Brigitte

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Brigitte ist 64, es geht ihr gut. Sie kommt aus Sievering im 19. Bezirk, ich treffe sie auf der Ratstraße inmitten des Getümmels am Neustifter Kirtag, wo sie gerade unterwegs nach Hause ist. Zusammen mit ihrem Mann und Hund Roscoe flüchtet sie vor dem Ansturm der Massen, damit ihr Roscoe nicht zusammengetreten wird, hält sie ihn lieber im Arm.

Als Kind hatte sie einen Hund der berühmten Marke Steiff, den sie über alles liebte, und sein Name war eben Roscoe. Nie hatte sie in der Folge einen eigenen Hund, bis ihr der Gatte zum 60. Geburtstag einen schenkte – natürlich nannte sie ihn Roscoe. Roscoe ist ein Havaneser und schläft entweder bei ihr im Bett oder im Vorzimmer als Wächter. Er kann dann aber nur kläffeen, richtig in die Flucht schlagen kann er niemanden, dafür ist er zu klein.

Roscoe ißt mit Vorliebe Pferd, nicht im ganzen natürlich, und selbstverständlich gekocht. Sie kauft es beim Fressnapf oder beim Tierarzt, zu dem sie öfters gehen müssen, „weil er allergisch ist auf Fisch.“ Dass man ihn wegen seinem Mascherl am Kopf für ein Weiberl halten könnte, das ist Brigitte wurscht. „Für mich schaut er so halt noch bisserl schöner aus.“

Georg

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Georg ist 22, es geht ihm sehr gut. Er wohnt im 9. Wiener Gemeindebezirk, und als ich ihn zur Eröffnung des Neustifter Kirtages treffe, trägt ein blaues Jopperl, das er reduziert beim Loden Frey gekauft hat. Er liebt Blau und ist ein Blauer durch und durch und mit allem Drum und Dran, gleich wird er sich mit seinen Freunden beim FPÖ-Zelt treffen „und steht auch dazu.“ Die schöne Lederne hat ihm seine Mutter einst zur Firmung gekauft, bei Trachten Hiebaum im Steirischen Vulkanland, und sie paßt ihm noch immer. Seine bevorzugt blauen Stutzen sind leider beim Waschen eingegangen, darum trägt er heute grüne, aber eine Bekannte wird ihm bald neue blaue stricken.

Das Them Ibiza ist seiner Meinung nach durch, Vergangenheit ist Vergangenheit, er schaut lieber in die Zukunft. Dort wird er als Wahlbeisitzer für die Freiheitlichen die kommende Nationalratswahl begleiten, und in der Steiermark wird er sogar selbst als Gemeinderat kandidieren. Er ist „stolz, Österreicher zu sein“, und „möchte etwas für Österreich tun“.

Seine Schwester wird heute auch zum Kirtag anreisen, den sie noch nie besucht hat, beim Schreiberhaus hat sie einen Tisch reserviert, wo sie dann ein paar Achterl und Spritzer trinken werden, aber „alles mit Maß und Ziel.“

Thomas

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Thomas ist 53, es geht ihm „ekstatisch“, und zwar wegen seiner Meditationen. Seine „Suche nach der Wahrheit, nach sich Selbst, nach Gott“ begann bereits im Alter von vier Jahren, seine Eltern haben ihn nie irgendwie beeinflusst oder gar davon abbringen wollen. Wobei er von einem „Gott im universellen Sinne“ redet, „der katholische ist auch universell. Gott wohnt in deinem Herzen, das ist der kürzeste Weg zu ihm. Aber oft machen wir lange Umwege.“

Wie funktionierts? „In sich gehen, sich spüren, den Puls spüren, sich selbst finden.“ Das geht mit wenigen Minuten am Tag oder ein paar Stunden, „je nachdem, es funktioniert überall.“ Er hat eine bürgerliche Wohnung, arbeitet in einem bürgerlichen Beruf, „ich bin ganz durchschnittlich.“ Gerade ist er auf dem Weg in die Lugner-City, wo er im Asia Restaurant im vierten Stock die Chefin der Hindus in Österreich treffen wird. In zwei Wochen steht das große Krishna-Fest an, da wird er live dabei sein.

Heute hat er auch schon versucht, beim Päpstlichen Nuntius in Wien eine Audienz zu bekommen. Der ist nämlich auch für Indien zuständig, wo Thoams sein halbes Leben verbringt. Dort „führen die Katholiken ziemlich schlimme Sauerein auf, Ausbeutung der Ärmsten im Namen von Jesus Christus.“ Und über die Sauereien, die er gesehen hat, wollte er mit ihm sprechen, aber er ist im Urlaub. Im Winter, wenn es hier kalt ist, wird er wieder hinfliegen, nach Thiruvananthapuram, der Hauptstadt des Bundesstaates Kerala. Der Name der Stadt geht ihm wie nichts über die Lippen, kein Wunder, beherrscht er doch auch alte Sanskrit – Veden fließend.

