„Giovanni“

„Giovanni“ ist 65, es geht ihm schlecht. Er betreibt eine Pizzeria hinter dem Wiener Rathaus, „das ist keine Wohnungegend hier, ich habe von den Beamten im Rathaus gelebt und von denen auf der Uni. Alleine die Uni-Mitarbeiter haben jeden Tag drei Tische belegt, aber jetzt? Nichts! Die Leute haben kein Geld? Geh! Das Home-Office bringt mich um!“ Wieviele Pizzen verkauft er noch? „Viel zu wenig! Net einmal ein Viertel! Geh! Noch weniger! Ich schwör´s Ihnen!“

Während wir reden, grüßt Giovanni freundlich Passanten: „Morgen Herr Doktor, Grüß Sie!“ Aber rein kommt niemand.

„Giovanni“ heißt natürlich nicht Giovanni, denn er kommt aus der Küstenstadt Alexandria in Ägypten und lebt seit 23 Jahren in Wien. Kann er als Ägypter überhaupt Pizza machen? „Ha!“, lacht er. „Wir haben in Alexandria eine Bäckerei und machen dort Fladenbrot. Das ist noch schwieriger als Pizzateig!“ Den Unterschied würden die Gewürze ausmachen „und noch ein paar Zutaten, die ich nicht verraten kann.“

Er war früher Pferdepfleger, Chefin und Chef hatten eine kleine Severina, „die hat mich geliebt und ich sie auch. Mit ihr habe ich Deutsch gelernt!“ Und mit einem Helfer aus Hollabrunn, der zu ihm sagte: „Jeden Tag schreibst du dir zehn Wörter auf, die du im Fernsehen hörst!“ Und er hat sie ihm dann erklärt.

„Guten Morgen, Herr Doktor!“

Vermisst er das Meer? „Jeder vermisst das Meer, jeder!“ Die ersten elf Jahre, nachdem er hierher kam, war er nicht zu Hause. Als er wieder in Alexandria war, wollte er sofort zum Meer. „Ich wollte den Geruch vom Meer, es nur riechen! Das Meer! Ich wollte es riechen! Der Geruch!“

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