Ingeborg

Ingeborg ist 82. Es geht ihr gut, obwohl (oder weil) sie gerade am Grauen Star operiert wurde: „Die größeren Sachen kann ich schon wieder gut lesen!“ Sie sitzt im Martinssstüberl in 1180 Wien und erzählt, dass sie mit ihren Eltern als Kind oft beim Heurigen war, in Wien, aber auch draußen in Stammersdorf oder Gumpoldskirchen. Sie entstammt einer „Altösterreichischen Familie“, die eng mit dem Meer verbunden war. Oft besuchte sie die Schwestern ihres Vaters in Triest, lernte dort sogar Italienisch, mangels Praxis verlor sie die Sprache aber wieder, ihre Sehnsucht nach dem Meer jedoch blieb.

In Wien besuchte sie die Neue Handelsschule und fand danach „recht gute Jobs“, war 20 Jahre bei Böhringer Mannheim in der  Diagnosebranche tätig, organisierte dort Seminare. Nach der Pensionierung begleitete sie eine Freundin, deren erster Mann im Afrika-Feldzug Rommels gefallen war, nach Tunesien, sie wollten sich die Orte des Krieges anschauen. Dort dachte Ingeborg: Hier ist es gar nicht so schlecht für mich! Und kaufte ein Haus in der Nähe von Sousse. „Vor 25 Jahren war das dort noch westlich orientiert. Dann kam die Revolution. Und dann wurde wieder alles ganz anderes. Aber ich komme zurecht.“ Nur dass sie jetzt Französisch, das ihr gar nicht liegt, sprechen muss anstatt ihr geliebtes Italienisch.

In der Wüste trafen sie Zeitzeugen des Krieges, in manchen Häusern fanden sich Fundstücke wie Wasserflaschen der Nazis. Tunesien, sagt sie, war eine gute Entscheidung. „Ich bin ein ruhiger Mensch, liebe die Nähe zur Wüste.“ Was ihr allerdings Sorgen macht: „Ich bin in den Jahres des Krieges aufgewachsen. Und jetzt? Wird die letzten Jahre meines Lebens wieder Krieg sein?“

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