Eftihios

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Zambiakis Eftihios ist 70, es geht ihm gut. Ich sehe ihn am 27.Juli bei der Kirche Agios Pantelimonas von Sougia in Südkreta, wo er in vollem Wichs auftritt, sie feiern das Fest des namengebenden Heiligen. Efithios wurde im Dorf Kustujerako wenige Kilometer von hier geboren und ging dann nach Athen. 1971 trat er der Luftwaffe bei und diente bei den Fallschirmjägern, sprang aber insgesamt nur 14 Mal ab, wie er eingestehen muss, nächsten Sommer möchte er es noch einmal tun. Er gehört einem Veteranenverband an, der nach wie vor an Übungen teilnimmt, vor allem aber an Gedenkveranstaltungen. Er ist bekennender Nationalist und würde sofort gegen Nord-Mazedonien in den Krieg ziehen, weil er nicht akzeptieren will, dass die den Namen seiner heißgeliebten nordgriechischen Provinz tragen dürfen.

Heute, am 28. Juli, war er in Maleme oben in den Bergen. Das 700 Einwohner Dorf war im Mai 1941 eines der wichtigsten Angriffsziele der „Operation Merkur“ des deutschen Naziregimes, der damals größte Flughafen der Insel wurde schließlich gegen den erbitterten Widerstand der Inselbewohner eingenommen. Sie sind stolz, nicht wenige der deutschen Fallschirmjäger der Kampfgruppe West unter dem Befehl von Generalmajor Eugen Meindl heruntergeschossen zu haben.

Das schwarze Tuch, das er heute am Kopf trägt, symbolisiert die Tränen der Griechen um ihre Gefallenen im türkisch-griechischen Krieg 1896, der auch „Unglücklicher Krieg“ genannt wird. Der Dolch, ohne den ein Kreter wie er nicht außer Haus geht, symbolisiert den Mitgliedern seiner Familie, dass alles gut ist, wenn er die Spitze nach oben trägt, dass es hingegen ein Problem gibt, wenn die Spitze nach unten zeigt. Seine beiden Kinder schauen ihn sich gern an in seiner Uniform, wollen aber sonst von alle dem nichts wissen. Sie sind in Athen sehr bekannte Beachvolleyballer. Ein Grund mehr, die Dolchspitze nach oben zu tragen.

Maria

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Maria ist 72, es geht ihr sehr gut. Sie ist der freundlichste, fröhlichste Mensch der Welt, als ich sie am Strand von Sougia in Südkreta treffe. Die gebürtige Kreterin ist an diesem windigen Tag mit einer Reisegruppe hierhergekommen. Aber die anderen Leute langweilen sie, darum legt sie sich lieber an den Strand. „They are somewhere in the Restaurant and eat. But I don´t like.“

Sie war 17 Jahre mit ihrem Mann verheiratet, der 54jährig am Alkohol starb. Sie hatten drei Kinder, von denen eines, Vangelis, mit 24 Jahren bei einem Autounfall starb. „I miss him every day“ sagt sie. Nachts schaut sie hinauf zu den Sternen, dann weiß sie, dass er irgendwo da oben ist, wo sie ihn einst wieder sehen wird. Weil sie so viel zu den Sternen schaut, weiß sie immer, wo sich die Raumstation IS gerade aufhält, sie kann sie mit bloßem Auge sehen. „It´s easy, you can also.“

Maria reist sehr gerne, am liebsten nach Mombasa in Kenia, wo sie schon 14 Winter verbracht hat. Sie gibt gerne zu, dass sie die jungen Männer dort liebt, „but not just the power. I like the mind, too. I buy them some TV-set oder some food, they are very poor. I help them with their families, we spend time together. And then of course they touch me, I touch them, we make love. Why not?” lacht sie.

Mach´s gut, Maria! Wir sehen uns irgendwann bei den Sternen wieder.

Peter

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Peter ist 54, es geht ihm gut. Der IT-Techniker mit Schwerpunkt Systembetreuung (Support von Klein- und Mittelbetrieben) hat gegenüber vom Café Loretz an der U-Bahnstation Schweglerstraße sowohl Wohnung also auch Büro. Das ganze Jahr über kommt er ca. vier Mal am Tag hierher: Erstes Kaffeetscherl in der Früh, Pausenkaffeetscherl vormittags, immer wieder gerne ein Menütscherl (Heute: Gulasch, Letscho, Eierschwammerl, die angeblich gestern – eine Stammgästin kommt vorbei und beschwert sich – „ganz schwarz“ waren). Nachmittags noch ein, zwei Mal auf ein paar Soda Zitron, Alkohol trinkt er nicht.

