Christoph

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Christoph ist 18, es geht ihm gut. Er steht an diesem heißen Julitag seit halb sechs Uhr früh zusammen mit seinem Kollegen Milenko unten in der Fleischverarbeitung seines Arbeitgebers und säbelt mit einem superscharfen Messer an der Flanke eines geschlachteten Rindes herum, holt das Fleisch von den Knochen und verteilt es in die richtigen Körbe. Der Chef wird dann Wurst daraus machen.

Gerne zeigt er mir den mächtigen Oberschenkelknochen des Rindes, den er dann auch gleich zerteilen wird. Oben in der Verkaufsabteilung werden sich die Kunden um den sogenannten „Markknochen“ reißen.

Ursprünglich wollte Christoph nach der Schule Koch werden, aber das war ihm dann zu fad. Im Sommer wird er seine Lehre beenden, und dann wird er schauen, wie es weiter geht. Die Mädels finden gut, was er macht, vor allem gefallen ihnen „die paar Kilo Muskeln“, die er sich seit Beginn der Lehre raufgearbeitet hat.

Astrid

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Astrid ist 59, es geht ihr „den Umständen entsprechend“. Sie hat als Besitzerin einer Modeboutique im 1. Bezirk gerade selbst den Shutdown mitgemacht, „Ein-Personen-Unternehmen, Klassiker.“

„Härtefonds?“

„Pfff! Tausend Euro!“

Nun geht sie die Wollzeile hinauf und schaut, was der Tag so bringen wird. Sie ist Kärntern und gerne in Wien, „man liebt die Stadt, oder man haßt sie.“

 

Ihren guten Style hat Astrid über lange Zeit entwickelt, sie bedient sich meist in ihrer eigenen Boutique. Für diese hat sie seit langem die Herbst-Kollektion bestellt, die dann im Juli, August kommen soll, Franzosen, Italiener, Deutsche, „den Norden auch, queerbeet.“ Kleidung ist ihr Wichtig und Ausdruck der Persönlichkeit, „aber nur darauf reduziert werden möchte ich auch nicht.

 

Die Wiener – „tut mir leid!“, waren früher viel besser gekleidet, sagt sie. Das Stadtbild hat sich verändert, speziell in der Innenstadt. „Der Chic, unabhängig davon, was er kostet, ist verloren gegangen.“

Josef

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Josef „Josi“ ist 63, es geht ihm gut. Seit nunmehr 41 Jahren betreut er als Totengräber den Friedhof in meinem Heimatort, heute gräbt er die „Frau Hurl“ ein, „die Möslbergerin, weiß eh, oben vom Hotel. 85 Jahre alt war sie, nie hat sie was gehabt, bis zum Schluß hat sie im Betrieb mitgearbeitet, Küche, Zimmer, Wäsche, alles. Und dann letztes Jahr im Dezember: Lungenkrebs.“
„Hat sie geraucht?“
„Nein, aktiv nie, aber halt schon sehr viel passiv.“

Wie lange braucht er, um ein Grab auszuheben? „Jetzt, weil ich selbst schon 64 werde, brauche ich schon fast doppelt so lange wie früher.“ Da schaffte er ein zwei Meter tiefes Grab in drei Stunden, heute braucht er fünf bis sechs. Hier im lehmigen Boden des Alpenvorlandes gräbt er bis höchstens zwei Meter hinunter (Tiefgrab), dann liegen immer zwei Tote übereinander. „Außer, es ist schon wieder länger aus, dass der Sarg schon wieder schön zusammengegangen ist, da grabe ich wieder ganz hinunter.“

Wie lange dauert die Verwesung?
„Bei uns da herinnen ein wenig länger, weil der Friedhofs sehr lehmhaltig ist. Bei luftdurchlässiger Erde geht es wesentlich schneller, und wenn man die Leute nicht so tief eingräbt.“ 25 Jahre soll man auf jeden Fall warten, solange findet er Überreste der Toten. Knochen halten natürlich wesentlich länger.
Gegen 3000 Tote hat er hier bereits eingegraben, mittlerweile lassen sich aber fast 50 % verbrennen. Das mag der Pfarrer gar nicht, aber Josi meint, „das muss jeder selbst entscheiden, ob dich die Würmer anfressen oder ob du es noch einmal schön warm haben willst.“

