Norbi

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„Norbi“ ist 61, es geht ihm gut, „ich bin zufrieden“. Er trinkt gerade sei erstes Wirtshausseiterl nach dem Shutdown, er trinkt immer Seiterl, „nie eine Halbe.“

Norbert wuchs in der DDR auf, wo er den „Meister in Sprengtechnik“ machte. Zur Zeit der Wende lebte er in Dresden, dann kam er nach Spital am Pyhrn und hatte eine „Idee“: Er kaufte drei Steinbrüche und hatte in der Folge reichlich Schotter. „Geschäftsmodell 1: Alles selber verwerten. Geschäftsmodell 2: Verkaufen an die Kunden.“ 200.000 Tonnen im Jahr verkaufte er seither, „mit einem Gewinn von 50 Cent pro Tonne“. Das macht er seit 30 Jahren, darum ist er „steinreich.“ Da muss er lachen, und ich auch.

Seine Haare trug Norbi die meiste Zeit seines Lebens so schön und lang, er kam damit gut an in der Damenwelt. Trotzdem gab es natürlich auch Tiefschläge, aber „die muss man mitnehmen.“ Seine Familie? „Ist kaputt gegangen.“

Franz

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Franz ist 66, es geht ihm gut. Ich treffe ihn im „Gasthaus zur Gemse“ im oberösterreichischen Windischgarsten zur Wiedereröffnung nach dem Corona-Shutdown, wo er bei Wirt Hans und Wirtin Karin Stammgast ist. „Coronabedingt war ich jetzt zwei Monate lang nicht da“, sagt er, „und ich trau es mich fasts nicht laut zu sagen, aber es ist mir sehr gut gegangen!“

Auf „die Gams“ hat er sich natürlich trotzdem gefreut – „Und wie!“ -, und er hat sich sofort eine Halbe Bier gekauft: „Ein Puntigamer in der Gams, das ist schon das Oberding!“ Außerdem hatte er ein paar Schulden zu begleichen, „zum Beispiel ist die Manuela da, und der schulde ich ein paar Seiterl.“ Warum? Die Manuela ist seine Golfpartnerin, „und wenn man ein Girlie schlägt, dann zahlt man ein Seiterl.“ Was ist ein Girlie? „Wenn man vom Herrenabschlag den Ball nicht zum Damenabschlag bringt!“, lacht er, „oder anders gesagt: Wenn der Schlag misslingt.“

Golf spielt Franz praktisch jeden Mittwoch der Saison seit 2002. Wie sein Handicap ist? „Frag mich was Leichteres! Mir gehts darum, dass ich in der Natur meine Kilometer mache, ich bin am Knie operiert, und dabei kann ich ein paar Mal glücklich oder unglücklich drauf haun. Es soll schon so sein, dass es nach was ausschaut. Aber wenn es vom 18er Loch zurück geht, dann sieht man das Saletterl ….“

Und im Saletterl gibt es ein Seiterl.

 

Kathi

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Kathi ist 65, es geht ihr gut. Sie hat gerade 400 Schaumrollen gemacht, zehn davon kriege ich, danke Kathi. Wir sind Nachbarn, sie schaut auf meine Bude herüber, ich auf ihre Fenster hinüber, über die breite Allee hinweg, die zwischen uns liegt, unterhalten wir uns immer wieder, oder in der breiten Allee selbst.

Neulich hat ein Bekannter von Kathi mit Pülcher-Vergangenheit im Chérie, dem großartigen, leider geschlossenen Café oben bei der Wasserwelt, Geburtstag gefeiert, und wir waren dabei. Es gab wirklich sehr viel Wein, wirklich sehr viel Bier, und wirklich sehr interessante Geschichten. Geschichten aus einer Zeit, als die legendären Mitglieder der legendären Wiener Halbwelt noch das legendäre Kartenspiel „Stoß“ spielten und es, wenn die halbe Halbwelt des Bezirks einen geschlossenen Termin bei der Friseurin hatte, nicht nur darum ging, wer die schöneren Lockerl trägt, sondern auch darum, wer am Ende den Slip der Friseurin hatte.