Die Märzstraße, an der wir nun im Gastgarten sitzen, ist eine laute, belebte „Auf-und-Ab-Fahrer-Straße“ für PS-starke Autos und Motorräder, brumm, brumm, brumm. Einmal hat er bei der Polizei angefragt, wie man denn den Lärm der aufgemotzen Motorräder kontrollieren würde, und die sagten ihm: Sie hätten dafür genau zwei Geräte österreichweit. Es wird also gar nicht kontrolliert. Aber, sagt er, es ist gar nicht so schlimm.

Als Peter das erste Mal „da vorne an der Kreuzung ausstieg“, sagte er sich: „Na i waaß net, ob i do wohna wü.“ Jetzt will er nicht nur nicht mehr weg, sondern sitzt sogar für die ÖVP im Bezirksparlament, als Fraktionsvorsitzender, der Anträge einbringt und für die Kommunikation mit den anderen Parteien sorgt. Die Zusammenarbeit war anfangs nicht ganz leicht, bis man sich kennengelernt hat. Die Grünen, die hier sehr stark sind, wären dabei am wenigsten kommunikativ, „das ist halt ihre Art. Sein grünes Rapid-shirt trägt er heute, um eine andere Stammgästin (eine Austrianerin, die gerade vom Friseur kommt), ein bisserl zu ärgern. Aber es ist auch dem Umstand geschuldet, dass man „im 15. und 14. Bezirk einfach der Rapid angehörig sein soll“. Schon der Schwiegervater fuhr aus OÖ zu den Spielen herunter.

Er wird am Nachmittag wieder auf ein Sodazitron hierherkommen und nachdenken, wie er sich die Klimaanlage in sein Büro einbauen soll. Ich schlage ihm vor, auf die Klimanalage zu verzichten und stattdessen ein Portrait von Greta Thunberg aufzuhängen. Wir lachen und verabschieden uns.

Wagdi

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Wagdi wurde von drei Tagen 60, es geht ihm gut. Er wurde in der Hauptstadt des Ägyptischen Gouvernements (Bundesstaat) Sauhag am Nil geboren, das ist nördlich von Luxor, er ist also ein „Nilote“, wie er sagt. Aber jetzt wohnt er drüben auf der Gablenzgasse und kommt oft herüber auf die Hütteldorfer, um hier beim Hofer einzukaufen.

Seit 35 Jahre schneidet er sich die Haare nicht mehr. Er war der erste in Wien, an dem die Wiener so etwas gesehen haben, „noch vor Bob Marley“, lacht er. Die Haare sind fast 2,5 Meter lang, da gibt es nicht viele auf der Welt mit solchen Haaren, obwohl: Den Rekord hält eine Asiatin mit 14,5 Metern. Sie sind schwer, darum hat er gute Nackenmuskeln. Zum Waschen braucht er 25 bis 35 Minuten, und er macht es immer alleine.

Wagdi wird oft angesprochen auf seine Haare, er ist also auch „der Mann in Wien, der am häufigsten angesprochen wird“, lacht er wieder. Die Leute sind dabei oft unverschämt, fragen, ob sie mal anfassen dürfen. Und dann greifen sie gleich hin. „Aber da gebe ich ordentlich zurück.“

 

Thomas

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Thomas ist 25, es geht ihm gut. Obwohl er sich vor zwei Monaten einen Kreuzbandriss zugezogen hat und nächste Woche operiert werden soll. Gerissene Kreuzbänder werden mittlerweile eigentlich selten operiert, aber er muss, weil er Schauspieler und Tänzer ist. Wochenlang hat er einen Operateur recherchiert, der ihm dann endlich zusagte, die Operation wurde aber abgesagt, weil der krank war, also ging er zum Vertrauensarzt aller Tänzer, der ihn aber letzte Woche auch nicht operiert hat, weil Thomas einen Kratzer am Knie hatte, den er sich beim Baden an der Alten Donau zuzog.

