Sepp

Sepp Dreissinger THIS ONE

Sepp ist 71, es geht ihm wieder halbwegs. Genau heute vor einem Jahr hätte er beinahe das Zeitliche gesegnet, wie kam`s? „Ich hatte seit Tage hier im Bauchraum unglaubliche Schmerzen, richtige Schmerzen. Ich wusste nicht: Wie soll ich schlafen? Jeder Millimeter, den ich mich bewegte, tat mir weh. Dann dachte ich mir wieder: Wird schon vorbeigehen! Aber nein, es ging nicht vorbei“ Er hat damals Tagebuch geschrieben: „Schmerzen! Schmerzen! Schmerzen! Jeden Tag Schmerzen!“

Also ging er zu seiner Ärztin, die damals aber nicht ordinierte, sie war in Osterferien. „Ihre Vertretung wollte mir eine Salbe geben, ein Wahnsinn. Ich fragte sie: Eine Salbe?“ Nur widerwillig schrieb sie ihm eine Überweisung für Röntgen und CT. Sepp fuhr zu Dr. Pokieser im 18. Bezirk, „Sie hat mir das Leben gerettet! Lassen’S das Auto stehen!“, hat sie gesagt und ihm gleich eine Überweisung ins AKH geschrieben, mit der anderen Hand rief sie sofort die Rettung.

Die Steine, die sich in seiner Galle angesammelt hatten, machten diese bereits porös. Deshalb konnte er nicht durch den Bauchnabel operiert werden, wie sonst üblich, sondern bekam „den großen Schnitt, da schau her!“ Er zieht den Pullover hoch und zeigt mir die Narbe, sie ist 30 Zentimeter lang, mindestens. „Drei Stunden haben mich zwei Ärzte operiert. Einen Tag später, und es wäre aus gewesen.“ Nun lebt er ein „geschenktes Leben, eine Draufgabe.“ Hat sich etwas verändert für ihn? „Ich bin lockerer geworden“, sagt er. „Sachen, die ich mich früher nicht getraut habe, traue ich mich jetzt.“ Jeden Sonntag kommt er ins Café Weidinger am Wiener Gürtel, wenn wir uns sehen, begrüßen wir uns. Dann sitzt er rechts vom Eingang, und ich sitze immer links, beide schätzen wir die Ruhe.

Weil Sepp auch ein berühmter Fotograf ist, frage ich ihn abschließend, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Er, der immer mit seiner Canon EOS und mit Kokak 400 ISO-Filmen fotografiert, erlaubt es mir. Während dem „shooting“ erzählt er mir noch stolz, dass er in den 90er Jahren einen Brief von Henri Cartier-Bresson bekommen hätte, dem HCB: „Ich schätze ihre Arbeit sehr!“, schrieb ihm der auf englisch. Ich frage ihn: „Sagen alle Fotografen Cheeeees, wenn sie Menschen fotografieren?“ Er tut es nicht, also lasse auch ich es bleiben

Muammer

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Muammer ist 29, es geht ihm gut. Ich treffe ihn am Grätzelfest im 15. Bezirk, lange Jahre war das der Problembär unter den Wiener Bezirken. Hier leben Menschen aus weit über 100 Nationen relativ friedlich zusammen, sagt der Bezirksvorsteherstellvertreter zur Eröffnung, und es gibt über 80 nationale Kulturvereine, in denen sie sich organisieren, so soll es sein.

Heute ist das Grätzelfest Bühne für einen, der die Zuseher richtig glücklich machen kann: Muammer hat sich vor das Mikrofon gestellt und eröffnet das fröhliche Treiben, zusammen mit seinen Bandkollegen aus der Integrationsarbeit. Er legt sein Heft mit den Liedtexten auf den Notenständer, und dann geht es los. Muammer singt:

„Ich bin nach Paris geflogen

Dort hab ich eine schöne Frau kennengelernt

Sie war meine erste Liebe

Sie war meine letzte Liebe“

Und dann nennt er uns ihren Namen:

„Ach Natascha, ach Natascha

Du warst meine erste Liebe

Ach Natascha, ach Natascha

Du warst meine letzte Liebe“

Und dann singt er weiter:

“Ohne die Träume kann man nicht leben

Ohne die Träume kann man nicht spüren

Ich hab schon mal sehr viel geliebt

Ich hab schon mal sehr viel geträumt“

Als er fertig ist, weinen nicht wenige, weil das Lied so schön ist, und keiner kann mehr aufhören, „Ach Natascha“ zu singen: „Ach Natascha, Ach Natascha….“

