„Giovanni“

„Giovanni“ ist 65, es geht ihm schlecht. Er betreibt eine Pizzeria hinter dem Wiener Rathaus, „das ist keine Wohnungegend hier, ich habe von den Beamten im Rathaus gelebt und von denen auf der Uni. Alleine die Uni-Mitarbeiter haben jeden Tag drei Tische belegt, aber jetzt? Nichts! Die Leute haben kein Geld? Geh! Das Home-Office bringt mich um!“ Wieviele Pizzen verkauft er noch? „Viel zu wenig! Net einmal ein Viertel! Geh! Noch weniger! Ich schwör´s Ihnen!“

Während wir reden, grüßt Giovanni freundlich Passanten: „Morgen Herr Doktor, Grüß Sie!“ Aber rein kommt niemand.

„Giovanni“ heißt natürlich nicht Giovanni, denn er kommt aus der Küstenstadt Alexandria in Ägypten und lebt seit 23 Jahren in Wien. Kann er als Ägypter überhaupt Pizza machen? „Ha!“, lacht er. „Wir haben in Alexandria eine Bäckerei und machen dort Fladenbrot. Das ist noch schwieriger als Pizzateig!“ Den Unterschied würden die Gewürze ausmachen „und noch ein paar Zutaten, die ich nicht verraten kann.“

Er war früher Pferdepfleger, Chefin und Chef hatten eine kleine Severina, „die hat mich geliebt und ich sie auch. Mit ihr habe ich Deutsch gelernt!“ Und mit einem Helfer aus Hollabrunn, der zu ihm sagte: „Jeden Tag schreibst du dir zehn Wörter auf, die du im Fernsehen hörst!“ Und er hat sie ihm dann erklärt.

„Guten Morgen, Herr Doktor!“

Vermisst er das Meer? „Jeder vermisst das Meer, jeder!“ Die ersten elf Jahre, nachdem er hierher kam, war er nicht zu Hause. Als er wieder in Alexandria war, wollte er sofort zum Meer. „Ich wollte den Geruch vom Meer, es nur riechen! Das Meer! Ich wollte es riechen! Der Geruch!“

Lamin

Lamin ist 49, es geht ihm gut. Er stammt aus Guinea in Westafrika, einem der korruptestens Länder der Welt mit französischer Kolonialvergangenheit (bis 1958) und einer Lebenserwartung von 61,6 Jahren. Vornehmlich die Volksgruppen der Fulbe, der Malinke und der Susu bevölkern das Land, in den Städten beherrschen libenesische Einwanderer den Handel und das Hoteleriegewerbe. Die reichen Bauxitvorräte des Landes werden von den Chinesen ausgebeutete, die den Rohstoff für ihre Aluminiumproduktion brauchen. Vielleicht ein Grund, warum sich in Guinea gerade das Militär an die Macht geputscht hat.

Lamin wuchs in der Region Boké nördlich der Hauptstadt Conakry auf, mit Musik kam er bereits in der Schule in Berührung, dort wuchs er zum „Meister der Djembe“ heran, einer Bechertrommel mit nur einem Fell, deren Körper aus einem ausgehöhlten Baumstamm besteht. 1997 kam er als Musik- und Tanzlehrer nach Österreich, er lebt hier mit Frau und zwei Kindern. Der Begriff „westafrikanische Tänze“ ist wegen der Vielzahl an Kulturen grob verallgemeinernd, wiewohl die Region „Subsahara westlich von Zentralafrika“ als „Wiege des Tanzes“ gelten dürfte.

Können die Österreicher tanzen?, frage ich Lamin. „Ja!“, lacht er. Das Problem wäre nur, dass sie extrem lange tatenlos herumstünden, bis endlich eine/r anfinge, dann kämen langsam immer mehr, bis dann richtig geshaked wird. Österreichische Lederhosenmusik gefällt ihm extrem gut, auch die Lederhose selbst, getragen hat er aber leider noch nie eine. Er liebt Österreich, im Herzen aber bliebe er immer Westafrikaner, der sieben Sprachen der Gegend beherrscht.

