Otto

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Otto ist 61, es geht ihm gut. Obwohl: einmal fragte ihn einer, was Glück ist, und er sagte: „Die kurze Abwesenheit von Traurigkeit.“ Den letzten Glücksmoment hatte er gerade vor ein paar Stunden, es war wohl im Kino. Ich lernte ihn kennen, als mein Bruder noch für ein Österreichisches Magazin schrieb und auf Spesen nach Venedig an den Lido reisen durfte, zum Filmfestival. Sie bezahlten ihm ein riesiges Apartement mit pool, Geld spielte in diesen Tagen keine Rolle. Ich schlief dort, ein paar andere schliefen auch dort, immer mehr schliefen schließlich dort. Und dann kam auch noch Otto in seinem alten Kombi die Lidostrada heraufgefahren, packte Iso-Matte und Schlafsack aus und zog zu uns aufs Dach. Egal.

Seit 40 Jahren bereist Otto Film-Festivals und moderiert dort Diskussionen und Publikumsgespräche, Anfang der 80er Jahre fing er mit der Berlinale an. Sein Lieblingsfilmfestival – und zwar sein absolut liebstes Filmfestival! – ist das Festival des neuen Heimatfilmes im oberösterreichischen Mühlviertel. Da gehen ihm die Augen auf, als er davon erzählt, da ist er richtig glücklich: „Das ist so super! Eines der wichtigsten Festivals der Welt! Der Stolz des Mühlviertels! Nur super Filme aus dem Iran, Pakistan, Griechischer Heimatfilm, 13 Moderationen in fünf Tagen! Am Abend wird gekocht im Salzhof, dann spielt jeden Abend eine Band, freier Eintritt, open air, das ist wie eine große Familie. Es kennen mich alle, ich kenne alle, ich muss denen das Mühlviertel erklären, die Speisekarte übersetzen.“ Meist empfiehlt er ein Bratl und eine Halbe dazu, und wenn das Festival Ende August zu Ende geht, dann freut er sich schon wieder auf die letzte Augustwoche im nächsten Jahr.

Was ist also Heimat für ihn? „Ich kann überall zuhause sein!“ Er war neulich beim 5. International Duhok Filmfestival im Nordirak , Kurdistan, 60 km nördlich von Mossul. Warum wird er dorthin eingeladen? „Weil i a freindlicher Mensch bin!“ Alle haben ihn gewarnt: „Geh Otto! Das ist gefährlich, bleib lieber daheim.“ Aber er hat gesagt: „Schaun wir mal, wie das Wetter dort wird.“ Und dann fühlte er sich dort am sichersten von allen Festivals der Welt. „Die Peschmerga, die haben auf mich aufgepasst, als wäre ich der Goldschatz von irgendeinem kurdischen Ahnenvater.“ Er fühlte sich dort quasi … zuhause. Und er war dort viele Momente lange glücklich.

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