Ich sage ihm heute als insgesamt Dritter, dass eigentlich er den jungen Freddie Mercury in Bohemian Rhapsody hätten spielen und dafür den Oscar gewinnen können, was ihn sehr freut, „großes Kompliment, danke.“  Die Rotzbremse ist aber gerade seiner Rolle im Musical I am from Austria geschuldet, in dem er die letzten zwei Jahre spielte. Dort ist er bei einem „Move“ blöd aufgekommen, und das Band war ab. Die Show wurde deswegen aber nicht unterbrochen, „wir haben ja Swings, die sind sofort eingesprungen und haben mich raus getragen, und dem Publikum war es sowieso Blunz’n.“ Dass er überhaupt jemals tanzen würde, ist ein kleines Wunder. Er kam mit „bilateralen Klumpfüßen“ auf die Welt und war zu 60 % behindert, die Achillessehne war stark verkürzt, sodass er die Füße nie strecken konnte. Trotzdem sagte er als kleiner Bua: „I wü taunzn“. Und die Eltern sagten: „Dann moch des.“

Zusammen mit seiner Freundin wohnt Thomas in einem Haus über einem türkischen Supermarkt, das den Barmherzigen Brüdern gehört. Das 80er-Jahre-Hemd, das er heute zu seinem insgesamt perfekten Eighties-outfit trägt, ist gerade „einen Knopf zu weit geschlossen“, weil seine Freundin immer sagt: „Geh bitte, wenn du nackert bist, hast mehr an. Also mach das Hemd zu!“ Und diese Freude macht ihr der Freddie Mercury des 15. Bezirks natürlich gerne.

Raja

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Raja ist alterslos, darum geht es ihr so gut. Außer es ist so heiß wie in diesen Tagen, dann geht es ihr ein bisschen weniger gut. Ihre Name ist finnisch, obwohl sie keine Finnin ist, sie ist insgesamt mehr den Eisbären zugetan. Im schönen Garten des Filmarchivs sitzt sie vor einem Zirkuswagen, oder was das ist. Dann schaut sie sich in ihrem Biotop um, streift herum wie eine Elfe. Die Tomanten, die von anderen Hobbygärtnern gegossen werden, interessieren sie am wenisgens. Sie freut sich mehr darüber, dass sie hier zwölf gefährdete Waldameisen haben. Sie mag es, wenn die Natur sich selbst überlassen wird. Fürs Ameisenzählen gibt es Ameisenzählspezialisten, es gibt für alles Spezialisten.

Raja leistet ihren Beitrag zur Verschönerung der Welt durch ihre eigene Schönheit, obwohl sie heute eines ihrer „grauesten Kleider“ trägt, wie sie sagt. Sie weiß gar nicht, wie viele bunte Kleider sie besitzt, es werden Tausende sein. Hüte hat sie auch ähnlich viele mit allen möglichen Krempen für jede mögliche Wetterlage. Und Unterhosen hat sie auch, aber nicht die vom H & M, sondern aus vorigen Jahrhunderten.

Sie erzählt von einem Model, das „Brunzhose“ hieß, weil es anstatt einer Naht im Schritt einen Schlitz hatte, der den Damen unter ihren zahlreichen Röcken das namengebende „Brunzen im Stehen“ erlaubte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Daca

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Daca ist 52, es geht ihr gut. Ihr großer Sohn Pavle ist 25 und studiert Literaturwissenschaften in Wien, ihr Nachzügler Nikola ist neun. Seit 1984 ist sie in einer glücklichen Beziehung. Ihr Mann Milan ist ein Jahr älter als sie, sie haben sich bereits in Belgrad in der Schule kennen- und liebengelernt: „Das war´s. Große Liebe. Schmetterlinge im Bauch für immer.“

Bevor sie ihn kennen lernte, hat sie von ihm geträumt. „Hört sich skurril an, aber es war so.“ Manche Träume gehen eben in Erfüllung, und manchmal wacht man aus seinem Traum nie mehr auf. „Es ist ein Geschenk.“ Daca ist „gläubig, nicht religiös“, deswegen strahlt sie immer. Sie folgt Jesus nach und fühlt sich bei ihm gut aufgehoben. „Es ist großartig, dass man beten kann. Ich liebe beten. Ich bete fast den ganzen Tag. Es ist so schön mit Gott unterwegs zu sein.“

Seit sieben Jahren ist sie Chefin des Mrs Sporty-Fitnessclubs bei mir um die Ecke. „Sport ist ein Teil des Betens. Der Körper ist der Tempel Gottes.“ Im Club „wird gelacht, geweint, gefeiert.“ Sie ist dort nicht nur Trainerin, sondern den meisten Frauen auch Freundin. „Ich liebe Menschen. Ich liebe meinen Beruf.“ Nun geht sie zu Fuß nach Hause und wird dabei ein bisschen beten.

Sie hat auch schon einmal für mich gebetet, und was soll ich sagen? Es hat funktioniert.

Danke, Daca.