Dann singt Muammar noch weitere drei Lieder, eines davon über das Internet:

„16 Stunden Tag und Nacht Internet

Ich kann es nicht fassen, so lange Internet

Ich trinke nicht esse nicht wegen dir

Tag und Nacht Internet

Ich kann es nicht fassen so lange Internet

Ich esse nicht trinke nicht“

Und dann im Refrain:

„Internet Internet narrisches Internet

Internet Internet verrücktes Internet

Internet Internet ich liebe dich Internet“

Als ich ihn nach dem Konzert frage, ob es diese Natascha wirklich gibt, sagt er: „Egal. Natascha ist Natascha.“ An dem Lied hat er jedenfalls sechs Monate geschrieben, für andere Lieder brauchte er zwei Jahre, wieder andere schrieb er in drei Monaten. Sie alle sammelt er in seinem Heft, das er mir zeigt, insgesamt sind es 38, auf 50 möchte er kommen. Ein weiteres heißt: „Der narrische Vater“. Ich frage ihn, ob „Narrisch“  eines seiner Lieblingswörter ist, und er sagt: „Kann sein.“

Ob er von einer Karriere träumt?

„Jeder hat Träume“, sagt er , denn:

„Ohne die Träume kann man nicht leben.“

Ach Muammer, ach Muammer

Was für ein schönes Konzert!

Dunja

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Dunja ist 72, es geht ihr gut. Jeden Tag kommt die Regisseurin mit ihrem Hund Uranos, den sie „Uri“ nennt, an meinem Büro vorbei, sie wohnt im gleichen Haus. Uranos war immerhin Vater der Titanen, aber ihr Uri wird in diese Richtung nichts mehr schaffen, der kleine Foxterrier ist kastriert.

Dunja ist gebürtig aus Zagreb, wo sie gerade wieder drei Tage unterrichtet hat, mit dem Flixbus fuhr sie hin und zurück. Sie war 40, als sie nach Wien kam, zuvor studierte sie auf der Harvard in Amerika, anschließend war sie neun Monate lang in Berlin auf der Komischen Oper, wo sie bei Harry Kupfer hospitierte. Nachdem sie 1986 dessen „La Bohème“-Inszenierung auf der Wiener Volksoper sah, musste sie „einfach sehen, wie der arbeitet.“ Im gleichen Jahr bekam sie den Ersten Preis der Stadt Jerusalem für eine Inszenierung, in Zagreb war sie 1984 die erste Frau, die am Nationaltheater eine Oper inszenierte, es war die Cavalleria Rusticana.  Dunja war auch die erste Frau, die in Kroatien Regie studierte. „In Jugoslawien hatten wir die Illusion, dass sich alle verstehen“, sagt sie traurig. Sie hat nie sich vorstellen können, dass es zu einem Krieg kommen würde.

Heute unterrichtet sie an der Schauspielschule Elfriede Ott und im Team 4, wo sie mit arbeitslosen Schauspielern arbeitet. Zuhause betreibt sie ein Studio, in dem sie Film- und Theaterschauspiel unterrichtet. Sie war 2000 in Hollywood und machte bei Jeremiah Comey ihre Ausbildung zum Filmcoach. An Schauspieltechniken lehrt sie die Sanford Meisner-Methode und die von Micha Chekhov. Unlängst nahm sie an einer „Micha-Konferenz“ am Connecticut-College in New London teil. Dort freute sie sich über Kollegen, „die Meinungen austauschten und keinen Wettbewerb betrieben.“

„Meisner heißt Arbeiten mit dem Partner“, sagt sie. Schauspielerin Martina Gedeck erklärte neulich in der ZEIT, dass Schauspielkollege Daniel Day-Lewis nie mit seinem Partner spiele, sondern immer nur für sich. „Ja, schrecklich!“, findet auch Dunja, die Day-Lewis trotzdem für den größten Schauspieler unserer Tage hält. „Es geht ums Zuhören beim Schauspielen!“, sagt sie abschließend, so wie im wirklichen Leben auch. „Wir hören einfach nicht mehr zu, jeder denkt nur an sich.“

Pia

Pia 33

Pia ist 33, es geht ihr so gut, sie möchte am liebsten fliegen. Pia kommt an meinem Büro vorbei, als sie ihren Hund zu einer Freundin in der Nähe bringt. „Was machst du hier?“, fragt sie mich. „Ich stehe in der Sonne und schaue“, sage ich. Das gefällt ihr, sie stellt sich gleich dazu, und dann schauen wir gemeinsam, während sie erzählt: Sie ist aus Hannover in Deutschland, dort war es „nicht so spannend.“ Der Vater lebt in Spanien, wo sie nach dem Abitur ein paar Jahre verbrachte. „Wilde Jahre“, sagt sie, während derer sie nichts ausgelassen hat. Kann sogar gut sein, dass sie es damals ein wenig übertrieb!