Patrick, Christine, Camillo und Marlon

Patrick (38), Christine (35) sowie ihren Neffen Camillo und Marlon (13) geht es gut. Die beiden Jugendlichen haben heute schon eine Zugfahrt aus Salzburg in Kauf genommen, um bald weiter zur Pyramide nach Vösendorf zu reisen, wo die AniNite stattfindet, Österreichs größte Anime-, Manga- und Japan-Convention. Patrick und Camillo sind als Pikachu (eine Pokémon-Figur) verkleidet, Marlon als Itachi Uchiha, der Sasuke Uchihas älterer Bruder ist und ein besonders talentierter Shinobi aus Konohagakure. Bereits mit sieben Jahren wurde er Genin, mit acht beherrschte er das Sharingan. Wer wissen möchte, was das bedeutet, der muss die extrem erfolgreiche Action-Manga-Reihe Naturo des Japaners Mangaka Masashi Kishimoto lesen.

„Pokémons werden immer noch gesucht?“, frage ich. „Ja, sicher!“, sagt Camillo, der an manchen Tagen bis zu sieben Stunden darauf verwendet, „aber nur in den Ferien!“. Die Mama war daher nicht ganz unglücklich, als der Bub heute nach Wien gefahren ist, lacht Tante Christine, die „nicht so der große Anime-Fan ist“. Sie weiß aber immerhin, dass sie heute in Vösendorf „nur den Verrückten nachlaufen müssen“, dann würden sie die Pyramide schon finden.

Die Messe, erzählt Softwaredeveloper Patrick, sei mittlerweile richtig groß und international, für die tausenden Besucher gebe es Workshops, zwei Bühnen, Vorträge und Stargäste, die auch mal Synchronsprecher sein können.

Manche der Besucher arbeiten ein ganzes Jahr lang an ihrem Kostüm, lernen sogar nähen, kaufen um viel Geld Stoffe, Styropor und andere Materialien, um sich für den einen wichtigen Tag zu stylen

Josef

Josef ist 79. Es geht ihm gut, als er da an einem schönen Sommertag vor dem  Wiener Stephansdom sitzt, rechts des Hauptportals hinter seinem Tisch mit seinem Megaphon in der Hand. Es geht um Folgendes: „Schluß mit Missbrauch, Missbrauchsvertuschung und Mitwirkung an der Massenvernichtung ungeborener Kinder in der Kirche!“ Das darf er hier laut ins Megafon schreien, weil er die Ein-Mann-„Kundgebung“ sogar angemeldet hat.

Seit ein paar Wochen fährt er jeden Tag um 13 Uhr aus dem Waldvierel herunter, dann redet er eine Stunde alleine auf die Leute ein („Missbrauch! Mord! Vertuschung!“ usw.), dann fährt er wieder zurück nach Stainbach bei Schrems, das bei Gmünd liegt. „Neulich bin ich fast eingegangen, da war es hier so heiß, und ich hab die Wasserflasche und das Kapperl vergessen, da war ich dann richtig kaputt!“, lacht er. Worum es beim Thema Missbrauch geht? „Wunderbar, dass Sie mich das fragen!“, sagt er. „Es geht um den Dr. Wolfgang Rothe, der Bischof Küng vorwarf, ihm das Psychopharmakum Temesta verabreicht und ihm dann den Rücken gestreichelt zu haben bis zum Gesäß.“ Ist alles nachzulesen.

„Ich hoffe und bete, dass mich der Kardinal verklagt!“, lacht Josef dann schon wieder, diesmal aber wegen der Vorwürfe, die er in Sachen „Abtreibungsklinik Fleischmarkt“ an ihn zu richten hat. Er ist ein rechter Prozesshansl, gibt er zu, der dauernd was anzeigt und mal einen Prozeß gewinnt, mal verliert. Er schreibt auch für den 13., die hardocre-Postille für hardcore Katholiken, die alles gerne etwas strenger hätten. Trotzdem war es eine sehr lustige und angenehme Begegnung mit ihm, wir haben viel gelacht.

Iosiff

Iosiff „Siffi“ ist 58, es geht ihm gut. Der in der Hauptstadt Athen Geborene verbrachte die längste Zeit seines Lebens auf Kreta. Gerade bringt er uns im Küstenort Sougia jeden Tag das Frühstück in der Lotos-Bar, die ihm früher gehörte. Er verkaufte seinen Anteil, denn eigentlich liebt er die Berge. Einmal, vor dreißig Jahren, lernte er einen Österreicher kennen, der ihm den Wilden Kaiser empfahl. Er setzte sich in einen Zug nach Salzburg, aber die Besteigung im August gefiel ihm gar nicht. „Bis 13 Uhr müsst ihr zurück sein!“ Das war ihm alles zu stressig.

