Patrizia

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Patrizia ist 41, es geht ihr sehr gut. Nach der Schule machte sie eine Lehre als Friseurin beim Er-Ich im 1. Bezirk und beim Grecht in der Spitalgasse. Sie schneidet noch heute „irrsinnig gerne Haare“, am liebsten „einen langen Stufenschnitt à la 80s“. Mittelscheitel? „Auf jeden Fall!“, lacht sie begeistert. „Mit Stirnfransen. Und darunter eine Dauerwelle“, damit der Kunde ausschaut „wie ein Christbaum.“

Nach der Gesellenprüfung wechselte sie zum Jazzgesang. Singen war für sie ein Ventil, „um gewisse Energien raus zu lassen, die für mich damals mit 18, 19 nicht mehr erträglich waren.“ Sie hat sich am Prayer-Konservatorium beworben, aber der dortige Gesangslehrer sagte zu ihr: „Brauchst nicht studieren, ich mache dich über Nacht zur Barsängerin.“ Patrizia kaufte sich ein blutrotes, bodenlanges Kleid mit Spitze beim Lord Rieger auf der Mariahilferstraße, „so hat es begonnen, mehr hat es nicht gebraucht.“ Sie sind herumgetingelt und z.B. im Casino in Kärnten aufgetreten, „wo wir auch vorzüglich behandelt worden sind. In der Pause bekamen wir ein Extrawurstsemmerl.“ Über die Entlohnung in diesen eineinhalb Jahren will sie lieber nicht mehr nachdenken, lieber lacht sie wieder.

Danach studierte sie am Gustav Mahler Konservatorium in Wien und machte dort das Künstlerische Diplom mit Auszeichnung, seither tritt sie auf. Letzten Dezember rief sie ein Schlagzeuger an, sie brauchten eine Sängerin für ein Kreuzfahrtschiff, Abreise: Juni 2018. Patrizia sagte: „Na gut, ich fahre mit.“ In Dubrovnik bestieg sie die MS 2 Europa mit Endstation Mallorca. Jeden Abend absolvierte sie mehrere Shows auf verschiedenen Decks in verschiedenen Bars für die „typisch gehobene Klientel“. Keine flip-flops, keine espandrillos, immer high heels auch bei hohem Seegang. „Man schläft in Kajüten ohne Fenster. In diesen Stockwerken riecht es. Du musst das ganze Equipement immer herum schleppen. Alkohol darfst du keinen trinken.“ Bezahlt wurde sie immer „besser als die Kellner. Wahrscheinlich.“

Die Reise ging über Dubvorvnik und Hvar nach Capri: „Eine richtige Enttäuschung! Dort holt die Camorra die Leute mit ihren eigenen Booten vom Schiff ab. Und ich habe keine einzige Caprihose gefunden, das kann es ja nicht sein!“ Lacht, und geht nach Hause.

 

 

 

 

 

 

 

 

Horst

Fiaker Hans

Horst ist 55, es geht ihm „eh gut, aber horch zua, wos wülst?“ Als Journalist ist man bei den Fiakern am Wiener Stephansplatz gerade nicht besonders hoch angesehen, nachdem der Bezirksvorsteher Innere Stadt, ein gewisser Figl, ihnen die Vertreibung aus dem Paradies in Aussicht gestellt hat, worüber alle Zeitungen berichteten. Aber gut.

Horst weiß gerade gar nicht, welche Rösser er eingespannt hat bzw. welche „Würstel“, so heißen die Pferde bei den Fiakern noch immer. „Wir sind ja nicht selbständig“, sagt er. „Weißt eh, selbst und ständig hackeln heißt das … “, lacht er, sein Lachen ist tief und dreckig und kommt irgendwo von seinen Schuhsohlen herauf. Seit 11 Uhr früh steht er da, früher dürfen sie gar nicht, „weil das Gesetz das so vorschreibt.“ Er dürfte dann bis zehn am Abend hier stehen und auf Fuhren warten, „aber das mach ich nie, i bin jo net varruckt.“ Wie viele Fuhren schafft er pro Tag: „Das weiß doch ich net!“ Aber dann weiß er es doch: „Zwischen eins und siebene.“ Nicht zwanzig? „Na geh, wann? Wie?“

