Bibby

Bibby ist 50, es geht ihm so halbwegs. Er steht beinahe jeden Tag an meiner U3 Station und verkauft dort den Augustin, jeden Morgen begrüßt er dort unten freundlich meine Tochter, wenn sie in die Schule fährt, ein guter Beginn für einen oft beschwerlichen Tag. Beschwerlicher natürlich war Bibbys Leben: Er wurde in der Nigerianischen Hauptstadt Lagos als eines von acht Kindern geboren, genauer gesagt: in der zentral gelegenen „government aera“ Mushin, einer von insgesamt 16. „This is a rough district!”, lacht Bibby. “Rougher than Thaliastraße!“

Über Mushin stand vor einigen Monaten auf Nigeriannewsdirect zu lesen, dass die Regierung keine „ungenehmigten Bautätigkeiten“ mehr toleriere, und „kein Errichten von Shops auf Drainage-Wegen“. Von den Händlern werden oft Gelder kassiert, wegen deren Aufteilung es zu Kämpfen zwischen den Alamutu Boys and Akala Boys kam. Lagos ist ein chaotischer Riese, von dem Architekten wie Rem Koolhaas seit langem fasziniert sind.

Seine Eltern ermöglichten Bibby den Besuch der Schule und sogar der Universität, danach arbeitete er für eine Pharmfirma, aber: „You work, but you don’t get paid!“ Er sieht eine Zukunft für Afrika nur, „if corruption is wiped out!“

Weil das vor 15 Jahren längst nicht der Fall war (und auch heute nicht), zahlte er mehr 100.000 Nairas, um über Niger und durch die Sahara nach Libyen zu kommen. „Gadhaffi was still there“, die Folgergefängnisse von heute gab es noch nicht. Nachdem Bibby Platz auf einem Boot gefunden hatte, dauerte es vier Tage und vier lange, kalte Nächte auf dem Mittelmeer, bis er in Europa ankam.

Sandra

Sandra ist 52, es geht ihr sehr gut. Nach einem Englisch- und Italienisch-Lehramtsstudium unterrichtete sie bis zu ihrem 28. Lebensjahr, das Schulsystem freilich sagte ihr nicht zu. Also orientierte sie sich neu und wurde Lebens- und Sozialberaterin. Als solche darf sie nicht am „krankheitswertigen Leid“ arbeiten, sondern nur mit gesunden Menschen, geht also keinem Heilberuf nach, sondern ist Dienstleisterin.

Sie selbst erlebte 2007 eine Art Befreiungsschlag, als sie im Zuge eines Therapieseminars einen bildlichen Kreis um sich zog und diesen „Wertschätzungszone“ nannte. Mangelnde Wertschätzung wäre ein brennendes Thema, sagt sie, viele Menschen würden darunter leiden, wenn sie sich in einer Beziehung für das Gegenüber nicht als wertvoll empfänden. Das ginge bis zur Missachtung und Verachtung, „oder gar, wie David Schnarch gesagt hat, bis hin zum ehelichen alltäglichen Sadismus“. Ihr Rat: „Sich nicht von der Wertschätzung anderer abhängig machen, sondern einen liebevollen Umgang mit sich selbst beginnen, was dann auch bedeutet, dass ich mit meinen Mitmenschen liebevoll umgehe, weil ich mich ja selbst auch schlecht fühle, wenn ich andere zerstöre.“

Eltern-Kind-Verhältnis

Sandra entstammt einer Psychologenfamilie, sie beschäftigt sich auch stark mit dem Eltern-Kind-Verhältnis. „Warum zum Beispiel schreien Eltern ihre Kinder an, obwohl sie das nicht wollen? Überforderung, Angst, Hilflosigkeit, keine Alternative haben, nicht weiterwissen.“ Zum Thema gelang ihr sogar ein veritabler Bestseller, der in zehn Sprachen übersetzt wurde: „Mama, nicht schreien!“

Anton

Anton ist 20, es geht ihm gut. Er wuchs im ursprünglich als „Villenkolonie“ geplanten Berliner Westend auf, „die haben dort versucht, das Londoner Vorbild zu immitieren, und das haben sie auch ganz gut hingekriegt.“ Er besuchte die Katholische Schule Liebfrauen, „eine sehr durchschnittliche Schulerfahrung, aus der ich aber ohne gröbere Neurosen hervorgegangen bin.“ Ob er von dort neben dem Großen Latinum eine allgemeine Freude an Bildung mitnahm? „Hm. Freude nicht. Aber ein gemäßigtes Interesse!“

