Marianne

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Marianne ist 61, es geht ihr blendend. Auch jetzt in der Krise, „denn als Pensionistin in der Krise geht’s einem gut.“ Da beklagt sie sich auch nicht darüber, dass sie ihr gerade fünf Monate altes Enkelkind Sophie sowie die beiden anderen Enkerl zurzeit höchstens aus der Ferne sehen kann. Ihr Sohn Ali hat heute Geburtstag, mit dem stößt sie an, „der ist der süsseste überhaupt“, lacht sie.

Dramatisch verändert hat sich ihr Leben zusammen mit ihrem aus dem Iran stammenden Mann nicht. „Wir sind jetzt mehr zuhause, aber das ist nicht tragisch.“ Marianne war Kindergartenpädagogin in Wien-Favoriten. „Ich habe mir das nicht ausgesucht, das hat meine Mutter für mich ausgesucht. Aber es war ein schönes Arbeiten.“ In einem Kindergarten, „der damals okay war. Aber heute sind alles Brennpunktkindergärten“, lacht sie wieder.

Waren alles liebe Kinder? „Waren alles liebe Kinder.“

Und ist aus allen was geworfen? „Na“, lacht sie. „Es wird auch nicht aus allen was. Die Erwartungen muss man realistisch halten. Weil wo nix drin ist, kann nichts rauskommen. Ein leerer Sack steht nicht.“

Ric

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Ric ist jung, er arbeitet in der Trafik in der Lugner-City unten vis-à-vis vom Dorotheum. Gerade ist hier nicht viel los, letzte Woche, erzählt er, hätte die Leute in Panik „wegen der Falschmeldung von diesem Radiosender“ Zigaretten und Tabaksackerl auf Vorrat eingekauft, aber jetzt? „Das hat sich wieder gelegt.“

Ric hat viele Freunde, die sich zur Zeit wieder Bücher kaufen oder in die Bibliothek gehen, um dort welche zu holen. Er selbst ist froh, dass er einen ordendlichen Bestand an Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern und Hefterl zu Hause hat, „ich bin aufgewachsen mit dem Zeug“. Jetzt kann er darin schmökern, herborgen an seine Freunde tut er aber nichts, wegen der Viren.

Auch in die Trafik kommen zur Zeit überraschend viele und fragen nach Asterix- oder Micky Maus Hefterln. Seit 20. Februar gibt es ein Lustiges Taschenbuch auf „Wienerisch“, nach dem sind die Leute ganz narrisch, wie man so schön sagt. Ric denkt derweil an eigene Kinder, die er bald haben möchte. „Dann mache ich es wie mein Papa: Ich nehme sie auf den Schoß oder in den Arm, und dann lese ich ihnen Lustige Taschenbücher vor.“

 

 

 

Django

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Django ist 65, es geht ihm nicht so gut. Ich treffe ihn vor dem Kuhstall in Tribuswinkel, einem „Diner and Dancelokal“ respektive einer L´armourhatscher-Hütte, in der heute DJ Bootsy auflegt und er Rosen verkauft. Das heißt, eigentlich verkauft er keine Rosen mehr, denn die Zeiten für Rosen sind trotz Schenkelöffnermusik vorbei. „Romantik? Geh!“, sagt er. Eine Rose kostet heute einen Euro, früher verkaufte er elf Rosen um hundert Schilling. Damit machte er Werbung für seine zwei Geschäfte, die er hier in der Gegend hatte.

Er kam aus Äypten, wo er 80 Kilometer südlich von Kairo lebte, hierher. Er heiratete 1987 eine Österreicherin, die Ehe mit ihr hielt 33 Jahre, die Kinder sind heute 33, 29 und „der Kleine ist 27“. Django hat sie seit 13 Jahren nicht mehr gesehen. „Aber wurscht“, sagt er. „Ich schaue nach vorne. Wie ich nach hinten geschaut habe, habe ich Zucker bekommen.“ Erst in sechs Jahren ist er pensionsberechtigt.