Die Leute sind nicht schwieriger geworden, wie man eigentlich annehmen könnten, und wenn sie doch schwierig sind, „dann hau ich sie aussi, so einfach ist das: Jetzt reichts! Auf Wiederschauen, brauchst nicht zahlen, Tschüss.“ Und zwar irgendwo, „wo er halt grad deppert ist.“ Der Winter ist härter als der Sommer? „Natürlich“, lacht er wieder. „Aber für mich nicht so, weil ich bin im Winter viel daheim.“ Hat er Familie zuhause? „Na klar, wos sunst?“

Das schönste Erlebnis, an das er sich erinnert? „Das war, wie ich die eine zusammengeführt habe, die ist mir hineingerannt. Und wie ich gemerkt habe, dass sie nicht tot ist, das war das schönste Erlebnis.“

Pia Nives

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Pia Nives ist 24, es geht ihr sehr gut. Den schönen Namen „Nives“ hat ihre Mutter mal im Nachspann eines Sophia Loren Filmes gesehen, er gefiel ihr so gut, dass die Tochter ihn nun trägt. Bald möchte sie die staatliche Schauspielprüfung machen, um ein drittes Standbein neben Gesang und Tanz zu haben. Als Tänzerin weiß sie, wie beschränkt ihre Zeit der Berufsausübung ist, auch bei ihr sind schon Bänder gerissen, mit 21 hatte sie eine Hüft-OP. Noch hat sie kein künstliches Gelenk, aber „ich freue mich irrsinnig darauf“. Sie hat nämlich oft Schmerzen, „nicht brutal, aber eben Schmerzen. Jeder Tänzer hat Schmerzen.“ Dass sie erst spät mit Tanz angefangen hat, „war sicher auch ein Grund, warum das meine Hüfte nicht ausgehalten hat.“

Seit letztem Jahr ist Pia wieder fit und geht zu Auditions, momentan spielt sie am Burgtheater in Glaube, Liebe, Hoffnung. Zuvor war sie an der Staatsoper engagiert und hat im Theater an der Wien bei der Maria Stuarda von Christoph Loy getanzt. Gerade hat sie sich eine Stunde lang mit ihrer Schauspiellehrerin auf eine Rolle vorbereitet, eine „kaputten Person!“, freut sie sich, denn: „Als corps de ballet-Tänzerin bin ich ja sonst immer eine Nymphe oder irgendwas, aber man hat nie die oarge story, durch die man durch muss.“ Nun aber: „Bisschen postapokalyptisches Szenario, wo jemand eine Frau sucht, um dem Jugendamt etwas vorzuspielen wegen Sorgerecht für zwei Töchter. Ich bin eben diese Frau, die da engagiert werden soll, und auf dem Weg zu diesem Vorstellungsgespräch wurde ich ausgeraubt und zusammengeschlagen. Ich habe irrsinnige Schmerzen…“ Im Coaching übt sie nun, „das Spiel nicht aus der Erinnerung herzustellen, sondern aus dem Körper.“

Wie sieht ihre Zukunft aus? „The sky is the limit.“ Sie würde gerne nach Deutschland gehen, nach New York eher nicht, und London wäre „schon schwierig wegen Brexit und Visa“. Sie würde sofort ihre Koffer packen, denn sie ist frei, es gibt keine Liebe, die sie in Wien halten würde.

Peter Michael

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Peter Michael ist 79, es geht ihm gut. Der Starjournalist bereitet sich gerade auf eine Lesung vor und erzählt: Wahnsinnig aufgeregt ist er vor so einem Termin nicht mehr, nein; seine wöchentliche Falter-Kolumne schreibt er nach bestem Wissen und Gewissen; überzeugt, dass es richtig ist, kann man nie sein; der Aufwand, den er dafür betreibt, ist groß: Er liest „an sich jeden Tag die wichtigsten Zeitungen, ich habe die FAZ abonniert, lese den Economist meistens, und die ZEIT in Auszügen, und verschiedene mir wichtige websites mit wirtschaftlichen Belagen auch. Im Allgemeinen stehe ich um Acht auf und beginne um Neun zu lesen, zuhause  im Wohnzimmer.“

Dann findet er ein Thema und versucht, sich in dieses zu vertiefen. Durch das ständige Lesen ist er mit den meisten Themen halbwegs vertraut, er hat sich aber spezialisiert auf Volkswirtschaft und hält sich von anderen Dingen relativ fern, „sonst wär’s zu viel. Man kann nicht gleichzeitig über die  wirtschaftliche Entwicklung in Nicaragua genau Bescheid wissen und über die in Italien.“