Seit zwei Jahren studiert er in Wien Forstwirtschaft und Philosophie. Förster will er aber vorläufig nicht werden, mit der „Deutschen Buche“, die angeblich besonders unter der Erderwärmung leidet, wird er nicht recht warm. Gerne verbringt er – klassisch! – seine Tage in Wiens Kaffeehäusern und ackert sich dort stundenlang durch Werke „von Populärphilosophen wie Žižek, der mir zwar nicht am Arsch geht.“ Aber weiter als bis zur Seite 13 hat er sich in dessen „selbst deklariertem Hauptwerk“, dem 1408-Seiter Weniger als nichts, auch noch nicht vorgeackert. Am meisten interessiert ihn bisher ohnehin der den Junghegelianern zugerechnete Max Stirner, gerne beschäftigt er sich auch mit der auf Platon zurückggehenden „Ideenlehre“ und philosophischen Fragen wie: Was ist ein Stuhl?

Neulich saß er im Innenstadtcafé Korb (auf einem Stuhl) und schmökerte ein wenig im Mann ohne Eigenschaften, als er plötzlich den deutschen Großphilosophen Sloterdijk im Gastgarten sitzen sah. Anton nahm sich ein Herz und bat ihn um ein Autogramm, und tatsächlich malte der ihm seinen Friedrich Wilhelm auf eine Tageskarte.

Edith

Edith ist 57, es geht ihr gut. Die gebürtige Linzerin kam 18jährig nach Wien, wo sie sich erst relativ spät mit 23 Jahren über eine Kleinanzeige im damals noch gedruckten BAZAR ein erstes gebrauchtes Saxophon zulegte. Heute spielt sie ein Instrument aus der französischen Fertigung „Henri Selmer, Paris“ mit einem eher schweren, vollen Klang.

„Es gab damals praktisch keine Frauen, die Saxophon spielten“, erinnert sie sich. „Dann kam die großartige englische Saxophonistin Barbara Thompson in Österreich vorbei. Sie war ausschlaggebend dafür, dass ich mich überhaupt zu denken getraute, dass ich das als Frau auch machen könnte. Oder die vielseitige Saxophonistin und Flötistin Martina Cizek.“

Mit vielen sehr guten Lehrern, aber ohne Studium, eignete sie sich ihr Können an. „Jedes Instrument stellt einen irgendwann vor Schwierigkeiten, wenn man einen gewissen Level erreicht hat, darum arbetet man ja sein Leben lang daran.“ Auf der Bühne ist sie durchaus extrovertiert, z.B. mit ihrer Band Freemotion: „Ich bin bekannt für meine Solos, das ist sicher eine Stärke von mir. Wichtig ist aber die Kommunikation mit den Kollegen“, damit die auch zu ihren Solos kommen.

Ein liebstes Jazzalbum hat sie nicht, besonders gerne hört sie aber Archie Shepp, Sonny Stitt, Gigi Gryce, Hank Mobley oder Steve Coleman. Gerne taucht sie in die sehr lebendigen Szenen Afrikas, aber auch von Harlem und Brookly in New York („Lee Odom! Caroline Davis!“) ein, dann geht´s los mit Jammen. „Kann man da einfach mitmachen?“ „Wenn die Locals finden, dass man gut genug ist – Ja! Man muss es halt einfach tun!“

„Giovanni“

„Giovanni“ ist 65, es geht ihm schlecht. Er betreibt eine Pizzeria hinter dem Wiener Rathaus, „das ist keine Wohnungegend hier, ich habe von den Beamten im Rathaus gelebt und von denen auf der Uni. Alleine die Uni-Mitarbeiter haben jeden Tag drei Tische belegt, aber jetzt? Nichts! Die Leute haben kein Geld? Geh! Das Home-Office bringt mich um!“ Wieviele Pizzen verkauft er noch? „Viel zu wenig! Net einmal ein Viertel! Geh! Noch weniger! Ich schwör´s Ihnen!“

Während wir reden, grüßt Giovanni freundlich Passanten: „Morgen Herr Doktor, Grüß Sie!“ Aber rein kommt niemand.