Nun läuft ihr Motor deutlich ruhiger, sie lebt in Wiens 14. Bezirk, die Neugierde hat sie hierher getragen, sie ist Trainerin in einem Frauensportclub und berät zum Thema Ernährung. „Wild“ wächst nun das Gemüse. „Wien ist eine Hassliebe. Es gefällt mir schon, aber die Lebendigkeit fehlt mir und die …. naja, die Wildheit! Ja, wenn man mich fragt, was mir fehlt im Leben, dann ist es die Wildheit, das Spontane!“

Also doch!

Ob sie gerade verliebt ist? „Tjoa… naja…mal sehen … “ Sie hat jedenfalls viele Singles-Freunde, Partner-Suche ist ein „Stressthema, weil alle dauernder dieser Reizüberflutung ausgesetzt sind.“ Sie selbst hat erst seit Sommer ein Smartphone, seither hängt aber auch sie öfter dran, als ihr lieb ist. Von Tinder hat sie sich hingegen letzte Woche wieder abgemeldet. „War ein nettes Experiment“, lacht sie. „Allerdings mehr lustig als lustvoll.“

Um den Hals trägt Pia einen Lebenstalisman von ihrer Mutter, eine Sonne, „aber nicht aus dem Esoladen!“ Sie hatte auch mal einen „Ursprungsring“ an der Hand, aber den hat sie leider vor fünf Jahren an der südspanischen Küste im Meer verloren, da war ein grüner Jadestein dran. „Anfangs habe ich ihn vermisst, aber jetzt bin ich gar nicht mehr traurig darüber, weil ich mir denke, der wurde dem Wasser zurückgegeben.“ Was sie im Austausch dafür bekommen hat? „Vertrauen ins Leben.“

Erich

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Erich ist 65, es geht ihm gut, obwohl: „Es könnten mehr Leute sein!“, sagt er, als ich ihn beim Maiaufmarsch der Roten treffe. Wenigstens sei die Teilnehmerzahl in den letzten Jahren „halbwegs stabil geblieben“. Als noch richtig viele Genossen mitmarschierten, „waren es aber dreimal so viel.“

Erich ist Obmann seiner Sektion im 15. Wiener Gemeindebezirk, die Mitglieder treffen sich jeden Dienstag am Marischplatz im dortigen Sektionslokal, auch im Sommer. Für sechs Euro im Monat ist man mit von der Partie, er kassiert den Mitgliedsbeitrag noch bei ca. 30 Leuten in bar, dann gibt es die berühmten „Markerl“. Im Sektionslokal gibt es jeden Dienstag Wein, Bier, Würstel und Schmalzbrot.

Erich kommt aus einer bürgerlichen Familie, der Vater war Lehrer, „aber ein Roter. Unsere Schmelzsiedlung im 15. Bezirk ist 1920 gegründet worden, das war Bundesgrund. Die Gemeinde hat dort einen der ersten Gemeindebauten hingestellt, und der wurde damals so besiedelt: Zwei Wohnungen hat der Bund vergeben, eine die Gemeinde. Dadurch gab es eine sehr gute Durchmischung.“ Ihre 72 m2-Wohnung lag direkt über dem Sektionslokal, es wohnten darin die Eltern, die Großeltern, vier Geschwister und eine Cousine.

„Dort sind relativ kleine Stiegen mit sechs bis maximal acht Parteien. In den Höfen gab es kleine Gärten, jede Partei hatte einen Anspruch darauf. Mein Großvater hatte dort 1953 vierzehn Obstbäume stehen, Hendl, Hasen. So haben sie den Krieg relativ gut überstanden.“

Nach dem Tod der Mutter hätte er Anspruch auf die Wohnung gehabt, „aber das finde ich nicht ganz okay. Die Familie, die jetzt drin wohnt, braucht sie viel dringender.“ Dass auch viele gut Situierte, darunter viele Genossen, in den Bauten wohnen, „das stört mich“. Er ist für Durchmischung, aber gerecht muss es schon sein.

