Milli IV

Milli ist nach wie vor 79, sie friert ein bisschen, als sie im Wohnzimmer sitzt, vor dem Bild, das ihr Geburts- und Elternhaus zeigt. Sie hat sich in eine Decke eingewickelt, ich sage: „Erzähl mir vom Brotbacken.“

„Vom Brotbacken? Na gut, das hab ich von meine Mami gelernt, deiner Omi. Der Dati, dein Opa, ist mit den Rössern immer zum Klein-Bäcker hinunter gefahren und hat ihm das Troat, das Getreide, gebracht, dafür hat er dann das Mehl mit heim genommen, in Säcken.

Die Mami hat dann immer über Nacht einen Sack Roggenmehl und einen Sack Weizenmehl in einen großen Holztrog geschüttet, dazu das Salz, die Gewürze, die Germ. Der Trog ist in der Stube gestanden, da war es schön warm und der Teig hat arbeiten können. In der Früh hat sie ihn dann mit den Händen bearbeitet, das war eine starke Arbeit, du, glaub mir, die hat eine Kraft gehabt.

Dann hat sie aus dem ganzen riesigen Teig ich glaub immer zwölf oder dreizehn Laibe gemacht und in eine Model hineingedrückt, da war dann immer das Muster drauf am fertigen Brot. Der Ofen hat natürlich richtig heiß sein müssen, sie hat genug Buchenholzscheiter hinein getan, und dann hat sie die Laibe mit der Brotschaufel in den Ofen hinein geschoben. Gedauert hat das, ich weiß nicht, eineinhalb Stunden? Sie hat dann immer wieder eines herausgenommen und drauf geklopft, daran gerochen, es hat halt passen müssen, es hat einfach passen müssen. Nicht zu hart, nicht zu weich.

Das fertige Brot hat dann gerochen, herrlich! Dein Opa hat dann über den ersten Laib drei Kreuze geschlagen, dann hat er es angeschnitten. Wenn die Männer ins Holz gegangen sind, dann haben sie sich ein Brot und einen Speck mitgenommen. Wir haben Butter- und Honigbrote gekriegt. Ausgekommen sind wir mit ein Mal Brotbacken vielleicht zwei Wochen, vielleicht eine.“

„Und du hast dann später das gleiche Brot gebacken wie die Omi?“

„Ich hab das gleiche gebacken. Ein bisserl heller vielleicht.“

„Und wer ist dein größter Fan?“

„Der Alexander von der Roswitha oben. Der ist vier, und immer, wenn er zur Haustüre kommt, fragt er, ob ich was Süßes habe. Und dann sagt er: Aber wenn du nix Süßes hast kannst mir ein Brot auch geben, ich weiß eh, wo du es hast, geh in den Keller und hol eins. Dann hol ich ihm eins, wenn wenn er dann hinaufgeht zum Haus von der Roswitha sehe ich ihn schon hineinbeißen, in den ganzen Laib.“

Bedirhan

Bedirhan ist 23, es geht ihm gut. Er trifft sich an diesem Freitagabend mit seinen drei Freunden Kevin (auf einer Rieju 125 Supermoto), Danijel und Alexander (jeweils eine 125er Yamaha) auf der Märzstraße. Bedirhan fährt eine böse aussehende 600-ccm-Kawasaki-Ninja um 7500 Euro, „ich habe zwei Jahre gespart und sie mir voriges Jahr nagelneu gekauft, in bar“, sagt er.

Er hat einen Fulltime-Job als Lagerarbeiter, in seiner Freizeit ist er aber „zu 90 Prozent auf dem Motorrad“, lacht er. Dann trinken sie Capri-Sonne und stehen neben ihren Maschinen herum und fachsimpeln oder fahren darauf durch die Stadt.