400 Schaumrollen: Kathi braucht dafür Blätterteig und eine Füllung auf Schlagobersbasis mit anderen Zutaten, die aber ihr Geheimnis bleiben. Den Blätterteig gibt sie hinein in die Form, die Füllung in den Teig – und nächste. An die drei Stunden braucht sie für 400 Schaumrollen, ihr Rekord liegt aber bei über 800 Stück.

Mick

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Mick ist 38, es geht ihm sehr, sehr gut. Erstens hat er „eine wunderbare Frau und ein wunderbares Kind.“ Zweitens darf die wunderbare kleine Annouk, die im Mai fünf Monate alt wird, jetzt auch wieder unter die Leute, nachdem sie bisher während der Krise nicht viel anderes kannte als zuhause bleiben.

Und dann hat er da noch sein Wohnmobil – ein Citroen Challanger Omnistor 4000 -, das sie letztes Jahr gekauft haben. Einziges kleines Manko: dass es leider ein paar Roststellen hat, die er gerade ausbessert. Auf der Habenseite allerdings: er bessert sie in der Abendsonne aus. Das 55 PS-Gefährt soll irgendwann auch wieder regenfest sein, aber für Reisen in Richtung Norden wird er noch ein bisschen spachteln müssen.  Ein Traumreiseziel wäre allerdings ohnehin eher Marokko. Freunde von ihm waren kürzlich dort, und sie fanden es nicht nur wunderschön, sondern auch sehr angenehm zu reisen. Im Challenger haben sie zu Dritt locker Platz, also steht dem Ausflug eigentlich nichts mehr im Wege.

Aus dem Fenster oberhalb hört Mick nun seine „wundebare Tochter“ quängeln, und das erinnert ihn nun daran, dass es bald Abendessen gibt. Kein Wunder also, dass es ihm „sehr, sehr gut“ geht.

Tina

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Tina ist 40, es geht ihr – trotz der „Krise“ – gut. Sie ist aus dem 16. Bezirk herüber nach Fünfhaus spaziert, wo ich sie auf der Hütteldorferstraße treffe, bevor sie wieder abbiegt hinüber Richtung Ottakring. Jeden Tag geht sie jetzt ein bis zwei Stunde spazieren, zu Hause wird dann vor allem gelesen, Sauerteigbrot backt sie nicht. Vielleicht ganz passend liest sie gerade Rutger Bregmans Bestseller Utopien für Realisten. „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche… usw.“

„Sobald Reisen wieder möglich sein wird, werden die Leute wieder fliegen statt Bahn fahren“, wagt sie einen realistischen Ausblick. Darum genießt sie jetzt noch die Ruhe über Ottakring, normalerweise kommen die Flieger über ihrem Bezirk herein und düsen weiter in Richtung Schwechat. Ihre letzte Flugreise ging vor drei Jahren nach Kopenhagen, „dann haben wir uns entschieden, dass wir nicht mehr fliegen.“

Ihr Ausblick? „Also ich weiß nicht. Ich glaub nicht, dass sich nachhaltig irgendetwas zum Besseren verankern wird. Wenn ich mir die Schlangen anschaue, die schon wieder vorm Kik und den anderen Plastikmüllgeschäften stehen …“ Das Einkaufen geht ihr am allerwenigsten ab, eher schon die Freunde drüben am Yppenplatz. Social Distancing – sie jedenfalls hat sich daran gehalten.

Danny

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Danny wuchs in den 80er Jahren im damals berüchtigten South Central L.A. auf, nahe der Manchester Avenue in den niedrigen 100er-Straßen. „That´s funny“, erzählt er, „where I grew up was an L.A. side, this was largely Crips”, über die Straße aber war Inglewood und also Los Angeles County, und dort herrschten die Bloods.