Seit 2000 wohnt Erich im 7. Bezirk am Spittelberg. Die damals sanierungsbedürftige Eigentumswohnung kostete 1,050.000 Schilling, in heutigem Geld 76.000,- Euro. Ein wahres Schnäppchen fürwahr! „Aber wir wohnen drin!“, sagt er und lacht. „Wir spekulieren nicht damit!“ Ein echter Sozi halt.

Herr Natanov

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Herr Samuel Natanov ist 69, es geht ihm hervorragend. Das „Herr“ ist wichtig, denn er ist ein Gentleman, gebürtig aus der schönen Stadt Samarkand in Usbekistan, ehemalige Sowjetrepublik, als eines von neun Kindern, drei Schwester, sechs Brüder. Leonid Breschnew war Vorsitzender der KPdsU, als die Familie 1972 über Israel auswanderte und 1974 in Wien ankam. Er hatte hier noch nie Schwierigkeiten, im Gegenteil: „Österreich ist schön.“ Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Die Familie verstreute sich in alle Richtungen, drei Natanovs leben in Queens, New York, zwei in Wien, drei in Israel. Die meisten sind im Ein- und Verkauf tätig, ein Bruder arbeitet in der israelischen Verwaltung. Das Geschäft in der Hütteldorferstraße in Wiens 15. Bezirk, an dem ich jeden Tag mehrere Male vorbei komme, hat er 1982 übernommen. Anfangs hieß es nur Diskont, nun heißt es 1 € Diskont. Es liegt neben dem Supermarkt Discounter Hofer, aber Konkurrenten sind sie nicht.

Jeden Morgen, sobald es warm genug ist, schiebt er die Ware auf den Gehsteig heraus – Poloshirts, Hausfrauenschürzen, Koffer, Schlapfen, Hauben, je nach saisonaler Nachfrage. Im Geschäft läuft oberhalb der Kassa den ganzen Tag über ein Fernseher mit deutschem Privat-TV, oder er schaut sich am Handy usbekische Hochzeiten an. Meine Tochter schickte ich zu ihm, um Einkaufen zu lernen. Sie war anfangs irritiert, weil nicht alles einen Euro kostete.

Entlang der Hütteldorferstraße stadteinwärts hat Herr Natanov vier weitere Geschäfte und Lager gemietet, und die braucht er! Denn seit 1984 lässt er seinen eigenen Kaffee Amigos in Triest produzieren, fünf Sorten. Einmal alle 40 bis 45 Tage lädt ein Sattelschlepper zwischen 25 und 30 Paletten ab, das sind 12 bis 15 Tonnen. „Ich verkaufe wirklich viel Kaffee“, sagt er. Und an der Ecke, an der er oft in der Sonne heraußen steht, ist wirklich viel los: Die schwarzgewandete Schönheit drängte sich lachend ins Bild, bevor sie, von der untergehenden Sonnen beschienen, davon eilte.

Sartako

Sartako 25Sartoka ist 25, es geht ihr richtig gut. Ich treffe die Frohnatur aus Osaka in Japan, als ich durch den Vogelweidpark vor der Lugner-City marschiere, sie kommt mir mit einem halb vollen Mistsack in der Hand entgegen, was bitte soll das? Satoka und 27 andere junge Leute (26 Asiaten, zwei Europäer) säubern den Park vom Dreck, den wir Anwohner hier regelmäßig hinterlassen. Aber warum?

„Wir kommen von der Bewegung Peacestartswithme“ (Friede fängt mit mir an), sagt sie auf Englisch. Ende des Monates wird sie in der benachbarten Stadthalle an einem Festival teilnehmen, und da muss alles schön sauber sein. „Man soll nicht auf andere warten, dass der Friede anfängt, sondern bei sich selbst beginnen“, erklärt sie mir. Und Friede mit der Umwelt wäre ebenso wichtig wie Friede mit den Menschen.

Auf diesem Festival wird Hak Ja Han Moon sprechen, die Witwe von Sun Myung Moon, dessen Moon-Sekte (oder auch Mun-Sekte) in den 90er Jahren für erhebliches Aufsehen sorgte: 1999 gaben sich im Olympiastadion von Seoul 21.000 Paare das Ja-Wort, viele von ihnen lernten sich erst vor Ort kennen. Heute ist die „Vereinigungskirche“ in Österreich eine staatliche eingetragene Bekenntnisgemeinschaft, vielleicht die einzige, die Parks säubert.