Sein Expertentipp zum Schluss: „Wenn du dich verbrennen lässt, darfst du halt drei Tage vorm Sterben keinen Alkohol getrunken haben. Wegen der Explosionsgefahr.“
„Im Ernst?“
„Nein.“

Eva

Eva ist 61

Eva ist 61, es geht ihr wieder „ so halbwegs“. Eva ist auch vom Hören her eine echte Ottakringerin und außerdem Mitglied eines KünstlerInnenstammtischs, der sich im Café Weidinger trifft: „Heute tritt die Valiente auf, ich weiß nicht, ob Ihnen die was sagt? Die ist schon am Yppenplatz aufgetreten und in Hernals drüben.“

Unlängst ist Eva gestürzt, daher das Pflasterl auf ihrer Stirn. Sie hatte eine Unterzuckerung auf der Maroltingergasse draußen, „aber in drei Minunten war ich im Wilhelminenspital, in allem Ernst! Ja, da ist nämlich grad der Notarzt vorbeigefahren mit der Rettung, die haben mich zusammengeklaubt, am nächsten Tag durfte ich wieder nach Hause.“

„War das nicht gefährlich?“

„Ich hatte eine kleine Gehirnblutung“, sagt sie mit sehr ernstem Blick.

An den Ohren trägt sie heute Klopapierschmuck, aufgefädelt auf Beatmungsschläuchen. „Die hat die Künstlerin, die was die gemacht hat, auch schon nach Amerika verkauft. Übers Internet!“

Işık

Ischik ist 72

Isik ist 72, es geht ihm „jooo, danke, ganz gut.“ Er wurde in Anatolien geborgen und lebte dann in Ankara, 1968 kam er nach Wien. Warum Österreich? „Joo, warum net? Ist ein scheenes Land. Ich liebe das Land, ich freue mich, dass ich hier lebe.“ Mittlerweile ist er ein richtiger Wiener mit Frau und drei Kindern, „eine Tochter hat in der Lugner-City Buchhalterin gemacht“. Von da her kennt er den Boss selbst, „Richard ist ein alter Freund, ein sehr netter Kerl. Aber Frauen sind sein Hobby, waaßt.“

Sein Hobby wiederum ist sein gutes Aussehen, „das ist mir wichtig. Früher waren die Haare anderes, aber es geht noch.“ „Goldener Mann“ kann man auch zu ihm sagen, lacht er, wegen dem schönen Schmuck.

Isik erinnert sich noch an die Zeit, als hier statt des Vogelweidparks, wo er sitzt, der Fußballplatz des SC Red Star war und er den Sportklub und die Rapid spielen sah. Sein Herz aber gehört dem Galatasaray Spor Kulübü, den Gelb-Roten aus Istanbul.

Franz

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Franz ist 66, es geht ihm sehr gut. Der DJ begann seine Karriere 1992, nachdem er zuvor ab 1970 bei der Band „Die Dominos“ spielte. Bei denen war er Schlagzeuger und „der, der die ganze Gaudi gemacht hat.“

Seit 1967 sammelt er Platten, und kaum hatten sich die Dominos aufgelöst, baten ihn die ersten: „Geh bitte, leg bei mir auf.“ Geburtstag, Hochzeit, alles mögliche. Irgendwann stieg er von Vinyl auf CDs um, nachdem sich ein paar im Kofferraum gebunkerte Scheiben in der Mittagshitze verformt hatten. DJ Göttl, wie er heißt, legt in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland auf, und es sind vor allem die ganz Jungen, die zu seinen DJ-sets richtig abgehen.

Hatte er heute schon einen Auftritt?

„Daheim bei meiner Frau“, lacht der zweifache Familienvater. Am Samstag macht er für sie nämlich immer das Frühstück, seit 46 Jahren, die sie nun schon verheiratet sind.

„Ihr seid immer noch verliebt?“

„Wir sind immer noch sehr verliebt!“

Milli

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Milli ist 79, es geht ihr gerade nicht so gut, ihr ist schwindelig und alles tut ihr weh. „Alt werden ist nichts für Feiglinge“, sagt sie immer, und dann: „Ich erzähl dir jetzt, wie dein Vater und ich getanzt haben.“

Emilia Maria, so ihr voller Name, arbeitete als junge Frau in der Küche des Gasthauses zur Goldenen Sonne , wo die jungen Männer immer bei der Türe herein schauten und um Ihre Gunst buhlten, bevor der Wirt sie verjagte.