Natürlich redet er von den beiden damals vorherrschenden Gangs, er musste also „extra aware“ sein, um an dieser Schnittstelle mit keiner der beiden anzustreifen. Mit einer blauen Jeans aber, erzählt er lachend, machte man sich nicht gleich verdächtig, man musste schon „blue, blue, blue, blue“ tragen, um als Crip-Gangmitglied assoziiert zu werden.

“Stanley Tookie Williams met Raymond Lee Washington in 1969, and the two decided to unite their local gang members from the west and east sides of South Central Los Angeles in order to battle neighboring street gangs”, erfährt man dazu auf Wikipedia.

Danny war großer Basketball Fan, und in L.A. liebte er die Lakers, die damals noch in Inglewood in der Arena „The Forum“ ihre Heimspiele austrugen und bis heute ihre „training facilities“ in El Segundo haben. Seine favorisierte Rap Band A Tribe Called Quest sangen auf ihrer Debut Single: „I left my wallet in El Segundo“. In seiner mehrere tausend CDs umfassenden Sammlung finden sich aber alle Hip Hop Bands der damaligen Zeit, East – und Westcoast. Danny, der heute weltbekannter Jazzmusiker ist, digitalisierte all seine CDs in viermonatiger Arbeit und legte sich einen Katalog an, mit dessen Hilfe er noch heute alte Schätze finden kann. Die CDs sind in Kisten im Haus seiner Mutter gelagert. Ice Cube wohnte übrigens im Haus hinter ihrem, er ging mit seinem Bruder zusammen in die Schule.

Danny erinnert sich:  Der bekannte Lakers Player Byron Scott ging damals mit einer „Lady, which lived just across the street“. Und Magic Johnson lebte an der Valley Ridge Avenue im ersten Haus, Michael Cooper gleich in der Nähe, an seinem Haus war eine Bushaltestelle, die Danny auf seinem Weg in die Schule passierte.

Weiter ging seine Reise schließlich nach New York, und dann hinaus in die ganze Welt.

Andreas

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Andreas ist 52, es geht ihm gut. Er arbeitet normalerweise im privaten Krankentransportgewerbe, das zurzeit aber still steht, weil sie nicht in die Krankenhäuser hinein dürfen.

Jeden Mittag kommt er nun in der Allee vor meinem Büro vorbei. Nachdem er bereits drei Runden um die Schmelz gelaufen ist, dehnt er jetzt die Muskeln auf einer Bank, bevor er wieder nach Hause läuft. Eine Stunde zwanzig macht er jeden Tag Programm.

Bis er 45 Jahre alt war, trainierte Andreas den FV Austria 13 Auhof Center in der Wiener Stadtliga, davor spielte er in diesem Verein als Stürmer. Erfolge gab es einige, erzählt er stolz. Nun treten die Söhne in die Fußstapfen des Vaters, allerdings ein paar Stufen höher: Einer spielt bei der Admira in der Akademie.

„Wird das was Größeres?“, frage ich. „Bundesliga? Nationalmannschaft?“

„Schaun wir mal!“, lacht er.

Jetzt freut er sich vor allem darauf, dass die Wirten wieder aufsperren. Beim Mader gleich in der Nähe, beliebt für seinen Schweinsbraten und den Panierten Toast, haben er und die Freunde sich immer getroffen, bevor sie zu den Spielen gefahren sind. Und auch gerne danach.

Simon

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Simon ist elf, es geht ihm sehr gut. Er hängt hier im Park herum und spielt Basketball mit seinen Kumpels, am besten harmoniert er dabei mit Jelani. Simon ist aber auch guter ein Stunt Scooter Rider. Zusammen mit seinem Freund Max hat er mal einen workshop besucht, und dort haben sie ein paar richtig gute Tricks gelernt.