Hingegen die Ruhe in seinen kretischen Bergen! Oft ist er tagelang alleine unterwegs: Gingilos, Klados Schlucht, dazwischen 600 Meter Wände zum Free-Climben. Die Nächte verbringt er draußen. Letztes Jahr war der Himmel ohne Flugzeuge, „it was perfect“. Einmal führte er eine Hütte bei Astrak im Tymfi Gebirge nahe der Albanischen Grenze, „it was magic“. Ein Bach voller Salamander und Frösche, ein wundervoller See …

Nachdem er elf Jahre in Athen Baukräne gefahren ist, begann er vor elf Jahren eine Ausbildung zur Reflexzonenmassage. Als Climber hatte er viele Probleme mit den Muskeln und fing, sich selbst zu therapieren, drückte an sich herum und dachte: Wow! Very nice!“ Nun kommen hier in Sougia viele Frauen wegen „Sexual Coldness“ zu ihm, „you do not believe, how many!“. Einmal massierte er hinten in der Lotus-Bar eine Lady, irgendwann kamen Leute aus der Bar nach hinten und schauten nach, was da los war. Nichts Unschickliches! Der Profi massierte nur die Zehen einer Dame, was dieser im Rausch der Entspannung heftigstes Stöhnen entlockte.

Peter II

Peter ist nach wie vor 55, und nach wie vor schmerzt ihn das Kreuz. Er erinnert sich an die 14 Jahre, die er in der Wiener Arena gearbeitet hat: „Angefangen hab ich als Stage Hand, nebenbei hab ich Security gemacht, auf einmal war ich Lichttechniker, weil der Hauptlichttechniker aufgehört hat. Über Nacht haben wir zu Dritt das Lichtpult gelernt, das Aufbauen konnten wir ja. Wir waren gut. Jeder ist dann mit seinen Bands auf Tournee gegangen. Mit den Pungent Stench hab ich 111 Shows gemacht, zweieinhalb Monate in Amerika, zweieinhalb Monate in Europa. Für die Franz Ferdinand hab ich das Lichtdesign fürs Open Air gemacht. Zwei Mal hab ich die Slayer in der Arena gemacht, ich liebe Slayer, da hab ich heute noch den Lichtplan daheim. Old school Lampen, allein das Einleuchten hat ewig gedauert! 140 000 Watt oben, 60000 Watt herunten! Oder Helmet beim Holzstockfestival in Ebensee, für die hab ich den Backliner gemacht. Die hatten einen neuen Gitarristen dabei, und mit dem haben sie extra für uns im Kino geprobt. Früher, hat es geheißen, dass im Sommer in Europa 500 Bands unterwegs waren, da hast du schon zu tun gehabt. Ich hab Prodigy in Laibach gemacht mit 8000 Leuten. Ich war drei Wochen auf Tour mit Lucie aus Tschechien, jeden Abend eine Show, nie unter 8000 Leuten, unpackbar. Die letzte Show war in Prag mit 18.000 Leuten, drei Tage vorher hatten die Metallica nur 12.000.  Danach haben wir gefeiert. Um zehn in der Früh sind wir mit dem Schlagzeuger zu einer Bootsfahrt auf der Moldau aufgebrochen, ärgstens! Ich hab aber auch Albano und Romina Power gemacht, oder den DJ Ötzi … .“

Mirjam

Mirjam ist 30, es geht ihr gut. Sie studiert Jus und arbeitet nebenher. Oft bei Bäckereien, „was cool ist wegen der Arbeitszeiten: Wenn ich um 12 anfange, kann ich am Vorabend weggehen!“ Einen Monat lang war sie auch Briefträgerin in Favoriten, einer Gegend mit vielen Gemeindebauten, die sie bis dahin überhaupt nicht kannte. „Eine sehr anstrengede Erfahrung, muss ich sagen, das ist wirklich ein harter Job. Du wirst ins kalte Wasser geworfen, weil du am ersten Tag schon deinen Tisch bekommst mit dem Haufen Post darauf, den du dann ordnen und den Adressen zuteilen musst, und dann sollst du auch gleich die ganzen Straßen kennen, von denen du eigentich keine Ahnung hast, und dann ziehst du schon alleine los mit deinem Zwei-Taschen-Wagerl .“ Die alte Ledertasche, wie sie Charles Bukowski noch in seinem Briefträgerklassiker „Der Mann mit der Ledertache“ beschreibt, gibt es nicht mehr, dafür aber die darin auch beschriebenen Hundeattacken: „Es sind so viele frei herumlaufenden Hunde auf mich zugaloppiert!“, erinnert sie sich, und auch an die vielen „sehr wütenden Menschen, die mich dann anschrien, ich hätte nicht bei ihnen angeläutet.“ Zu Arbeitsbeginn um 6 Uhr früh wurde dann oft ihr Name aufgerufen, und die Chefs informierten sie über die zahlreichen Beschwerden, die wegen ihr eingegangen waren. Die Hitze des Sommers, sagt sie, „ist wurscht, weil man ja in der Früh geht. Aber der Winter muss die Hölle sein.“ Noch heute fühlt sie mit den Austrägern, wenn sie diese durch den Gatsch stapfen sieht, und insbesondere mit den Packerlschleppern. Bei Amazon hat sie daher noch nie etwas bestellt.