Wie ist es, an Bedeutung zu verlieren, nachdem man z.B. Profil-Herausgeber war? „An Bedeutung habe ich verloren ab dem Moment, als ich 1987 aus dem Profil ausgeschieden bin. Das war dumm von mir, ich hätte nicht ausscheiden müssen, weil die Eigentümer hinter mir gestanden sind. Es sind aber Vorfälle gewesen, wo ich für mich das Gefühl hatte … jemand ist in meinen Schrank eingebrochen und hat daraus Unterlagen genommen, um daraus einen Vorwurf zu konstruieren, der noch dazu falsch war. Da hab ich gesagt: In einer Zeitung, wo man in meine persönlichen Schränke einbricht, will ich nicht sein. Und habe leider in dieser Emotion gesagt, ich gehe. Das war Unsinn. Ein großer Fehler. Das habe ich am nächsten Tag schon bereut. Da ist man eine Zeitlang bitter….“

Aber dann wurde ihm das Ausscheiden dadurch versüßt, „dass mir der Geschäftsführer, der mich nicht mochte zu diesem Zeitpunkt, später mochte er mich dann aber, für einen Leitartikel so viel gezahlt hat wie ich zuvor für meine gesamte Tätigkeit bezahlt bekommen habe: 40.000 Schilling, eine wirklich fantastische Summe für eine Seite Text. Das habe ich vorher für eine Tätigkeit bekommen, wo ich die ganze Woche von früh bis spät in der Redaktion gesessen bin.“ Machte dann 160.000 im Monat.

Das waren die Zeiten, wo auch Manfred Deix angeblich 40.000 Schilling pro Zeichnung bekommen haben soll? „Nein, der Arme hat 3000 bekommen! Und 3000 hat der Deix erst bekommen, nachdem ich sein Honorar deutlich erhöht habe, vorher hat er 300 Schilling bekommen, das war grotesk. Der war wirklich miserabel von der Geschäftsführung bezahlt. 3000 ist dann aus heutiger Sicht immer noch niedrig gewesen, aber damals waren 3000 Schilling immerhin das, was andere im Monat verdient haben.“

Helmut

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Helmut ist 50, es geht ihm gut. Er steht zu Allerheiligen am Friedhofausgang des kleinen Ortes und hält den Leuten den Korb zum Geldsammeln hin, er ist Absammler in seiner Pfarrgemeinde, oder Zechprobst, wie man früher sagte. Wir kennen uns aus gemeinsamen Zeiten bei der Jungschar und haben uns vierzig Jahre nicht mehr gesehen: „Die zwei Klingelbeutel gibt es wie eh und je. Früher waren sie grün, vor zwei Jahren haben wir neue bekommen, sie sind jetzt schwarz mit einem farblich etwas anderen Rand, das Glockerl ist noch dran.“

Helmut macht das seit über 20 Jahren, dieser Job ist in seiner Gemeinde den „Älteren“ vorbehalten, die Jungen haben andere Dienste, „Fahnentragen und so. Die Absammler sind eigene Gruppe, die Kantoren und Lektoren auch.“ Helmut trägt auch manchmal die Lesung und die Fürbitten vor, es gibt 30 Lektoren, „der Pfarrer ist zu den Leuten gegangen und hat geschaut, dass sich welche melden“. Er kommt im Monat durchschnittlich einmal dran. Für die Einteilung sind zwei Kollegen zuständig, alle drei Monate bekommt er einen Plan. Helmut lässt sich immer für die Sonntagabend einteilen, andere hingegen können nur in der Früh, weil sie am Abend in den Stall müssen, andere sagen: „Mir ist es wurscht.“

Helmut geht auch in die Kirche, wenn er keinen Dienst hat, prägend für seinen Glauben war das Ministrieren, „da ist man dabei geblieben. Aber man macht es nicht so, wie man es soll, das muss man auch sagen.“ Er ist also nicht der, der keinen Sonntag auslässt, gibt er zu. Da tut es ihm gut, wenn er Dienst hat, denn „da  muss ich“, lacht er, „da ist man strukturiert.“

Helmut hatte nie eine Glaubenskrise, „warum soll ich mir was anderes suchen, oder an gar nichts glauben?“ Der Glaube gehört für ihn zum Leben dazu, „auch wenn du Kinder hast: Taufe, Erstkommunion, Hochzeiten, da kommst du ohne Kirche gar nicht umher am Land. Und wenn du in diesem Umfeld aufwächst … für mich ist es besser, ich habe dieses Umfeld, als ich habe gar keines.“