Sucht ein Rosenverkäufer noch die große Liebe? „Geh!“ Er kommt in den Kuhstall wegen der Leute, die er alle kennt und mag, und um zu tanzen, weil er sich wegen seiner Zuckerkrankheit ein bisschen bewegen muss. Manchmal bleibt er länger, manchmal nicht so lange. Heute wird er noch ein bisschen schauen, was sich ergibt. Als wir hineingehen, hat DJ Bootsy „Georgie“ von Pussycat aufgelegt, für die Romantiker.

Karl

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Karl ist 65, es geht ihm sehr gut. Er spielte einst bei der Union Kuenring in der Wiener Herrengasse vis-à-vis vom Café Central Bastketball. Ursprünglich 1951 von Franz Mrkvicka als Damenbasketballverein gegründet, spaltete sich 1971 eine Herrensektion ab, in der Karl im Nachwuchs als Kapitän spielte. Mit 17 rückte er in die erste Mannschaft auf, in der ein gewisser Franz Vranizky als rechter Flügelspieler eingesetzt wurde. Bis heute nennen sie ihn „Vrany“, der Verein heißt heute Basket Flames.

Bis zu seiner Matura hat Karl mit seinem Verein halb Europa bereist, er war in Vigo in Spanien und nahm in Straßburg an der Europameisterschaft teil, „es gab regen Spielverkehr mit der damaligen CSSR, wir spielten oft gegen Brünn, Prag oder Bratislava gegen die dortige Slovan.“ Einen „Dunk“, das sehenswerte Hineindreschen des Balles von oben in den Korb, schaffte er mit 187 cm Körpergröße nie, in der von Schwarzen dominierten amerikanischen Liga gibt es obendrein einen Spruch: „White men can´t jump.“ Sein Idol war Whilt Chamberlain von den LA Lakers.

Heute sitzt Karl im Café Engländer mit einem Freund zusammen, der 1964 bei Olympia über 200 Meter Delfin angetreten ist. Und jedes Jahr am 24. Dezember treffen sich die alten Recken im Hotel Marriott zum Erinnern an alte Zeiten: „Die Worisch vom Synchronschwimmen, der Franz Hasil von der Rapid, der dann bei der Feyenord Rotterdam gespielt hat mit dem Ernst Happel …“

Andreas

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Andreas ist 32, es geht ihm gut. Ich treffe ihn auf dem Gelände der Modellbaugruppe20 in Spillern nördlich von Wien, wo er gerade die „Performancereifen“ an seinem Traxxas Mercedes-Benz TAX6 G63 wechselt, einem sogenannten Scale Model des gleichnamigen Offroaders im Maßstab 1:10, Listenpreis: 749 Euro.

Am zurückliegenden Wochenende war er mit seiner 12jährigen Tochter Laura bei einem entsprechenden Wettbewerb in Belgien, sie bildeten ein Familienteam: 12 Stunden lang galt es das Modellauto durch anspruchsvolles Gelände zu steuern, er mit den kleineren „Performancereifen“, sie mit etwas größeren. Wenn er stecken blieb, schob sie ihn an oder zog ihn mit der Seilwinde raus. Seine Tochter ist mittlerweile fast besser als er, aber das gibt er nicht so gerne zu.

An schönen Wochenenden verabreden sich manchmal bis zu zwanzig Modellbaubegeisterte zu einer Wanderung. Dann gehen sie mit ihren Fernsteuerungen hinter ihren Modellautos her, die sie möglichst steile Straßen und Wege hinauf lenken, bis zu 66 Grad Steigung hat Andreas schon geschafft. Während dieser Wanderungen tauschen sie sich aus, teilen Erfahrungen und unterstützen sich in der Verbesserung ihrer Modelle. Wenn sie dabei Wanderern begegnen, fragen diese interessiert, was um Gottes Willen sie denn hier machen. Dann sagen sie, dass sie Spaß haben.

Kirstin

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Kirstin ist 53, es geht ihr gut. Sie hat gerade in einem Yogastudio im 8. Wiener Bezirk ihr Buch Was ist Yoga? vorgestellt, der Raum war gut gefüllt, die Leute saßen ohne Schuhe auf Polstern oder auf Matten, und anschließend gab es vegetarisches Fingerfood, Ausnahme: ein Thunfischsalat. Die Trinkbecher sollte man beschriften.