Peter I

Peter ist 55, es geht ihm schlecht. Er schleppt sich gerade über die Märzstraße im 15. Bezirk, erstmals nach zwei Wochen ist er wieder rausgegangen, die Tage davor musste er bei schönstem Wetter in der Wohnung verbringen, weil der Rücken ihn so schmerzte und immer noch schmerzt. Gestern war er wieder im Wilhelminenspital, wo er an zwei Infusionen angehängt wurde, geholfen hat es nichts. Einmal kriegte er in der Schmerzambulanz im AKH 39 Spritzen, geholfen hat es nichts. „Angefangen hat es vor fünf Jahren mit leichten Verspannungen, mal zwei Wochen oder so, dann wieder Ruhe. Ab Anfang 2019 war ich dann sechs Monate im Krankenstand, weil ich nicht mehr gehen konnte. Ich war Folierer, verstehst, 40 Kilo Rollen seitlich heben, draußen sein, das hat mir getaugt. Aber ich darf seitlich nicht mehr heben!“ An manchen Tagen kann er nicht liegen, aber aufstehen auch nicht,  „das ist die Hölle! Von der Hüfte abwärts bis zum Knöchel brennt es, das ist ein Wahnsinn. Am ehesten hilft Wärme, so eine Art Nierengurt, und Bewegung. Im Lockdown hab ich mich natürlich wenig bewegt, das war ein Fehler. Und im Frühling war das Wetter Oarsch, das war auch nicht gut.“ An Ausfahrten mit seiner geliebten Triumph Triple Speed 2006, die schon 117000 km unter den Rädern hat, ist zurzeit nicht zu denken, sitzen kann er nämlich auch nicht richtig. Die letzte Tour ging nach Stadl an der Mur. Richtig vermissen tut er den unter Österreichs Motorradfahrern weltbekannten „Topfinger“ in der Mariazeller Gegend, „so ein Riesenfleck Topfenstrudel um drei Euro fünfzig! Herrlich!“

Marc

Marc „mit C“ ist 28, es geht ihm gut. Er parkt seinen schwarzen ID.3 vorm Wiener Stadthallenbad und hängt ihn an die Ladestation, „eine Stunde kostet zwei Euro 70, glaub ich.“ Derweil wird er routiniert und längst ohne Nervosität in die Stadthalle zum Corona-Test gehen, „das ist mittlerweile Normalität“. Auch am heutigen Freitag, dem 1. Juli, ab dem wieder einmal alles anders ist, „die Selbsttests gelten glaub ich nicht mehr.“ Aber geimpft ist er ohnehin auch schon.

Der aus Gänserndorf in Niederösterreich Gebürtige ist vor sechs Jahren nach Wien gekommen und betreibt parallel zum Job noch ein Studium. Vor drei Monaten hat ihm sein Arbeitgeber aus der Telekommunikationsbranche ein Elektroauto zur Verfügung gestellt, davor fuhr er mit den Öffis. „Nach Berufswechsel und Wechsel der Funktion im Beruf brauche ich aber ein Auto, weil ich wirklich ständig durch Wien fahren muss, da kommen schon 100 Kilometer am Tag zusammen.“ Er betreut Großkunden im Bereich „Wide Range, also Internetverbindungen auf weite Strecken.“ Laden muss er sein Auto „nach 240 bis 250 Kilometern, im städtischen Bereich sogar erst nach 300 bis 320. Wir haben die Möglichkeit von der Firma, es überall anzuhängen, das funktioniert wirklich super. Privat hab ich mir aber auch eine Karte zugelegt, und jetzt lade ich es gerade privat.“

In den Urlaub wird er – zusammen mit seiner Freundin – eher nicht mit dem Elektroauto fahren. „Das könnte schwierig werden!“, lacht er. Ein bisserl relaxter aber, ist er überzeugt, wird der Sommer heuer schon werden. Mit oder ohne Ladestation.