Auch in Hinblick Tod und Friedhof, vor dem wir stehen: „Du kannst natürlich sagen: Sterben muss jeder einmal. Aber du kannst anders umgehen damit, wenn du in so einem kirchlichen Umfeld lebst, das Sterben wird auf jeden Fall einfacher sein. Ich kann nicht schlecht leben und dann gut sterben, das funktioniert einfach nicht. Ich kann mir keinen eigenen Himmel erschaffen, das wird nicht gehen. Ich glaube, dass das ein jeder selbst ein bisserl weiß: Jede Medaille hat zwei Seiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wenn ich einfach Leute umbringen, und dann stelle ich mir den Himmel schön vor, das kann nicht recht funktionieren.“ Helmut glaubt auch ganz sicher, dass es eine Hölle gibt, „aber das darf heute ein Kirchenmann gar nicht predigen, weil sonst ist man heute sowieso schon nicht mehr dort, wo man hin gehört..

Im Ort fühlt er sich wohl, er ist nie weggegangen, er lebt gerne in dieser kleinen Gemeinde am Land. „Wenn man immer schon da ist, verbunden mit den Leute, verbunden mit der Feuerwehr, mit der Musik – die Leute kennen dich, du kennst die Leute, du kommst viel herum. Bei der Feuerwehr kannst du viel helfen auch noch dazu….“ Die schlimmsten Einsätze waren die Verkehrsunfälle mit Toten, „das sind die Extreme, die muss man nicht so oft haben, die bringt man auch nach zwanzig Jahren ganz schwer weg…“

Am Ende schätzen wir noch gemeinsam, wie viel Geld in seinem Körberl ist: Viele Münzen, ein paar Fünfer, kein Zehner, kein Zwanziger, kein … „70 Euro“, sagt er. „Hundert sind es sicher nicht geworden.“

Gigi

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Gigi Eugenia Menta ist sieben, sie war gerade traurig, aber jetzt ist sie wieder glücklich. Warum traurig? Sie dachte, ein Buch mit Stickern, das ihr der Papa gerade gekauft hatte, wäre kaputt, ist es aber gar nicht. Sie hat sich ein Monsterbuch gewünscht, „weil es kein Prinzessinnen-Sticker Buch gab!“ Hat sie Angst vor Monstern? „Kommt drauf an, welches!“ Was ist das größte, schiarchste und angsteinflößendste Monster, das sie kennt? „Weiß nicht. Aber in Lauras Stern gibt es Traummonster. Wenn man Angst hat, werden sie größer. Wenn man keine Angst hat, werden sie kleiner.“

Ihre liebste Figur ist Hexe Lilli. Gigi würde auch gerne zaubern können, sie würde dann zaubern, dass sie keine Hausaufgaben hat. „Das Blöde an der Schule ist, dass man Hausaufgaben machen muss. Erstmal sagt die Lehrerin, dass man die machen muss, und zuhause sagt es dann auch noch mal die Mama.“ Ihr Lieblingsfach in der Schule ist Sport, am liebsten mag sie Ballspiele, aber sehr gut ist auch in Schnurspringen und in Roller fahren.

Halloween, das gerade gefeiert wird, „mag ich eigentlich auch nicht richtig. Da will ich lieber zuhause bleiben anstatt rausgehen und feiern, weil es da irgendwie keine richtigen leckeren Süßigkeiten gibt.“

Otto

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Otto ist 61, es geht ihm gut. Obwohl: einmal fragte ihn einer, was Glück ist, und er sagte: „Die kurze Abwesenheit von Traurigkeit.“ Den letzten Glücksmoment hatte er gerade vor ein paar Stunden, es war wohl im Kino. Ich lernte ihn kennen, als mein Bruder noch für ein Österreichisches Magazin schrieb und auf Spesen nach Venedig an den Lido reisen durfte, zum Filmfestival. Sie bezahlten ihm ein riesiges Apartement mit pool, Geld spielte in diesen Tagen keine Rolle. Ich schlief dort, ein paar andere schliefen auch dort, immer mehr schliefen schließlich dort. Und dann kam auch noch Otto in seinem alten Kombi die Lidostrada heraufgefahren, packte Iso-Matte und Schlafsack aus und zog zu uns aufs Dach. Egal.

