Gernot

Gernot ist 63, es geht ihm gut. Vielleicht, weil er superfit ist? „Hoarch zua“, sagt er mit Kärntnerischem Idiom, „ich bin ein Jogger, ich lauf regelmäßig 100 Kilometer im Monat, mir macht das Spaß, ich hab einen Freud‘ beim Laufen und Zeit zum Nachdenken, da fallen einem tausend Dinge ein.“ Heute geht er wieder auf die Alte Donau, da dreht er genau zwölf Kilometer, „und das ist perfekt.“ Ernährungstechnisch macht er nichts Besonderes, „normal essen, den normal üblichen G’spritzten am Abend trinken, das ist es.“

Wir treffen uns im EKZ in der Großfeldsiedlung vor der Pizzeria Casa D’Oro, in der ein alter Haberer von ihm, der schon bessere Zeiten gesehen hat, seinen Wahlkampfauftakt für die kommende Wahl in Wien bestreit, in der Pizzeria spielt bereits ein „Music man“, der sich „Music men“ nennt, an seinem Keyboard und singt „Rote Lippen soll man küssen“. „Ich bin ein großer Fan vom Music Men“, sagt Gernot. Privat hat er ihn freilich noch nie engagiert.

Gernot stürtzt sich ins Getümmel, um „zu polarisieren, das ist im Wahlkampf das wichtigste.“ Wenn sein alter Haberer ein paar Prozent schaffen sollte, dann wird er sich ein paar Spritzer gönnen.

Junki

Junki „wie der Junkie ohne E“ ist gerade 71 geworden, es geht ihm nicht gut. Er war mal Deutscher, jetzt ist er Wiener, wir sitzen vor dem Café Rossi, wo er das zweite von heute vermutlich noch sehr vielen Krügerln oder großen Bieren, wie sie in Deutschland dazu sagen, trinken wird. „Schmeckts?“ „Ja, sehr!“

Wie ist sein 71jähriges Leben bisher verlaufen? „Bis jetzt hat sich kein Schwein dafür interessiert!“, sagt er und nimmt einen Schluck. Er hat zwei Ehen hinter sich gebracht, soviel lässt er sich entlocken, und seine Kinder hätten Glück gehabt, lacht er, denn es gibt sie nicht.

„Es werden jeden Abend mehr Biere“, sagt Junki dann mit traurigem Blick, denn er hat gerade Mädy begraben, seine Katze, die er einst aus dem Tierschutzheim gerettet hat. Er schreibt das y in ihrem Name mit zwei Punkten drauf, „weil das so fröhlich ausschaut.“ Mit den Bieren verdrängt er die Erinnerungen an sie, die zehn Jahre lang bei ihm lebte und sogar auf dem Kopfpolster geschlafen hat, was ihn manchmal durchaus störte. „Aber jetzt vermisse ich sie.“

Christoph

 

Christoph

Christoph will mir nicht sagen, wie alt er genau ist, aber ein paar Jahre jünger als der Stephansdom, vor dem ich ihn treffe, ist er ganz sicher. Und dass er aus Voralberg stammt, das kann er erst recht nicht verheimlichen, ich höre es, als er mir sagt, wie „super!“ es ihm geht. Aber nicht etwa, weil er so viel Manner Schnitten gegessen hätte, dass er schon wie eine entsprechende Verpackung ausschaut!

Der gelernte Seinmetz und Restaurateur arbeitet in der „Bauhütte“ links neben dem Stephansdom, die hinter Absperrgittern versteckt ist. Abfallende Stuckteile, Engerl oder die Wasserspeier in Gestalt dämonischer Tiere, die von Regen, Wind und Abgasen ruiniet wurden, kommen zu ihm und den Kollegen in die Werkstatt, wo sie maßstabgetreu nachgebaut werden. „Wie viele im Jahr?“, frage ich. „Oh, sehr viele!“, sagt er. „Alles können wir natürlich nicht neu machen, aber wir bemühen uns.“

Während die meisten Bauerbeiter ihren „Blaumann“ mit Stolz tragen, trägt er seinen „Rosamann“ mit nicht weniger Stolz. „Der alte Herr Manner, der vor vier Jahren gestorben ist, sponserte mich, weil ihm der Dom ein Anliegen war.“ Und weil Christoph halt auch ein bisserl gut ausschaut darin.

Kathie

IMG_20200626_000449

Kati geht es gut, sie wird bald 37. „Gott sei Dank“, sagt sie, „ich kann es kaum erwarten!“ Denn mit jedem Lebensjahr werde sie gescheiter. „Ich bin echt entspannt, muss ich sagen, das ist eine der wenigen Lebensphasen gerade, wo ich echt entspannt bin.“ Sie kommt aus Burghausen in Bayern, „da gibt es ein Internationales Jazzfestival, wo schon alle gespielt haben, die Rang und Namen haben. Aber das ist natürlich alles nichts gegen Wien!“ Da kann sie mitten in der Nacht auf eine Blechtonne springen und sich in Pose werfen.