Heute werden sie noch „ein bisserl die Straßen unsicher machen“, sagt er, den Gürtel entlang in Richtung „Triester Straße, unsere berühmte Straße, wo man immer wieder mal ein bisserl Gas gibt“, was sie „drücken“ nennen. Im Frühling hat Bedirhan ein wenig zu stark „gedrückt“, 120 km/h statt der erlaubten 30, was zu sechs Wochen Führerscheinabnahme führte. „Aber ich hab mich so gefreut: Motorrad aus der Garage raus, Saisonbeginn …“

Gerhard

Gerhard ist 60, es geht ihm gut. Der Bezirksvorsteher des 15. Wiener Gemeindebezirkes Rudolfsheim-Fünhaus hat mit seinen Roten am vergangenen Wahlsonntag zwar ein halbes Prozent abgebissen, „aber man kann trotzdem zufrieden sein“, sagt er, 38,5 Prozent sind nicht nichts. Hat er also gefeiert? „Na, gefeiert hab ich nicht, ich war bis zehn, halb elf drüben in der Bezirksvorstehung und bin eigentlich sehr müde nach Hause gekommen.“ Hat diesmal alles funktioniert bei der Auszählung? „Alles!“

Wie läuft es in so einem Bezirksparlament? Gibt es Soletti und Bier? „Das weniger“, lacht er, „höchstens Mineralwasser.“ Und verstehen tut er sich auch mit den Vertretern der anderen Parteien recht gut. „Es sind die Zugänge halt so, dass nicht alle gleich nein sagen, wenn einer eine Idee hat. So ein Bankerl hat ja kein Schleiferl in dieser oder jener Parteifarbe, es ist ein Bankerl, und wichtig ist, dass es aufgestellt wird.“

Was ist die beste Hütte im 15.? „Noch immer der Augustin. Den kenn ich von meiner Jugend her. Die Vorbesitzerin, die hat ja gehabt einen Papagei.“ Hat er vom Papagei gelernt, wie man eine gute Rede hält? „Na“, lacht er, „das hab ich nie richtig gelernt. Wichtig ist, dass ich überzeugt bin von dem, was ich sage. Auf einer höheren Stufe täte ich mir schwerer.“

Wie viele Bäume haut er nächstes Jahr um? „Gar keinen!“

Ulrich

Ulrich ist 63, es geht ihm „gerade so passabel“, als ich ihn bei Kälte und Regen vor der Malteserkirche in der Wiener Kärntnerstraße treffe. Da war er gerade drinnen, weil er inmitten des Trubels gerne die Stille und Ruhe einer Kirche mag. Auch hat er zwei Kerzen für seine verstorbenen Eltern angezündet, „das mach ich immer wieder mal. Und in dieser Kirche war ich noch gar nie drinnen.“

Er lebte bis vor einem Jahr in Venedig, dort hat er die Zelte abgebrochen, und jetzt lebt er in Wien. Er ist gerade am Weg in Richtung Cafe Bräunerhof, wo „ich mich mit Thomas Bernhard treffe“, lacht er. Aber auch mit einem Regisseur, für den er einen Erotomanen spielen soll. Den Erotomanen hat er immer noch drauf? „Aber sicher!“

Wie immer ist er tiptop gekleidet, die Schuhe sind handgefertigt und einiges an Kleidung vom Schneider, die Hose ist aus Zürich. „Ich lasse mich nicht vereinnahmen von der Bekleidungsindustrie!“, sagt er bestimmt. Und auch nicht von Facebook, Insta und dem ganzen Schrott, Internet hat er bis heute keines.

Wir zeigen uns gegenseitig die alten Boomer-Handys, mit denen wir jeweils hantieren, und lachen herzlich darüber. Dann verabschieden wir uns in die Kälte und Nässe des Tages, ich hinauf in Richtung Apple Store, er hinüber in Richtung Albertina.

Gabi

Gabi will mir nicht sagen, wie alt sie ist, ich schätze: „Mitte 50?“ Und sie antwortet fröhlich: „Danke!“ Das haben Sie schön gesagt!“ Es geht ihr gut, als ich sie vor der Pizzeria Casa D´Oro im EKZ in der Wiener Großfeldsiedlung im 21. Bezirk treffe, wo an diesem Tag der Wahlkampf von HC Strache, dem es gerade nicht so gut geht, beginnt. Es ist nicht viel los hier, ein paar solariumgebräunte Stiernacken in rosa Poloshirts mit aufgestellten Krägen stehen herum, und in der Pizzeria selbst spielt der Music Men mit „E“ im Namen „Rote Lippen soll man küssen“. Gabi ist ein Fan von HC, nicht vom Music Men. Sie ist politisch interessiert und hofft, dass er bei der Wahl den Einzug ins Stadtparlament schaffen wird, schon „aus dem demokratischen Gedanken heraus. Er wäre ein kleines Gewicht dabei.“Gabi war den ganzen März über noch in Thailand auf Koh Samui, kam mit einem der letzten Covid-Flieger der Lufthansa zurück und ging in Quarantäne, „was die Voraussetzung war, überhaupt mitgenommen zu werden.“ Vor zwanzig, dreißig Jahren entschied sie sich für ihre schöne Haarfarbe, um die sie sich nun alle vier Wochen kümmern muss, „je älter ich werde, desto öfter“, lacht sie. Und ihre dazu farblich abgestimmte Kleidung? „Ich ziehe mich nach Gefühl an, schaue, ob ich mich wohl fühle, und dann paßt es.“ Sie lebt in einer Beziehung und hat eine erwachsene Tochter.