Seit 40 Jahren bereist Otto Film-Festivals und moderiert dort Diskussionen und Publikumsgespräche, Anfang der 80er Jahre fing er mit der Berlinale an. Sein Lieblingsfilmfestival – und zwar sein absolut liebstes Filmfestival! – ist das Festival des neuen Heimatfilmes im oberösterreichischen Mühlviertel. Da gehen ihm die Augen auf, als er davon erzählt, da ist er richtig glücklich: „Das ist so super! Eines der wichtigsten Festivals der Welt! Der Stolz des Mühlviertels! Nur super Filme aus dem Iran, Pakistan, Griechischer Heimatfilm, 13 Moderationen in fünf Tagen! Am Abend wird gekocht im Salzhof, dann spielt jeden Abend eine Band, freier Eintritt, open air, das ist wie eine große Familie. Es kennen mich alle, ich kenne alle, ich muss denen das Mühlviertel erklären, die Speisekarte übersetzen.“ Meist empfiehlt er ein Bratl und eine Halbe dazu, und wenn das Festival Ende August zu Ende geht, dann freut er sich schon wieder auf die letzte Augustwoche im nächsten Jahr.

Was ist also Heimat für ihn? „Ich kann überall zuhause sein!“ Er war neulich beim 5. International Duhok Filmfestival im Nordirak , Kurdistan, 60 km nördlich von Mossul. Warum wird er dorthin eingeladen? „Weil i a freindlicher Mensch bin!“ Alle haben ihn gewarnt: „Geh Otto! Das ist gefährlich, bleib lieber daheim.“ Aber er hat gesagt: „Schaun wir mal, wie das Wetter dort wird.“ Und dann fühlte er sich dort am sichersten von allen Festivals der Welt. „Die Peschmerga, die haben auf mich aufgepasst, als wäre ich der Goldschatz von irgendeinem kurdischen Ahnenvater.“ Er fühlte sich dort quasi … zuhause. Und er war dort viele Momente lange glücklich.

Martina

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Martina ist 62, es geht ihr gut. Seit 25 Jahren arbeitet sie für das Wiener Kinderfilmfestival, dort laufen Klassiker wie „Laban, das kleine Gespenst“. Das Festival feiert heuer sein 30 Jahre Jubiläum und ist basisdemokratisch organisiert, die vier Mitglieder des Vorstands fahren nach Berlin oder Cannes zu den großen Festivals, wo es auch einen „Markt“ für Kinderfilme gibt, und suchen dort welche aus. Martina findet es „schön, mit Kindern zu arbeiten“, sie hat selbst eines, aber das ist mittlerweile 22 und gehört nicht mehr zur Zielgruppe.

Sind die Kleinen überhaupt noch begeisterungsfähig, wo schon die Allerkleinsten nur noch ins Handy starren? „Ja, schon. Also wir haben 7,5 Tausend Besucher in neun Tagen, das ist ja nicht wenig. Es wird also nachgefragt, obwohl die Ablenkung natürlich sehr groß ist.“ Können die Kinder überhaupt noch 90 Minuten einen Film schauen? „Vielleicht nicht alle, aber die meisten schon. Es kommt schon immer wieder vor, wenn Schulklassen kommen, dass die Kinder ihre Handys auspacken. Aber wenn ich einen Film einspreche, dann sage ich das schon immer vorher sehr deutlich: Steckst eure Handys weg! Das ist unhöflich!

Wenn Martina keine Filme schaut, dann liest sie. „Momentan stehe ich wahnsinnig auf die Siri Hustvedt, von der hab ich gerade drei Bücher gelesen. Und ich bin eine ganz große Liebhaberin vom T.C. Boyle, von dem lese ich manchmal auch die alten, vor kurzem hab ich Worlds End gelesen, und das Buch ist sicher zwanzig Jahre alt.“

Martina hat auch eine Vorliebe für die Farbe Lila: Sie trägt sie in allen Tönen, von den Haaren abwärts über den dazupassenden Lippenstift bis zu der dazupassenden Kleidung und den dazupassenden Schuhen.

Hans

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Hans ist 49, es geht ihm gut. Er kommt aus Grafrath in Bayern, und dorthin möchte er auch so schnell wie möglich wieder zurück zu Frau und zwei Kindern. Der Veranstaltungstechniker hat für den Hauptsponsor des Tennisturniers in der Wiener Stadthalle „ein bisschen Licht und Ton bei denen am meeting point aufgehängt“, solche Jobs macht er in Österreich seit 20 Jahren. Jetzt läuft gerade das Finale, Hans steht vor der Halle und schaut ungeduldig auf sein Handy: „Zweiter Satz, tie-break! Ich hoffe, dass der Japaner dann mal gleich verliert!“ Nicht, weil er keine Japaner mag, aber er könnte dann in zwei Stunden alles abgebaut haben und käme schneller von hier weg.

