Jorgos

Jorgos

Jorgos ist 53, es geht ihm „very good“. Ich treffe ihn am Strand des südkretischen Kaffs, als er wie immer in schwarzem Leiberl und mit sonst nichts am unfassbar gebräunten Körper in Richtung der Büsche unterwegs ist. Er kommt aus der „Schweinebucht“, die liegt östlich hinter den Sprungfelsen, wo es schön lauschig ist. Dort campt er seit vielen Sommern, er kommt aus Chania, der Provinzhauptstadt mit Flughafen.

Jorgos trägt nachts auf den Straßen des kleinen Ortes immer dicke Kopfhörer und tanzt zu seiner eigenen Musik, oder er tanzt vor den Lokalen, in denen live-Musik dargeboten wird. In diesen Nächten trägt er untenrum weiße Dreivieltelhosen statt gar nichts, aber obenrum immer noch sein schwarzes Shirt.

Jorgos arbeitet nichts, wie er mir sagt, angeblich ist er finanziell gut aufgestellt. „But sometimes I have to leave paradise“, erzählt er, dann wird ihm das Schöne hier nämlich zu viel und er flüchtet in seine „Hometown“. Manchmal wird er aber auch einfach von der Polizei vertrieben, die mit den wilden Campern hier keine Freude hat. Eine Abstimmung im Ort ging neulich gegen das wilde Campen aus, man befürchtet Einkommensverluste, wenn die Leute nicht ordentlich in Zimmern schlafen.

Jorgos hatte dieses Jahr erst einmal Glück, was Männer angeht, nach denen hält er hier nämlich Ausschau, ansonsten war er heuer noch nicht „very lucky“. „But this is not a gay beach“, sagt er, obwohl ein neuer Reiseführer das Gegenteil behauptet. Dieses eine Mal verbrachte er eine sehr schöne Zeit mit einem „very beautiful english man“, hinten in seiner idyllischen, abgeschiedenen Bucht.

In all den anderen Nächten sah man ihn ihn tanzend auf den Straßen Sougias.

Amphilochios

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Amphilochios ist 48, es geht ihm gut. Er ist der Metropolit von Kissamos, das ist eine von acht Metropolien auf Kreta, die ihrerseits 80 Gemeinden sowie acht Klöster umfasst und von 64 Geistlichen betreut wird. Er ist seit 2005 in Amt und – das muss man in seiem Fall sagen – Würden. Für das Grspräch mit ihm rät man mir, eine lange Hose und ein frisches Hemd anzuziehen.

Das tue ich, bevor ich ihn im Rembetiko, einer Taverne an der Hauptstraße von Sougia, treffe, dort sitzt er an einer langen Tafel mit einer Tischgesellschaft und wird von alten Frauen und Männern hofiert, sie küssen ihm fortwährend die Hand, er erduldet es, wenn er es nicht sogar genießt. Es wird ordentlich gespeist, zuvor feierte man in der kleinen Kirche des Ortes die Messe, der namensgebende Heilige hatte wohl Geburtstag.

Amphilochios kommt an meinen Tisch und ich frage ihn, wie die Griechen denn aus der Krise wieder heraus kommen könnten, in der sie seit ein paar Jahren stecken – indem sie mehr beten oder doch eher, indem sie regelmäßiger Steuern zahlen?

In den Lokalen hier kommt die Tischrechnung nämlich immer noch auf den Bierdeckel geschrieben, die 24 % „Tax“ für Speis und Trank werden ungerne abgeliefert, und die Vermieter gewähren einen Rabatt von sieben %, wenn man auf die Rechnung verzichtet, sie sagen: „I don´t pay the government!“

Amphilochios lacht und sagt: „They should try harder“, also sich mehr ins Geschirr hängen. Die letzten Jahrzehnte hätten sie sich nämlich für einen „very easy way of life“ entschieden, und nun zahlen sie eben den Preis dafür. „We have to repay for what we have done the years before, now we have to choose a better life.“ Das klingt weniger moralisch als ökonomisch. „I hope we will be more mature.“

„Wir brauchen Solidarität, die wir für viel Jahre verloren haben. Ich hoffe, dass wir das Leben von einem anderen Blickwinkel aus sehen.“ Die Menschen wurden von Politik und Ideologien betrogen, aber – gedankt sei dem Herren! – sie haben ja immer noch die Kirche, die ihnen nun Orientierung gibt. Deren Rolle ist es, mit den Leuten zu bleiben in diesen sehr schwierigen Zeiten. Sie bietet „Meals and dinners“ und Hilfe beim Bezahlen der Rechnungen.
„Like Jesus told us?“
„Yes.“

Er selbst ist „full of hope.“ Die Griechen lebten immer mit der Tragödie, und sie hätten es immer wieder geschafft, diese zu überwinden. Im Internet lese ich über seine Kirche: „Bei der großen Schlacht von Heraklion am 24. Juni 1821 haben die wutschnaubenden Türken den Metropoliten von Kreta und fünf Bischöfe geschlachtet.“ Soweit wird es ja hoffentlich nicht kommt. Er selbst reist einmal im Monat hinüber nach Konstantinopel, weil er dort von irgendwas ein „member“ ist.