„Giovanni“ heißt natürlich nicht Giovanni, denn er kommt aus der Küstenstadt Alexandria in Ägypten und lebt seit 23 Jahren in Wien. Kann er als Ägypter überhaupt Pizza machen? „Ha!“, lacht er. „Wir haben in Alexandria eine Bäckerei und machen dort Fladenbrot. Das ist noch schwieriger als Pizzateig!“ Den Unterschied würden die Gewürze ausmachen „und noch ein paar Zutaten, die ich nicht verraten kann.“

Er war früher Pferdepfleger, Chefin und Chef hatten eine kleine Severina, „die hat mich geliebt und ich sie auch. Mit ihr habe ich Deutsch gelernt!“ Und mit einem Helfer aus Hollabrunn, der zu ihm sagte: „Jeden Tag schreibst du dir zehn Wörter auf, die du im Fernsehen hörst!“ Und er hat sie ihm dann erklärt.

„Guten Morgen, Herr Doktor!“

Vermisst er das Meer? „Jeder vermisst das Meer, jeder!“ Die ersten elf Jahre, nachdem er hierher kam, war er nicht zu Hause. Als er wieder in Alexandria war, wollte er sofort zum Meer. „Ich wollte den Geruch vom Meer, es nur riechen! Das Meer! Ich wollte es riechen! Der Geruch!“

Lamin

Lamin ist 49, es geht ihm gut. Er stammt aus Guinea in Westafrika, einem der korruptestens Länder der Welt mit französischer Kolonialvergangenheit (bis 1958) und einer Lebenserwartung von 61,6 Jahren. Vornehmlich die Volksgruppen der Fulbe, der Malinke und der Susu bevölkern das Land, in den Städten beherrschen libenesische Einwanderer den Handel und das Hoteleriegewerbe. Die reichen Bauxitvorräte des Landes werden von den Chinesen ausgebeutete, die den Rohstoff für ihre Aluminiumproduktion brauchen. Vielleicht ein Grund, warum sich in Guinea gerade das Militär an die Macht geputscht hat.

Lamin wuchs in der Region Boké nördlich der Hauptstadt Conakry auf, mit Musik kam er bereits in der Schule in Berührung, dort wuchs er zum „Meister der Djembe“ heran, einer Bechertrommel mit nur einem Fell, deren Körper aus einem ausgehöhlten Baumstamm besteht. 1997 kam er als Musik- und Tanzlehrer nach Österreich, er lebt hier mit Frau und zwei Kindern. Der Begriff „westafrikanische Tänze“ ist wegen der Vielzahl an Kulturen grob verallgemeinernd, wiewohl die Region „Subsahara westlich von Zentralafrika“ als „Wiege des Tanzes“ gelten dürfte.

Können die Österreicher tanzen?, frage ich Lamin. „Ja!“, lacht er. Das Problem wäre nur, dass sie extrem lange tatenlos herumstünden, bis endlich eine/r anfinge, dann kämen langsam immer mehr, bis dann richtig geshaked wird. Österreichische Lederhosenmusik gefällt ihm extrem gut, auch die Lederhose selbst, getragen hat er aber leider noch nie eine. Er liebt Österreich, im Herzen aber bliebe er immer Westafrikaner, der sieben Sprachen der Gegend beherrscht.

Patrick, Christine, Camillo und Marlon

Patrick (38), Christine (35) sowie ihren Neffen Camillo und Marlon (13) geht es gut. Die beiden Jugendlichen haben heute schon eine Zugfahrt aus Salzburg in Kauf genommen, um bald weiter zur Pyramide nach Vösendorf zu reisen, wo die AniNite stattfindet, Österreichs größte Anime-, Manga- und Japan-Convention. Patrick und Camillo sind als Pikachu (eine Pokémon-Figur) verkleidet, Marlon als Itachi Uchiha, der Sasuke Uchihas älterer Bruder ist und ein besonders talentierter Shinobi aus Konohagakure. Bereits mit sieben Jahren wurde er Genin, mit acht beherrschte er das Sharingan. Wer wissen möchte, was das bedeutet, der muss die extrem erfolgreiche Action-Manga-Reihe Naturo des Japaners Mangaka Masashi Kishimoto lesen.

„Pokémons werden immer noch gesucht?“, frage ich. „Ja, sicher!“, sagt Camillo, der an manchen Tagen bis zu sieben Stunden darauf verwendet, „aber nur in den Ferien!“. Die Mama war daher nicht ganz unglücklich, als der Bub heute nach Wien gefahren ist, lacht Tante Christine, die „nicht so der große Anime-Fan ist“. Sie weiß aber immerhin, dass sie heute in Vösendorf „nur den Verrückten nachlaufen müssen“, dann würden sie die Pyramide schon finden.

