Lillian

Lillian geht es gut. Ich treffe die Musikbegeisterte zusammen mit fünf Freunden in einer Bar im baskischen San Sebastián, das hier auf Baskisch Donostia heisst, wo sie seit einer Woche Konzerten beiwohnen und der geliebten Musik lauschen. Während des Tages trifft man sich in der Stadt, isst Tapas und trinkt den leichten baskischen Txakoli – herrlich! Einer ihrer anwesenden Freunde ist sogar professioneller Sänger, der selbst auftreten wird, und ein anderer trug noch nie in seinem Leben einen Anzug. „Bis wir bei den Osterfestspielen in Salzburg zu einer Premiere gingen und er sich einen kaufen musste! Für zwei Abende in seinem Leben trug er dann einen Anzug!“ Er sieht aber auch ohne Anzug sehr gut aus.

„Ich habe erst ein Glas Wein getrunken“, lacht sie mit ansteckender Fröhlichkeit, „aber ich rede schon die ganze Zeit. Ich organisiere nämlich Events, I am a talker.“ Ihr perfektes Englisch hat sie von der Mutter, die neben Spanisch auch Englisch sprach. Sie ist, erklärt sie mir, „ein Mix. Mein Vater war Baske, meine Mutter Philippina. Ich wuchs in Mexico City auf, kam dann nach Barcelona und heiratete einen Mann. „I left the guy, but I stayed in Barcelona“, lacht sie. Dort gibt es viel Musik und Kultur, und nichts liebt sie mehr.

Dass sie auch Deutsch spricht, verrät sie mir erst, als sie fast schon am Gehen sind. Vor vielen Jahren machte sie einen Gesangskurs in Barcelona, und ihr Lehrer stammte aus Wien. „Als der Sommer kam, sagte der, für den nächsten Kurs kann ich auch nach Wien kommen.“ Er hatte Freunde, die in ihrer Wohnung in Barcelona blieben, während sie deren Wohnung in Wien nützte. „Ich ging in der Früh zur Universität und lernte sehr gut Italienisch“, lacht sie, „weil alle im Kurs aus Italien kamen“. Das Italienisch nützte ihr wiederum, wenn sie abends am Stehplatz in der Oper Turandot oder Aida lauschte. Danach ging es noch ins Sacher auf einen „chocolate cake“. So lernt man Sprachen, so gelingt ein Leben. Ich behalte Lillian als strahlenden Menschen in Erinnerung.

Adéu!

Ramez

Ramez ist 17, es geht ihm gut. Seine Familie stammt aus Tunesien, aber er ist in Wien geboren, besser gesagt: In seinem geliebten Wien-Fünfhaus, dem Vorstadtbezirk außerhalb des Westbahnhofs, den man früher Rudolfscrime nannte. „Lyrik gehört zu jeder Musik dazu, und Lyrik ist natürlich auch Sprache“, sagt er nach seinem großartigen Auftritt mit großartiger Musik und großartigen Texten beim Grätzelfest am Kriemhildplatz, als Rapper nennt er sich Skill3r. „Das ist vielleicht nicht die Alltagssprache, die man hört, aber es ist halt meine Sprache.“ Und seine Sprache ist vor allem das Wienerische, „die schönste Sprache, die es gibt.“ Nächstes Jahr wird er in der AHS Wien West in Wienerisch maturieren.

„Irgendwann mit 12 hab ich angefangen Musik zu machen, das konnte man nicht anhören damals, aber Schritt für Schritt ist es besser geworden. Ich habe immer mehr Texte geschrieben, und je mehr ich geschrieben habe, desto besser haben sie mir gefallen.“ Ist er ein Gangstarapper? „Naja, ein bisserl schon.“ Ist der bekannte Fünfhauser Raf Camorra sein Vorbild? „Naja, ein bisserl schon. Zu dem schaue ich auf, der kommt aus dem gleichen Bezirk.“ Hat er ihn schon mal gesehen drüben auf der Märzstraße, wo er gerne mit seinem Ferrari auf und ab fährt? „Naja, bisher ihn noch nicht. Aber seinen Ferrari schon.“

Neben der Musik ist es der Handball, der ihn in Anspruch nimmt, weil er ihn fast noch mehr liebt. Er ist Flügelspieler beim WAT Fünfhaus, hat bereits einen ziemlichen rechten Ärmel und spielt am Flügel. Sein Traum ist es Profihandballer zu werden. „Viele sagen, das geht sich nicht aus mit Musik und Handball, aber ich sage immer: Warum nicht? Man kann Künstler und Handballspieler gleichzeitig sein! Der Traum lebt, und ich werde alles dafür geben, dass er Wirklichkeit wird.“ Dann wird Raf Camorra der bekannteste Fünfhauser gewesen sein.