Ausschauen tut sie ihrer Meinung nach gerade „sehr gediegen und total normal, ich kleide mich halt gerne. Schau, die Hälfte von meinen Kleidern hab ich vereerbt gekriegt, meine Mama hat schon alles aufgehoben, das schlepp ich mit. Und ich selbst sammle Kleider, seit ich 14 bin.“ Sie kauft altes Zeug, das meistens nicht paßt, bringt es zum Schneider und lässt es restaurieren. „Sachen, die 30 Jahre alt sind, halten trotzdem länger als der Scheiß, den man überall kaufen kann. Fuck Discounter! Die find ich wahnsinnig Scheiße!“ Peckerl sammelt sie auch. „Meine erste Tätowierung siehst du jetzt aber nicht!“, lacht sie, „da war ich 17!“

Seit wann sie in Wien ist? „Jetzt lass mich sinnieren, 2012? Na, Schmarrn! 2008! Und ich bin sieben Mal umgezogen, mich hat es umanandatrieben. Angefangen in der Thaliastraße, dann in die Nußdorferstraße, dann Wichtelgasse, von dort zum Radetzkyplatz, dann Kundmanngasse,  dann Esterhazygasse, und jetzt in die Burggasse. „Weißt eh, wie man in Bayern sagt? Zwei Mal umgezogen, einmal abgebrannt.“

Sabina

Sabine

Sabina ist 55, es geht ihr sehr gut. Gerade hat sie in der Loos Bar im Ersten Bezirk ein Kleid abgeholt mit einem Sissi Motiv drauf, „das meine Stimmung extrem hebt.“ Kosten? „190,-. Aber wenn man was haben will, dann fragt man sowieso nicht nach dem Preis.“ Sie legt 200 auf den Tisch, die zehn Euro Trinkgeld gehen an „die Tiere“: In Gars am Kamp hat sie gerade „die Jessy“ vermittelt, einen zweijährigen Hund aus Griechenland, um den sich eine Freundin gekümmert hat.

Das Kleid wird sie bei der Einweihung ihrer „Villa Abendruh“ tragen, die sie in Reichenau an der Rax gekauft hat. Der Kaiser hatte diese einst gebaut und seinem Kammerdiener zur Pensionierung geschenkt, nun gehört sie Sabine. Sie vermittelt seit 22 Jahren Hauspersonal im „sehr gehobenen Bereich“ –Butler, Gesellschafterinnen, Köche, Chauffeure, Nannys oder Landschaftsgärtner, was man halt so braucht.

In ihrer Villa möchte sie ab Herbst im renovierten Salon das Personal weiter bilden, zum Beispiel: „Ich hab’ Tomaten angebaut – wie kann ich die ohne Storm konservieren? Dafür hab’ ich so einen alten Ofen gekauft, den ich mit Holz einheizen kann.“ Heute heißt das „Nachhaltigkeit“, aber dieses Wort kann sie nicht leiden, daher nimmt sie es erst gar nicht in den Mund.

Franz

20200728_110133

Franz ist 50, es geht ihm gut. Der Wirt des Gasthauses Kemmetmüller fand eines Tages auf dem Balkon seines Hauses einen kleinen, verletzten Vogel. Er nannte ihn Charly, schloß ihn in sein Herz und kümmerte sich rührend um ihn. Nach einigen Tagen dachte er bei sich: Charly ist über den Berg, der wird wieder werden.

Nach einigen weiteren Tagen dachte er bei sich: Charly kann wieder in die freie Natur entlassen werden. Schweren Herzens nahm er den süßen Vogel in seine riesigen Hände und überantwortete ihn den Kindern, die ihn freilassen sollten. Er sagte noch zu ihnen: „Paßt´s auf!“

Als hätte er geahnt, dass im wunderschönen Gastgarten des Wirtshauses der Kater Adolf warten würde, der dort jeden Tag vom Nachbarn herüber kommt und sich ein lässiges Leben auf der faulen Haut macht. Charly startete also in seine neue gewonnene Freiheit, nur um wenig später im Mund des Katers zu landen.

„Wie wenn er schon die Serviette umgehängt gehabt hätte!“, sagt Franz.

Valentin

Valentin

Valentin ist 16, es geht ihm gut. Der Gymnasiast erzählt mir eine Geschichte: Er war vor ein, zwei Jahren mit seiner Taufpatin im Wurstelprater und fuhr mit dem 117 Meter hohen Kettenkarussell „Prater Turm“. „Da war ein sehr merkwürdigs Wetter mit geteiltem Himmel: die eine Hälfte über Wien war wolkenverhangen mit schönen Löchern drin, durch die die Sonne schien, die andere war strahlend blau.“

Sie sind also langsam hoch im Karussell, und während er sich da oben gedreht hat, sah er immer unterschiedliches Licht. Einmal schaute er in die Sonne, dann wieder in das sehr dunkle Wien, „das mich an Mordor erinnerte, falls das irgendjemandem etwas sagt, oder an Irland mit einem schönen Regenbogen, wo am Ende ein Schatz ist.“

Berufswunsch hat der leidenschaftliche Radfahrer noch keinen, Hutschenschleuderer beim Ringelg’spü im Wurstelprater wird er aber eher nicht werden. Mittlerweile geht er nämlich lieber in den Grünen Prater zum Picknicken mit Freunden. Neulich landete beim Volleyballspielen der Ball in einem hohen Baum, und sie wollten ihn mit einem anderen Ball herausschießen. Am Ende waren fünf Bälle oben im Baum.