Josef

Josef ist 60, es geht ihm gut. Der aus Judenburg in der Steiermark stammende Wiener kennt das heimische Kulturleben noch aus einer Zeit, als der Schülling ein bisschen lockerer saß: „Für eine Stunde ORF-Hörspiel hab ich damals in den Neunzigern 40.000 gekriegt“, in altem, „schönem“ Geld natürlich. Sein bekanntestes Werk hieß „Lieber schizophren als ganz allein“.

Josef erzählt mir, dass der damals in der Steiermark „die Schrunner Heidi aus Weißenkirchen“ gut gekannt hätte, „die war fesch, bist du deppert!“ Nicht zuletzt deswegen hat sich dann auch der große Grazer Dramatiker Wolfi Bauer für sie interessiert und dann sogar geheiratet, den hat er auch gut gekannt. In der Folge zog das Leben an ihnen allen vorbei, und der Wolfi Bauer ist mittlerweile längst tot.

„Wos ist des schaun, des Leben?“ fragt er auf gut Steirisch und mit nicht wenig Wehmut in den Augen. „A poar Soch’n mochst, daunn ist es vorbei. A Seele? Wos soll denn des sein bitte? So wos wia a Seele gibt’s net!“

Milli III

Milli ist 79, es geht ihr gut. Sie sitzt in der Küche unseres Hauses und schaut hinaus in den sonnigen Morgen, hinauf zum Warscheneck, es ist Sonntag und föhnig. „Erzähl von unserem Haus“, sage ich zu ihr.

„Na gut, unser Haus. Euer Vater ist ja immer beim Kraus drüben gesessen, im Wirtshaus, oder oben beim Islingbauer Sepp, beim Nachbarn. Wenn er mit der Milchkanne zu dem gekommen ist, ist der mit dem Mostkrug zu ihm gekommen, die zwei Narren … „

„Irgendwann hat er den Sepp dann gefragt, ob er nicht einen Baugrund für ihn hat. Baugrund hat er keinen gehabt, aber so einen Flecken Moor, feucht, nass, da hat er gesagt: Den kannst haben, da kannst dir dein Haus drauf bauen. Besoffen waren sie, gekostet hat der Grund fast nichts. Aber Euer Vater hat gewußt: Das wird schön.“

„Wir haben damals bei der Tante Frieda drüben gewohnt, am 26. Mai 1963 haben wir geheiratet, und am 7. Juni war schon der Bagger da. Dann hat er angefangen. Er hat ja im Lagerhaus gearbeitet, und von dort hat er alles mit herüber genommen, Ziegel um Ziegel. Aber ich hab mich ausgekannt, er nicht! Weil wir haben vorher bei uns oben im Singerskogel das Haus aufgstockt, und ich hab gewußt, wann bei der Türe oben der Tram hin kommt, er hätte ja immer weiter gebaut …. Und ich hab dann die Ziegel mit der Scheibtruhe hinauf gebracht, wie der erste Stock fertig war …“

Wann war das Haus dann fertig?

„Na, paß auf. 1964 ist dein Bruder geboren, und den zweiten Buam, hat er gesagt, will er, dass er im Haus geboren wird. Das warst dann du..“

„So lang habt ihr gebaut?“

„Was heißt so lang? So ein Haus ist ja nicht so schnell fertig….“

Peter

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Peter ist 39, es geht ihm gut. Er sitzt im Gastgarten seines Q Restaurants im oberösterreichischen Windischgarsten, trinkt Almdudler und raucht zufrieden ein paar Zigaretterl. Gleich sperrt er auf, anspruchsvolle Küche inmitten von Schweinsbraterl- und Knödelland, sieben Gänge für 77 Euro. „Regionaler Koch, regionale Prodkte“, sagt er, nur die Garnelen muss er von außerhalb holen. Er wurde bereits im Falstaff erwähnt, eine Haube oder ein Stern in den großen Gastroführern sind das nächste Ziel. Der Sommer, sagt er, „war der Hammer“, die ganzen Wiener Hipsterfamilien, die normalerweise anderweitig urlauben, hätte ihm die Bude eingerannt.

