Milli IX

Milli ist 81, es geht ihr gut. Wir sitzen vorm Haus, sie wartet auf die Abendbetreuerin der Volkshilfe. Wer heute kommt? „Das weiß ich nicht, schauen alle gleich aus. So ein kleines Pulverl krieg ich immer, ich weiß gar nicht, für was? Fürs Schlafen? Geh, ich brauch doch kein Pulverl zum Schlafen, ich kann eh so gut schlafen. Weiß du, wann die kommen? In zwei Stunden erst? Ich glaub gar nicht, dass die heute noch kommt. Wenn es so schön ist, vielleicht wollen sie einmal was anderes machen? Vielleicht sind sie baden?“

Sie hätte gar nichts dagegen, wenn sie nicht kommen würden, dann könnte sie schon schlafen gehen. Sie hat mehr oder weniger das Gefühl für die Zeit verloren, Vormittag, Nachmittag? Ist ihr relativ wurscht. „Was ist, wenn es finster ist?“, frage ich sie. „Nacht“, sagt sie und lacht. „Und was ist, wenn die Sonne scheint?“ – „Sommer“, sagt sie und lacht noch mehr. „Du Rotzbub, mich kannst du nicht hineinlegen, mich nicht.“

Dann reden wir über die Vielzahl an Mehlspeisen, die sie ihr Leben lang gemacht hat, Bauernkrapfen, Baunzen, Mäuse, alles Germteiggerichte, für die sie den Teig mit der Hand geschlagen hat. „Dann hab ich irgendwann keine Luft mehr gekriegt, da hat es mir so weh getan, da beim Herz. Man merkt es eh, wenn es einem zu viel wird, wenn es vorbei ist mit der Schinderei. Ich tu  nix mehr, der Doktor Brandstätter hat gesagt zu mir: Du hast ganz recht, wenn du nix mehr tust! Sollen alle denken, dass ich faul bin, mir ist das alles wurscht, was die denken, ich nehm das alles nicht mehr ernst. Da oben, da haben sie gefilmt, wie die zwei Zwutschgerl im Kinderwagen meine Krapfen gegessen haben, so geschnappt haben sie die, und dann haben sie sie nicht mehr ausgelassen und verputzt, und er hat das gefilmt, der Papa von denen, das können sie sich immer anschauen, wie die meine Krapfen essen, da haben sie eine Erinnerung, aber ich mach keine frischen mehr, na, ich hab genug gearbeitet. Ich glaub, ich geh schlafen.“

„Aber es ist erst 15 Uhr.“:

 „Na, und?“, lacht sie. „Ich hab genug gearbeitet, ich darf müde sein. Wir haben als Kinder schon so viel gearbeitet, dann haben wir uns ins warme Bett gelegt, das war schön. Jetzt freu ich mich auch schon wieder aufs Bett, so ein gutes  Bett hab ich. Ich kann schlafen gehen, wann ich will. Für was soll ich aufbleiben?“ Sie lacht. „Na? Für was? Bleib halt du auf, solange du willst, aber ich geh dann schlafen.“

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