Die Messe, erzählt Softwaredeveloper Patrick, sei mittlerweile richtig groß und international, für die tausenden Besucher gebe es Workshops, zwei Bühnen, Vorträge und Stargäste, die auch mal Synchronsprecher sein können.

Manche der Besucher arbeiten ein ganzes Jahr lang an ihrem Kostüm, lernen sogar nähen, kaufen um viel Geld Stoffe, Styropor und andere Materialien, um sich für den einen wichtigen Tag zu stylen

Josef

Josef ist 79. Es geht ihm gut, als er da an einem schönen Sommertag vor dem  Wiener Stephansdom sitzt, rechts des Hauptportals hinter seinem Tisch mit seinem Megaphon in der Hand. Es geht um Folgendes: „Schluß mit Missbrauch, Missbrauchsvertuschung und Mitwirkung an der Massenvernichtung ungeborener Kinder in der Kirche!“ Das darf er hier laut ins Megafon schreien, weil er die Ein-Mann-„Kundgebung“ sogar angemeldet hat.

Seit ein paar Wochen fährt er jeden Tag um 13 Uhr aus dem Waldvierel herunter, dann redet er eine Stunde alleine auf die Leute ein („Missbrauch! Mord! Vertuschung!“ usw.), dann fährt er wieder zurück nach Stainbach bei Schrems, das bei Gmünd liegt. „Neulich bin ich fast eingegangen, da war es hier so heiß, und ich hab die Wasserflasche und das Kapperl vergessen, da war ich dann richtig kaputt!“, lacht er. Worum es beim Thema Missbrauch geht? „Wunderbar, dass Sie mich das fragen!“, sagt er. „Es geht um den Dr. Wolfgang Rothe, der Bischof Küng vorwarf, ihm das Psychopharmakum Temesta verabreicht und ihm dann den Rücken gestreichelt zu haben bis zum Gesäß.“ Ist alles nachzulesen.

„Ich hoffe und bete, dass mich der Kardinal verklagt!“, lacht Josef dann schon wieder, diesmal aber wegen der Vorwürfe, die er in Sachen „Abtreibungsklinik Fleischmarkt“ an ihn zu richten hat. Er ist ein rechter Prozesshansl, gibt er zu, der dauernd was anzeigt und mal einen Prozeß gewinnt, mal verliert. Er schreibt auch für den 13., die hardocre-Postille für hardcore Katholiken, die alles gerne etwas strenger hätten. Trotzdem war es eine sehr lustige und angenehme Begegnung mit ihm, wir haben viel gelacht.

Iosiff

Iosiff „Siffi“ ist 58, es geht ihm gut. Der in der Hauptstadt Athen Geborene verbrachte die längste Zeit seines Lebens auf Kreta. Gerade bringt er uns im Küstenort Sougia jeden Tag das Frühstück in der Lotos-Bar, die ihm früher gehörte. Er verkaufte seinen Anteil, denn eigentlich liebt er die Berge. Einmal, vor dreißig Jahren, lernte er einen Österreicher kennen, der ihm den Wilden Kaiser empfahl. Er setzte sich in einen Zug nach Salzburg, aber die Besteigung im August gefiel ihm gar nicht. „Bis 13 Uhr müsst ihr zurück sein!“ Das war ihm alles zu stressig.

Hingegen die Ruhe in seinen kretischen Bergen! Oft ist er tagelang alleine unterwegs: Gingilos, Klados Schlucht, dazwischen 600 Meter Wände zum Free-Climben. Die Nächte verbringt er draußen. Letztes Jahr war der Himmel ohne Flugzeuge, „it was perfect“. Einmal führte er eine Hütte bei Astrak im Tymfi Gebirge nahe der Albanischen Grenze, „it was magic“. Ein Bach voller Salamander und Frösche, ein wundervoller See …

Nachdem er elf Jahre in Athen Baukräne gefahren ist, begann er vor elf Jahren eine Ausbildung zur Reflexzonenmassage. Als Climber hatte er viele Probleme mit den Muskeln und fing, sich selbst zu therapieren, drückte an sich herum und dachte: Wow! Very nice!“ Nun kommen hier in Sougia viele Frauen wegen „Sexual Coldness“ zu ihm, „you do not believe, how many!“. Einmal massierte er hinten in der Lotus-Bar eine Lady, irgendwann kamen Leute aus der Bar nach hinten und schauten nach, was da los war. Nichts Unschickliches! Der Profi massierte nur die Zehen einer Dame, was dieser im Rausch der Entspannung heftigstes Stöhnen entlockte.