Heute feiert Peter fünften Hochzeitstag mit seiner Alena, mit der zusammen er zwei Kinder hat: Elias ist dreieinhalb, Pia ist ein Jahr alt. Mit Alena zusammen hatte er früher anstelle des Restaurants einen Hairsalon, aber die Haare interessierten ihn irgendwann nicht mehr. Seine Haare lässt er sich nun fünfzig Meter weiter die Straße hinauf bei der Kollegen schneiden, der Mafiastyle ist, so sagt er, „die letzte Frisur vor der Glatze.“

Noch ein bisschen früher hatte er auch eine Bar. „Da war ich immer bis fünf Uhr in der Früh da.“ Auch das interessierte ihn dann nicht mehr. Heute ist er froh, wenn er um Mitternacht zu Hause ist und zu seinen Liebsten unter die Decke kriechen kann. Das Erntedankfest morgen im Ort wird er daher auch ausfallen lassen, lieber mal länger schlafen.

Luma

Luma ist 19, es geht ihm gut. Der gebürtige Isländer studiert Medizin in Wien, auf seinen hohen, pinken Schuhen steht er zwei Meter hoch vor mir. Die Corsage zieht sich gerade ein bisschen eng um seine Brust. aber er fühlt sich „gut in meinem outfit, auch wenn ich hier im 15. Bezirk ein bisschen ängstlich bin.“ Gerade wurde er aus einem Auto heraus wieder mal angeschrien, den Ausdruck „Schwuchtel“ hört er dann praktisch immer.

„Generell würde ich mich als flamboyant bezeichnen“, sagte Luma, „als genderunkonform.“ Er identifiziert sich als Mann, fühlt sich gut als solcher, aber „mein expression style ist halt ein Mix aus beidem.“ Letzte Woche trug er „ein typisch maskulines Männerhemd mit Bürokrawatte in Kombiation mit High Heels“, die auffälligen Brillen bestellte er über eine asiatische Online-Plattform.

Wenn er auf der Straße geht, sieht er in Wien „nur normative Menschen, das könnte ruhig ein bisschen mutiger sein.“ Am besten war es für ihn, im englischen Manchester zu leben. Hier in Wien frei zu leben, so wie er es möchte, das kann er nicht. „Leider.“

Guido und Andreas

Guido (links) ist 53 und Andreas 58, beiden geht es gut. „Obwohl“, sagt Andreas, „schön langsam sind wir ein bisserl erschöpft, fünf Stockwerke oder so?“  Ich treffe sie im dritten von insgesamt sechs oder sieben Stockwerken oder so im alten Gewerbehaus am Rudolf Sallinger Platz im 3. Bezirk, heute läuft hier die Kunstmesse Parallel. Zwei Stunden sind die beiden schon unterwegs, sie sind keine Profis, „wir haben einfach Interesse an Kunst“, sagt Andreas. „Zwei, drei Sachen haben wir gesehen, aber die Geldbörse ist eher schmal. Wenn was unbedingt ins Auge springt, was der Geldbörse entspricht, kaufen wir vielleicht. Aber dann nicht unbedingt da, man wird sich dann was ausmachen… Also ich würde nicht mit dem Packerl von da heimgehen.“

Besuchen sie auch internationale Messen? „Na, wir san Wiener und gehen halt manchmal in Galerien und Museen.“ Die Vienna Contemporary, die heute auch eröffnet, „ist aber rein zeitmäßig am Wochenende nicht mehr drinnen“, sagt Guido.

Das Paar hat es heute „rein zufällig“ mit den Farben Gelb und Rot erwischt. „Obwohl wir zusammen leben“, sagt Andreas, „sind wir farblich so ausser Haus gegangen, ohne dass wir es geplant haben.“ Party gibt es heute keine. „Wir gehen jetzt mit Freunden essen“, sagt Guido. „Das ist die Form der Party jenseits von 50“, lacht Andreas.