Mit 16 fiel Kirstin das Buch „Yoga für jeden Tag“ von Kareen Zebroff in die Hände. „Da war auf jeder Seite eine Übung dargestellt, und auf der anderen Seite war diese Grinsekatze Zebroff mit dieser toupierten blonden Frisur.“ Das Buch hat sie mit nach Hause genommen, hat alles brav geübt, und dann hat sie entdeckt, dass es nicht weit von ihr eine Yogaschule gab, wohin sie ihre Schwester mitschleppte. Seither macht sie eben Yoga, „mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger.“ Als Jane Fonda mit Aeorobic anfing, war sie dafür nicht mehr zu begeistern.

Letzte Woche hatte sie eine Lesung auf der BUCH WIEN, und zwar auf der Kochbühne, weil Yoga dem Kochen zugeordnet wird, vielleicht wegen „Veganes Yoga“, das es auch gibt. Die das machen sind dafür, dass die zahlreichen Figuren, die nach Tieren benannt sind (Der Frosch, Der Gorilla, Die Heuschrecke…), eben nicht mehr nach Tieren benannt werden, weil dadurch das Tier zum Objekt degradiert wird. Während ihrer Lesung kommt der Vorschlag, die Figur „der Hund“ möge in Zukunft „Karfiol“ genannt werden. Weil Kirstin nach so vielen Jahren Yoga tiefenentspannt ist, kann sie herzhaft darüber lachen.

Mathias

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Mathias ist 17, es geht ihm gut. Er lebt in Brandenberg im Tiroler Unterland, wo es einen schönen Spruch gibt: „Bevor du von einer Oberlandlerin ein Busserl kriegst, kriegst von einer Unterlandlerin ein Kind.“

Mathias macht eine Lehre zum Landmaschinenmechaniker in Kundl, wohin er jeden Tag zur Arbeit fährt, 17 Kilometer hin und retour. Dort repariert er vor allem Fendt Traktoren von 70 bis 500 PS Stärke mit Rädern, deren Felgen einen Durchmesser von bis zu 42 Zoll haben, also über einen Meter. „Der Markt entwickelt sich relativ gut“, sagt er, obwohl die Teile 200 bis 300 Tausend Euro kosten. Das Geld dafür, sagt er lachend, hat oft nicht der Bauern, sondern die Bank.

Mathias spielt eine Original Steirische Knopferlharmonika, eine Strasser, die aus Zirbenholz gebaut wird. „Das hat einen speziellen Geruch und wirkt beruhigend“.  Die diatonische Harmonika mit wechseltönigem Diskant sowie wechseltönigem Bass gehört zur Familie der Handzuginstrumente. Am liebsten spielt er mit Freunden und Kollegen oder anderen Musikern. „Da reißt man das Instrument aussa und spült spontan“, bis alle in der Wirtsstube tanzen. Bezüglich weiterer Karriere als Tasten- und Knopfvirtuose hat er noch keine fixen Pläne: „Wia’s kimmt, so kimmt’s. I spü gern, mia mochts a Freid.“ Und den Oberlandlerinnen und Unterlandlerinnen sicher auch.

Peter

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Peter ist 72, es geht ihm gut. Wohl auch, weil er ausschaut wie 52, höchstens! Wie hält man sich so frisch? „Wein, Bier …“, sagt der Münchner, der 1972 aus Wien-Landstraße dorthin gezogen ist. Wegen der Reisetätigkeit als Monteur anfangs, wegen der Liebe in der Folge.

Irgendwann vor vielen Jahren hat seine Frau in der Nähe unseres Hauses in Oberösterreich ein schattiges Grundstück gekauft, „ein Stück Bauland, und dahinter den Wald.“ Aus dem Wald hat er vor Jahren das Totholz auf das nach wie vor unbebaute Grundstück heraus geräumt, dann wuchs alles zu. Jetzt kommt er ein – bis zweimal im Jahr hierher und schneidet mit der Sense alles weg. Das Problem ist jetzt das Totholz, das in der Wiese herumliegt und ihm die Sense ruiniert. Die nächsten drei Tage wird er mähen, dann werden sie das Grundstück „auf den Markt werfen“, Kennwort: „Schattiges Platzerl“. „Die Winter“, weiß er, „sind hier herinnen schon noch mal was anderes“, und während der Hälfte des Jahres fällt auf sein Grundstück sowieso keine Sonne. Mit dem nahenden Klimawandel könnte das aber sogar ein Verkaufsargument sein, lacht er.