Sartoka ist gelinde gesagt begeistert von Wien, insbesondere Schwarzbrot und alle möglichen Käsesorten darauf haben es ihr angetan. Zum Frühstück schmiert sie reichlich Camembert auf drei bis vier Scheiben Brot, mit Salz, Pfeffer und Tomaten drauf schiebt sie alles in den Ofen, dann kommt noch Chillisauce drüber. Ob sie dazu Wiener Melange trinkt? „No!“, lacht sie. Bei ihrer Ankunft am Bahnhof  wurden Gratisproben einer heimischen Kräuterlimonade verteilt, die schmeckte ihr so gut, dass sie gleich einen halben Sack voll mit ins Hotel nahm. Vielleicht kommt sie also wieder zurück nach Wien, wenn die zuhause in Osaka keinen Almdudler haben.

Walter

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Walter ist 49, es geht ihm gut. Jeden Tag um 7.30 Uhr kommt der gebürtige Vorarlberger, der Wert darauf legt, ein „Bregenzer“ zu sein und kein „Wälder“, an meinem Büro vorbei und geht hinauf zur U3 Station Schweglerstraße, von wo aus er in sein Büro im 3. Bezirk fährt.  Der an der TU Wien ausgebildete Bauingenieur verantwortet gerade als Projektleiter den Bau zweier Brücken in Linz. „Donaubrücken!“, korrigiert er mich begeistert. „Das ist für einen Bauingenieur in Österreich das höchste, was man erreichen kann!“ Es ist nämlich so: „Wieviele Donaubrücken werden über die Jahrhunderte gebaut? Wenige!“

Im Sommer reist er mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Sohn nach Paris, wo es ja auch genug Brücken gibt, und natürlich werden sie am Pont Neuf stehen! Aber nun baut er eben selbst zwei „Bybassbrücken“ für die bestehende „VÖEST-Brücke“ mit einer Spannweite von 289 Metern und einem 36 Meter hohen „Pylon“, auf dem die Kraft der „Schrägseilbrücke“ lastet.

Bis 2020 sollen „seine“ Brücken fertig sein. Dann wird er seinen Sohn an die Hand nehmen und mit ihm hinüber spazieren ins Mühlviertel. Söhne mögen es ja, wenn ihre Väter große Bauwerke hinterlassen, und vielleicht wird der von Walter einmal am Lagerfeuer erzählen: „Es waren unruhige Zeit damals, als die Menschen viele Brücken niederrissen und neue Mauern errichteten, aber mein Vater, der Held  …“

Yunus

Yunus

 

 

 

 

 

 

Yunus ist 16, es geht ihm urgut. „Ried ist super“, sagt er, als ich ihn mit seinem Freund Ömer (rechts im Bild) in der oberösterreichischen Bezirkshauptstadt treffe, sie geleiten mich zum Kulturzentrum, immer peinlich darauf bedacht, den Gehsteig nicht zu verlassen. „Die Leute sind nett, es ist chüllig da.“ „Chüllig“ ist Oberösterreichisch und heißt „chillig“.

„Es wird von Tag zu Tag besser“, sagt Yunus, „es gibt ein neues Einkaufszentrum, die Weberzeile“, die vor zwei, drei Jahren eröffnet hat. „Dort kann man einkaufen, essen, da gehen viele Jugendliche hin zum chülln, es gibt auch streetwork. Das ist dort drüben beim Installateur. Da kaunnst du chülln, das hat in der Woche drei Mal offen. Die Frau Kerstin dort hilft dir, wenn du Probleme in der Familie hast oder Probleme mit der Polizei.“ „Gibt’s Probleme mit der Polizei?“, frage ich. „Na, na!“, lacht Yunus. „Beim Arbeitssuchen hilft sie dir auch.“ Automechaniker würde er gerne werden.

Wie schaut´s mit den Mädels in Ried aus? „Super! Ganz die geilen! Sind schon gute Mädels da. In Ried gibt’s eh alles, was du brauchst. Außer eine große Disco.“ Wenn also Disco, dann müssen sie nach Haag am Hausruck ins Lusthaus fahren, oder nach Wels. Da geht’s mit Kollegen hin oder mit dem Zug. Alkohol trinkt Yunus nicht, er ist religiös. „Da hinten beim Knast ist die Moschee, gleich gegenüber.“ „Sind Freunde im Knast?“, frage ich. „Na, na“, lacht er wieder. Zwei Mal in der Woche geht Yunus in die Moschee. Auch dort ist es friedlich. „Alles ist chüllig.“