt, als er mir gegenüberliegend die Rofanspitze, das Vordere Sonnwendjoch und den Roßkogel zeigt, die Berge haben es ihm angetan, als er sich vor 28 Jahren dachte: Arbeiten muss man überall, Dach überm Kopf braucht man überall, also warum nicht hier? Nun kann er so oft er will die Bayreuther Hütte besuchen, 1908 von der Familie Lentsch aus Hall in Tirol als „private Rofanhütte“ erbaut, 1926 von der DAV-Sektion Bayreuth gekauft, auf 1575 Metern Höhe gelegen.

Hier würden viele Deutsche leben, erklärt er mir, irgendwann wäre man hierher gekommen, im Urlaub, wegen der Arbeit. „Und ich hab dann auch mal ne Frau kennengelernt. Die gibt´s jetzt nimmer, aber ich bin immer noch da“, lacht er.  

Während der letzten 18 Jahre hat Martin von München aus gearbeitet, ist jeden Montag in der Früh die 130 km dorthin gefahren und hat während der Woche als Medizintechniker für Beatmungsgeräte die Region Bayern und Baden Württemberg bereist. Freitagabend war er wieder zuhause und hat sich auf seine Wohnung gefreut, im obersten Stock unterm Dach eines der mittelalterlichen Häuser gelegen. Die Touristen aber, die wegen dieser Häuser kamen, wären viel weniger geworden, erzählt er mir. Er erinnert sich an 50 Busse am Parkplatz, „wenn jetzt mal drei oder fünfe da stehen, dann ist das viel.“ Mit seiner Abfindung hat sich Pensionst nun das kleinste dieser Häuser in der Stadt gekauft. Dort werkt er herum, bis man die Gehsteige hochklappt, was um 18 Uhr verlässlich passiert.