Weil er in der kurzen Hose nicht ins Wirtshaus gehen will, hat er sich für die Mittagspause eine „Brotzeit“ mitgenommen und einen Sessel, auf dem er sie einnehmen wird. Vielleicht findet er sogar irgendwo eine Ecke, wo die Sonne hinscheint. Mahlzeit!

Schoko Michi

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Michael ist „über dreißig“, es geht ihm gut. Er nennt sich selbst „Schoko-Michi“, weil der Fan von gehaltvoller Schokolade beim Schloß Schönbrunn eine kleine Schokoladenfabrik besitzt, „die ich gerade neu ausrichte, umbaue, ich habe so viele Ideen, wahrscheinlich werde ich ein Museum auch dazu machen!“ Das Ganze wird noch „zwei Monate dauern, dann ist Eröffnung.“ Seine Familientradition reicht „über hundert Jahre zurück“, da ist die Familie Zotter nichts dagegen, „die ich schätze, alles sehr fleißige Leute, aber ich brauche niemanden nachmachen.“

Farben liebt er auch, wobei ihm Grün die liebste ist, aber „das hat keine politische Symbolik“, versichert er mir am Neustifter Kirtag, er hat ja auch ein rotes Tuch. Hüte liebt er auch, daher überlegt er, ob er nicht auch in die Hutproduktion einsteigen und „natürlich auf legale Weise“ Hüte für andere produzieren soll, „das ist zwar aufwendig, aber die Liebe habe ich. Jeder soll einen Hut tragen, wie er seiner Persönlichkeit entspricht.“

Seinen Zylinder jedenfalls hat er selbst gefertigt. Er trägt ihn jeden Tag, darum könnte er auch „Zylinder Michi“ heißen, er sagt: „Zylinder machen am meisten her und sind die eleganteste Kopfbedeckung, zumindest für den Herren.“

Enes

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Enes ist seit einer Woche 30, es geht ihm sehr gut. Vor 29 Jahren, als in Bosnien Krieg herrschte, flüchtete er mit seinen Eltern Mirzet und Mika aus Tuzla nach Österreich. Meine Eltern nahmen sie auf, weitere Flüchtlinge kamen dazu, irgendwann lebten zehn Leute in unserem Haus. Emina, die Schwester von Enes, kam in dieser Zeit auf die Welt. Mirzet holte sie und seine Frau aus dem Krankenhaus ab, und meine Mutter sollte sie in die kleine Wiege legen, das ist der bosnische Brauch. Seither gehören sie zur Familie, sein Vater Mirzet ist mein Bruder, und Enes begrüßt mich mit „Hey, Bruder!“ Heute haben wir uns wieder einmal gesehen, dabei erinnerten wir uns:

Einmal saß Enes, das Baby, auf meinem Knie, ich wippte es auf und ab und merkte nicht, dass er ein Zuckerl verschluckte. Mika, gelernte Krankenschwester, riß ihn an sich, drehte ihn auf den Kopf und schlug ihm hart gegen den Rücken – er spuckte aus. Ein anderes Mal fiel er in unsere Regentonne und ertrank beinahe, als wir gemütlich am Grillen waren.

Enes überlebte auch das und wurde ein wilder Hund. Er liebte schnelle Autos, wenn er zwischen Wels, Linz und Steyr herumfuhr. Sein „Traumauto“ wäre noch immer ein Nissan GTR, der 360 bis 400 PS hat und über 300 km/h auf die Straße bringen würde. Aber um so einen richtig auszufahren, müsste er hinaus nach Deutschland, wo es kein Tempolimit gibt, und das schnellste Rennauto ist am Ende sowieso die Kindheit. Heute ist „der Kleine“ 1,93 Meter groß und seit drei Jahren glücklich verheiratet. Seine Frau heißt Emina, wie seine Schwester, die in unserem Haus in der Wiege lag.