Zusätzlich spielt er noch Handball bei der WAT Fünfhaus. Die Spiele der Europameisterschaft in der benachbarten Stadthalle konnte er aber leider nicht live sehen, es gab für sie keine Karten. Handball, Basketball, Stunt Scooter – was macht er am liebsten? „Stunt Scooter und Handball. Aber auch Basketball.“

Einen großen Traum, der vielleicht mit Basketball und einer Karriere in der amerikanischen NBA verbunden wäre, hat er nicht. Simon will mal Anwalt werden.

„Um den Armen zu helfen? Oder den Reichen?“

„Beiden.“

 

Sabine

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Sabine ist 45, es geht ihr gut. Sie hat zwei Söhne, die elf und vier Jahre alt sind. Die Pädagogin hat lange Zeit in einer Mittelschule als Integrationslehrerin unterrichtet, den eigenen älteren Simon allerdings unterrichtet sie zu Hause. „Beim Kleinen weiß ich noch nicht, ob ich es tun werde.“

Was jetzt in allen Haushalten passiert – Homeschooling nämlich – , macht Sabine also schon lange. „Man muss das Kind für den häuslichen Unterricht abmelden. Dann kauft man sich die Schulbücher und geht den Stoff durch. Bei einer Externistenprüfung im Mai gibt es ein Zeugnis und die Erlaubnis, auch nächstes Jahr zu Hause zu unterrichten.“ Sollte die Prüfung aber nicht geschafft werden, muss die Klasse in einer Schule mit öffentlichem Recht wiederholte werden.

„Die Volksschule war noch easy: Deutsch, Mathe und Sachunterricht. Da war der Unterricht noch eher spontan und auch nicht sehr lange“, lacht sie. Nun aber geht Simon in die 1. Klasse Gymnasium, und dafür haben sie schon einen Lernplan gemacht. Kleines Problem mittlerweile: „Selbst wenn  ich selbst den Stoff beherrsche – Physik, Chemie, Geo – , taugt er mir jetzt auch nicht mehr immer so, dass ich ihn mit dem nötigen Herzblut rüber bringe wie ein Lehrer, der für sein Fach brennt.“

Ihr Simon wird also nächstes Jahr vielleicht doch in eine Schule gehen. „Er ist neugierig und würde sich das gerne mal anschauen, einen richtigen Turnsaal mit richtigem Turnunterricht haben. Je älter er wird, desto mehr braucht er was anderes.“

 

 

 

Christian und Milos

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Christian (links) ist 14 und hat morgen Geburtstag, Milos hat das reife Alter von 15 schon erreicht. Darum darf er auch über Christian lachen, weil „der hat früher so ausgeschaut.“ Er zeigt seinen kleinen Finger, dafür schlägt ihm Christian gegen die harten Bauchmuskeln, bis die Haut rötet.

In der Früh ißt Christian jetzt „zwei, drei, vier Eier, viel Fisch, Omega 3“. Wie Rocky Balboa trinkt er die Eier aber nicht. Seit einer Stunde trainieren sie hier im Park hinter der Lugner-City: Klimmzüge, Liegestütz, Klimmzüge, Liegestütz. Dann wieder ein paar harte Schläge gegen den Sixpack. „Später gehen wir vielleicht laufen.“ Normalerweise sind sie ja „im Gym drüben im 16., jeden Tag vor dem Training, nach dem Training, das ist wichtig.“ Aber Gyms haben gerade auch geschlossen.

Beide spielen Fußball. Milos in der Akadmie von Mattersburg, wo er während der Woche auch wohnt, Christian im 10. Bezirk bei Team Wiener Linien. Für Milos wäre es das höchste, irgendwann Bundesliga für Mattersburg zu spielen. Daür brauchen sie neben Ausdauer und Technik eben auch Muckis. Den Mädels gefällt es schon auch, wenn sie so gut ausschaun, „aber wir tun das ehrlich nur für uns.“

Sie lachen und packen zusammen.