Johannes

Johannes ist 48 und in verschiedenen Branchen künstlerisch-kreativ tätig (Künstlergruppe monochrom), aber auch als Filmemacher, der morgen bei der Diagonale seinen neuen Film als Weltpremiere vorstellen wird: Hacking At Leaves.

Seinen schönen Amishhut hat er im Lancaster County, Pennsylvania, erworben. „Da war ich 2006 auf dem Weg von Toronto über die Five Finger Lakes nach Philadelphia unterwegs und bin dort durchgekommen. „Amish people sind insoferne großartig, weil sie diesen Technologiekodex haben: sie dürfen keine Handys im Haus verwenden, aber im Stadl.“ Mit 18 gibt es das „Ummaspringa“: „Da werden sie alle weggeschickt und können sich ein Jahr lang austoben, da können sie tun, was sie wollen, sogar Arschpudern.“ Wer will, bleibt danach „draußen“ in der Wildnis, aber die meisten kommen wieder zurück, denn: Was sollen sie dort in der fremden Welt der English, wie das so schön heißt, machen? Sie haben ja meist nicht mehr als Volksschulbildung.

Die Amish people heißen dort ja ja eigentlich Pennsylvania Dutch, in Wahrheit aber sind sie Pennsylvania Deutsche. „Sie sagen nicht Danke, sondern Gern gschä, sprechen einen ein pfälzischen Dialekt.“  Letztes Jahr war er wieder dort und ist im Amish Museum mit seinem Österreichisch-Deutsch mit Amish people, die ihren 200 Jahre alten pfälzischen Dialekt gesprochen haben, und noch einer chassidischen Familie, die jiddisch geredet hat, zusammengestanden. „Und wir haben uns irgendwie großartig miteinander verstanden, aber irgendwie auch wieder überhaupt nicht. Das war eine schöne babylonische Sprachverwirrung des schlechten Deutsches.“

Die Doku also, die er morgen vorstellen wird, ist auch eine amerikinische Geschichte und beschäftigt sich mit den Navajo Indianern und mit Hackern. Um ein bisschen Werbung für den Film zu machen, trägt er heute seinen Ghostbuster-Helm. Aufmerksamkeit ist schließlich alles, außer bei den Amish people.

Martin

Martin ist 59, es geht ihm sehr gut. Ich treffe ihn im Bezirksalten- und Pflegeheim, wo ich am Nachmittag des sogenannten Heiligen Abends die Weihnachtsfeier besuche. Pfarrer Gerhard Maria Wagner betet den Rosenkranz mit den Bewohnern, dazwischen spielt Martin mit seiner „Stubenmusi“, die aus vier Leuten besteht, die Weihnachtslieder, das ist sehr schön. Martin bedient dabei die Harmonika, die er erst mit 19 begonnen hat zu lernen. „Das ist sehr berührend heute“, sagt er, nachdem sie lange nicht hier gespielt haben, aber heute ist eine Gruppe ausgefallen und sind sie gerne eingesprungen. „Es ist schon gut, wenn man das Repertoire vorher ein bisserl auffrischt“, sagt er, der sein Instrument auch bei Stille Nacht mit einiger Inbrunst spielt, fast wie einer aus einer Cajun Band im Mississippi Delta. Dabei kommt er aus Vorderstoder, wohin er dann gleich noch fahren muss, in ein Hotel, das ihn und die seine für die Gäste gebucht hat, nicht für „Saufmusik, sondern für schöne Stubenmusik im Hintergrund.“

„Man kann auch bei Weihnachtsliedern a wengerl den eigenen Groove einibringa“, sagt er, „des merkt man daunn, wenn die Leit a wengerl mitgengan.“ Ein Musiklehrer von ihm, ein Professor an der Anton-Bruckner-Universität in Linz, hat mal zu ihm gesagt: „Musik ist ja nur dann Musik, wenn sie die Seele des Publikums und der Spielenden erreicht, die Technik alleine bringt gar nichts.“

Martin macht sich dann auf nach Vorderstoder, während ich meine Mutter zu ihrem Zimmer bringe. Auf dem Weg dorthin treffen wir den Eggl Walter, der unser Nachbarbub war, zusammen mit seinen Brüdern Willi und Wolfi und seinen Eltern Frieda und Godl lebten sie in einem Steinhaus mit zwei Räumen und ohne fließend Wasser. Der Godl ist dann bald gestorben, der Willi auch, das Haus wurde abgegerissen, und die Familie zerstreute sich. Nun lebt sein hundertjähriger Schwiegervater in dem Heim, in dem auch meine Mutter lebt, und kaum schüttelt er ihr die Hand, schaut sie, die dement ist und kaum noch jemanden kennt, ihn an und sagt: „Servas Walter.“

Er hat wohl ihre Seele erreicht.