„Dein Vater war hartnäckig, also ging ich mit ihm zum Tanz. Er war groß, so wie du, und ich war eine Feder und ließ mich führen von ihm. Die anderen, hat er immer gesagt, waren krampert und schwer.“

„Was habt ihr getanzt?“

„Walzer, am liebsten Walzer. Wir sind geflogen, und alle anderen haben uns zugeschaut. Glaubst du nicht? War aber so.“

Uwe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Uwe ist 56 und gerade ein bisschen angespeist. Warum? Seine Zuckerwerte schwankten, und seine Hausärztin meinte, er solle in die Diabetesambulanz im Hanuschkrankenhaus gehen. Die Tabletten haben nicht mehr richtig angeschlagen. Spüren tut er das nicht, er merkt es nur, wenn er den Zucker misst.

„Normalerweise müsste ich komplett auf Zucker und Kohlehydrate und was auch immer verzichten. Und eben eine medikamentöse Einstellung richtig machen lassen, was die Hausärzte meistens aber nicht können.“

„Sie können es einfach nicht! Ein Allgemeinmediziner macht so was wie eine Erstversorgung. Aber wenn der Zucker so stark schwankt, sollte man in eine Ambulanz gehen. Aber die haben mich eben weggeschickt.“

Haben ihm seine Liste in die Hand gedrückt mit Ärzten, die auf Diabetes spezialisiert sind. Seine Hausärztin steht auch auf dieser Liste, sagt er kopfschüttelnd. Und zu der geht er jetzt wieder.

Ilse

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Ilse ist 61, es geht ihr gut. Sie ist Mitglied eines Künstler- und Innenstammtisches, bei dem sich einmal im Monat verschiedene Künstler- und Innen treffen, austauschen, planen. „Sehr viele Maler, Literaten, Kunsthandwerk, also eigentlich gemischt. Wir haben auch den Ostermarkt am Kalvarienberg, den ich organisiere. Heuer waren wir schon am Rathausplatz, also es ist immer ganz nett. Und zwar deswegen auch, weil ich das immer für rheumakranke Kinder mache. Der Erlös, was da ist, kommt ihnen zugute.“ Zwei ihrer eigenen Enkerl haben Rheuma.

Sie selbst ist künstlerisch vielfältig, macht Vasen mit Serviettentechniken, Halsketten, Hauben für Babys, alles, was ihr halt einfällt. „Ich tu auch Ketten häkeln. Und momentan aus den Videobändern, die schmeißt ja jeder weg, tu ich Taschen häkeln.“„Was sind das für Nadeln?“„Dreier. Es ist eine langwierige, aber schöne Arbeit.“

Die Stücke kosten dann zwischen 15 und 20 Euro, „da bin ich vielleicht zu günstig. Aber es freut mich, wenn wer die Arbeit schätzt. Ich kann nicht ruhig sitzen.“ Sie wohnt oben in Ottakring an der Endstation U3, „bei den Heurigen.“ Der Bezirk gefällt ihr nicht mehr so, wie früher. Sie ist jetzt mehr im Haus in Laa a.d. Thaya draußen.

 

Eldad

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Eldad ist 42, es geht ihm „under the circumstances not so bad.“ The circumstances sind, dass er wegen der Corona-Sache in Wien festsitzt, nachdem er Anfang März hierhergekommen war. Eigentlich sollte er gerade in Holland auf einer Univerität Tanz und Choreograpie unterrichten, aber …

Zuvor war er in Thailand, wo sein Cousin samt Familie in Kho Pha Ngan vom Schmuckverkauf lebt. „It was amazing.“ Der Reisepass-Franzose mit Herkunftsfamilie in Israel ist seit sechs Jahren „resident in Vienna“, bleibt aber auch hier nie länger als anderswo. In den letzten 15 Jahren hat er sich ein globales Freundesnetzwerk aufgebaut an Plätzen, an denen es sich lohnt zu arbeiten oder herumzuhängen.

Falls sich in Wien in nächster Zeit keine „artistic things“ ergeben und auch keine „beautiful things“, dann fliegt er im Sommer nach Korfu, wo er eine „nice time to chill“ verbringen könnte. Andererseit: „I don´t have plans. I have intentions on many things, but I don´t plan.“