„Ich bin eigentlich nur ein Hauptschüler, habe aber meine eigene Firma, man ist schon auch seines eigenen Glückes Schmied. Man muss was tun und nicht nur erwarten, dass die anderen was für einen tun. Wenn ich höre, was jetzt wegen dem Kohleausstieg in Deutschland geredet wird, die vielen Arbeitsplätze …. dann müssen sie halt was anderes lernen, lernen hört ja nie auf!“ Er selbst hat in seinem Leben schon sechs Berufe gemacht, „ich bin gelernter Elektroinstallateur, gelernter Radio- und Fernsehtechniker, dann hatte ich eine Computerwerkstatt, da ging dann Attari und Commodore pleite, da musste ich wieder was anderes machen, bis ich in der Veranstaltungstechnik gelandet bin.“

Dem „treuen, aber nicht fanatischen CSU-Wähler“ hat es ein bisschen weh getan, dass seine Partei bei der letzten Wahl doch deutlich verloren hat. Aber es „wurde der richtige Weg eingeschlagen, dass die CSU nämlich einen Rückschlag erleiden musste, um jetzt mit einem konstruktiven Miteinander sich neu zu erfinden, die waren doch schon zu eingefahren.“ Für ihn haben auch die Grünen „eine Wahrheit, warum nicht? Das gehört dazu. Die sind ja in Bayern nicht links, sie schauen halt mehr auf das Ökologische.“ Die AFD war eigentlich  „überhaupt kein Thema bei uns in der Gegend, weil es ist ja so: Die im Osten glauben, das Problem mit den Flüchtlingen zu haben, aber wir haben es. Allerdings ist bei uns das soziale Gefüge so stark, dass das gar kein Thema ist. Es funktioniert, man hilft sich.“

„Insgesamt jammern die Leute auf hohem Niveau: Jeder Deutsche fährt zwei Mal im Jahr auf Urlaub, jeder hat ein fast neues Auto, jeder geht in ein Sportstudio. Wo ich aufgewachsen bin, da gab’s keinen Urlaub, da gab’s im Sommer Stroh einfahren.“

Julius

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Julius ist 57, es geht ihm gut. Eine Spur zu gut sogar, wie er selbst findet. Er wollte sogar schon einmal eine Therapie machen in der Absicht, dass es ihm danach schlechter gehen solle, weil er dann andere in seiner Umgebung nicht mehr so deprimieren würde mit seinem vergnügten Wesen. Er bat also seine Therapeutin, ihn dahingehend zu „dimmen“, aber sie entließ ihn unbehandelt, weil das Ziel der Behandlung ihrem Ethos widersprach. Dabei, so Julius, hat doch niemand etwas davon, wenn es nach einer Therapie nur ihm besser geht, allen anderen um ihn herum aber schlechter, weil sie mit seinem Sonnenwesen nicht mithalten können.

Den Künstler verbindet eine Geschichte mit dem ehemaligen Staatssekretär Franz Morak, dem er während dessen Amtsszeit auf zahlreichen Veranstaltungen begegnete. „Immer, wenn der Morak auftauchte, sangen alle sein Lied ‚Sieger sehen anders aus!’, der hatte es wirklich nicht leicht, aber er hat sich durchgebissen.“ Einmal wurden er und sein Künstlerpartner Georg eingeladen, im Salzburger Kunstverein während der dortigen Festspiele eine Veranstaltung zu machen. Am Abend vor der Eröffnung gingen sie hinüber ins benachbarte Festspielhaus aufs Klo, wo sie sich nebeneinander stellten, um zu pissen. „Wir sind zwar eng, aber nicht so eng“, erklärt Julius, also blieb die eine Schüssel zwischen ihnen frei. Da kam der Staatssekretär herein, erkannte die beiden von hinten nicht, und stellte sich zwischen sie. Als er sah, neben wem er da gerade auspackte, sagte er: „Meine Herren! Was Sie hier machen ist nur ein theatralischer Akt wie vieles andere auch!“ Tropfte ab und ging hinaus.

Zwei Mal im Monat besucht Julius mit seiner Stieftochter ein Lokal namens Einfahrt am Wiener Karmelitermarkt. Weil dort auch der Autor Robert Menasse Stammgast ist, gibt es ein nach ihm benanntes Menasse-Frühstück, dessen Hauptteil ein dick mit Butter bestrichenes Schwarzbrot ausmacht, das kopfüber in einen Schnittlaufbottich getaucht wird, „sodass es einer grünen Wiese gleicht.“ Dazu bestellt Julius am liebsten ein kleines Bier.