Amphilochios

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Amphilochios ist 48, es geht ihm gut. Er ist der Metropolit von Kissamos, das ist eine von acht Metropolien auf Kreta, die ihrerseits 80 Gemeinden sowie acht Klöster umfasst und von 64 Geistlichen betreut wird. Er ist seit 2005 in Amt und – das muss man in seiem Fall sagen – Würden. Für das Grspräch mit ihm rät man mir, eine lange Hose und ein frisches Hemd anzuziehen.

Das tue ich, bevor ich ihn im Rembetiko, einer Taverne an der Hauptstraße von Sougia, treffe, dort sitzt er an einer langen Tafel mit einer Tischgesellschaft und wird von alten Frauen und Männern hofiert, sie küssen ihm fortwährend die Hand, er erduldet es, wenn er es nicht sogar genießt. Es wird ordentlich gespeist, zuvor feierte man in der kleinen Kirche des Ortes die Messe, der namensgebende Heilige hatte wohl Geburtstag.

Amphilochios kommt an meinen Tisch und ich frage ihn, wie die Griechen denn aus der Krise wieder heraus kommen könnten, in der sie seit ein paar Jahren stecken – indem sie mehr beten oder doch eher, indem sie regelmäßiger Steuern zahlen?

In den Lokalen hier kommt die Tischrechnung nämlich immer noch auf den Bierdeckel geschrieben, die 24 % „Tax“ für Speis und Trank werden ungerne abgeliefert, und die Vermieter gewähren einen Rabatt von sieben %, wenn man auf die Rechnung verzichtet, sie sagen: „I don´t pay the government!“

Amphilochios lacht und sagt: „They should try harder“, also sich mehr ins Geschirr hängen. Die letzten Jahrzehnte hätten sie sich nämlich für einen „very easy way of life“ entschieden, und nun zahlen sie eben den Preis dafür. „We have to repay for what we have done the years before, now we have to choose a better life.“ Das klingt weniger moralisch als ökonomisch. „I hope we will be more mature.“

„Wir brauchen Solidarität, die wir für viel Jahre verloren haben. Ich hoffe, dass wir das Leben von einem anderen Blickwinkel aus sehen.“ Die Menschen wurden von Politik und Ideologien betrogen, aber – gedankt sei dem Herren! – sie haben ja immer noch die Kirche, die ihnen nun Orientierung gibt. Deren Rolle ist es, mit den Leuten zu bleiben in diesen sehr schwierigen Zeiten. Sie bietet „Meals and dinners“ und Hilfe beim Bezahlen der Rechnungen.
„Like Jesus told us?“
„Yes.“

Er selbst ist „full of hope.“ Die Griechen lebten immer mit der Tragödie, und sie hätten es immer wieder geschafft, diese zu überwinden. Im Internet lese ich über seine Kirche: „Bei der großen Schlacht von Heraklion am 24. Juni 1821 haben die wutschnaubenden Türken den Metropoliten von Kreta und fünf Bischöfe geschlachtet.“ Soweit wird es ja hoffentlich nicht kommt. Er selbst reist einmal im Monat hinüber nach Konstantinopel, weil er dort von irgendwas ein „member“ ist.

Als ihn sein schwarzgewandeter Hofstaat zum Aufbruch drängt, frage ich ihn, ob ihm das nicht auf die Nerven geht, dass er immer im langen schwarzen Kittel herum laufen muss? Ob er nicht lieber bei den Nackterten am Strand wäre?
Er sieht mich mitleidig lächelnd an und sagt mit seiner tiefen Stimme: „This was a matter of choice.“ Dann rauscht er ab, zurück nach Kittamos, von wo er der Metropolit ist.

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