Christoph

20200721_124656

Christoph ist 18, es geht ihm gut. Er steht an diesem heißen Julitag seit halb sechs Uhr früh zusammen mit seinem Kollegen Milenko unten in der Fleischverarbeitung seines Arbeitgebers und säbelt mit einem superscharfen Messer an der Flanke eines geschlachteten Rindes herum, holt das Fleisch von den Knochen und verteilt es in die richtigen Körbe. Der Chef wird dann Wurst daraus machen.

Gerne zeigt er mir den mächtigen Oberschenkelknochen des Rindes, den er dann auch gleich zerteilen wird. Oben in der Verkaufsabteilung werden sich die Kunden um den sogenannten „Markknochen“ reißen.

Ursprünglich wollte Christoph nach der Schule Koch werden, aber das war ihm dann zu fad. Im Sommer wird er seine Lehre beenden, und dann wird er schauen, wie es weiter geht. Die Mädels finden gut, was er macht, vor allem gefallen ihnen „die paar Kilo Muskeln“, die er sich seit Beginn der Lehre raufgearbeitet hat.

Astrid

Astrid 2

Astrid ist 59, es geht ihr „den Umständen entsprechend“. Sie hat als Besitzerin einer Modeboutique im 1. Bezirk gerade selbst den Shutdown mitgemacht, „Ein-Personen-Unternehmen, Klassiker.“

„Härtefonds?“

„Pfff! Tausend Euro!“

Nun geht sie die Wollzeile hinauf und schaut, was der Tag so bringen wird. Sie ist Kärntern und gerne in Wien, „man liebt die Stadt, oder man haßt sie.“

 

Ihren guten Style hat Astrid über lange Zeit entwickelt, sie bedient sich meist in ihrer eigenen Boutique. Für diese hat sie seit langem die Herbst-Kollektion bestellt, die dann im Juli, August kommen soll, Franzosen, Italiener, Deutsche, „den Norden auch, queerbeet.“ Kleidung ist ihr Wichtig und Ausdruck der Persönlichkeit, „aber nur darauf reduziert werden möchte ich auch nicht.

 

Die Wiener – „tut mir leid!“, waren früher viel besser gekleidet, sagt sie. Das Stadtbild hat sich verändert, speziell in der Innenstadt. „Der Chic, unabhängig davon, was er kostet, ist verloren gegangen.“

Josef

20200714_093439

Josef „Josi“ ist 63, es geht ihm gut. Seit nunmehr 41 Jahren betreut er als Totengräber den Friedhof in meinem Heimatort, heute gräbt er die „Frau Hurl“ ein, „die Möslbergerin, weiß eh, oben vom Hotel. 85 Jahre alt war sie, nie hat sie was gehabt, bis zum Schluß hat sie im Betrieb mitgearbeitet, Küche, Zimmer, Wäsche, alles. Und dann letztes Jahr im Dezember: Lungenkrebs.“
„Hat sie geraucht?“
„Nein, aktiv nie, aber halt schon sehr viel passiv.“

Wie lange braucht er, um ein Grab auszuheben? „Jetzt, weil ich selbst schon 64 werde, brauche ich schon fast doppelt so lange wie früher.“ Da schaffte er ein zwei Meter tiefes Grab in drei Stunden, heute braucht er fünf bis sechs. Hier im lehmigen Boden des Alpenvorlandes gräbt er bis höchstens zwei Meter hinunter (Tiefgrab), dann liegen immer zwei Tote übereinander. „Außer, es ist schon wieder länger aus, dass der Sarg schon wieder schön zusammengegangen ist, da grabe ich wieder ganz hinunter.“

Wie lange dauert die Verwesung?
„Bei uns da herinnen ein wenig länger, weil der Friedhofs sehr lehmhaltig ist. Bei luftdurchlässiger Erde geht es wesentlich schneller, und wenn man die Leute nicht so tief eingräbt.“ 25 Jahre soll man auf jeden Fall warten, solange findet er Überreste der Toten. Knochen halten natürlich wesentlich länger.
Gegen 3000 Tote hat er hier bereits eingegraben, mittlerweile lassen sich aber fast 50 % verbrennen. Das mag der Pfarrer gar nicht, aber Josi meint, „das muss jeder selbst entscheiden, ob dich die Würmer anfressen oder ob du es noch einmal schön warm haben willst.“

Sein Expertentipp zum Schluss: „Wenn du dich verbrennen lässt, darfst du halt drei Tage vorm Sterben keinen Alkohol getrunken haben. Wegen der Explosionsgefahr.“
„Im Ernst?“
„Nein.“