Als ihn sein schwarzgewandeter Hofstaat zum Aufbruch drängt, frage ich ihn, ob ihm das nicht auf die Nerven geht, dass er immer im langen schwarzen Kittel herum laufen muss? Ob er nicht lieber bei den Nackterten am Strand wäre?
Er sieht mich mitleidig lächelnd an und sagt mit seiner tiefen Stimme: „This was a matter of choice.“ Dann rauscht er ab, zurück nach Kittamos, von wo er der Metropolit ist.

Olga

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Olga ist 38, es geht ihr gut. Sie arbeitet im Lotos, einer Strandbar, wo man gut den ganzen Tag verbringen kann. Seit ein paar Jahren haben sie davor Sonnenschirme und Liegen aufgestellt, sogar einen Life Guard Turm mit Rettungsschwimmer, das kostet die Gäste fünf Euro am Tag, das ist hier nicht Lignano. Jeden Tag läuft Olga einige hundert Male von der Bar hinunter zum Strand und wieder retour. Das hängt sich an. Sie wäre lieber irgenwoanders, in Asien, in Südamerika, in Afrika.
Olga kommt aus Thessaloniki im Norden Griechenlands, trotz der Kirse möchte sie ihr Land nicht verlassen. Sie verdient nun deutlich weniger Geld als früher, kommt nur so irgendwie über die Runden, alles muss länger warten: Die Anschaffungen ebenso wie das Bezahlen der Rechnungen. Es ist ein rechtes Dahinwurschteln, aber am Ende, sagt sie, ist es doch so: „Jeder möchte ein Stück von Griechenland, weil es so schön ist.“

Die Griechen sind „gierig“, sagt sie, und Europa wird „kollabieren“. Schon jetzt können viele Leute nicht überleben, werden in Krankenhäusern nicht behandelt oder haben keine Chance auf eine Ausbildung. Was kann man tun? „Nicht jeder kann Arzt werden und helfen. Aber wenn jeder an seinem Ort das Beste tut, dann wird die Welt ein bisschen besser werden.“
Früher war Olga wie viele hier ein Hippie girl. „It was nice“, aber es ist kein wirkliches Leben. „I still believe in love, in good, in unity“. Sie lebt alleine, nachdem sie lange Jahre Beziehungen hatte und auch mal verheiratet war. Aber nun genießt sie ihren „Frieden“, sagt sie lachend. Möchte sie Kinder?
„If it comes. Easy.“

Christl

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Christl ist 82, es geht ihr „eh ganz gut“. Ein bisserl schwindelig fühlt sie sich, als sie mit der Gießkanne zum Grab meines Vaters kommt, der ihr Halbbruder war. Sie ist also meine Halbtante oder so, aber ich nenne sie vollwertig „Tante Christl“. Wenn es Zeit und Gesundheit zulassen, schaut sie hier am Friedhof vorbei, gleich neben dem Gab meines Vater liegt das ihres verstorbenen Mannes, er war der „Onkel Rudl“ und starb vor zehn Jahren.

Christl gießt die Gräber zunächst immer nur „ein bisserl“, später wird sie nochmal mit einer vollen Kanne ihre Runde drehen, vorbei an drei Gräbern, und nachgießen. „Sonst läuft das Wasser einfach ab, und es geht nicht in die Erde.“

Ihr leiblicher Vater liegt auch da drinnen, er starb 1938, er war Sensenwerksarbeiter. Seine Tochter Christl war ein Jahr alt, ihr Bruder Alois zwei Jahre alt, ihre Mutter, die später meine „Großmami“ werden sollte und heute auch da drinnen liegt, mit zwei Kindern und einer winzigen Landwirtschaft alleine. Es begann der Krieg.

Christl erzählt: Am Begräbnis ihres leiblichen Vaters schaute sich der Franz, ein Halodri, um, der später mein Großvater werden sollte. Er war beim örtlichen Fleischehauer als Rossknecht angestellt und suchte „ein Zeugerl“, also eine kleine Landwirtschaft. Er machte sich an die Witwe heran, obwohl er eine Freundin hatte, und heiratete sie, zog bei ihr ein und zeugte mit ihr noch meinen Vater  Franz und dessen Bruder Ernst. „Später hab ich ihn einmal gefragt, ob er meine Mutter auch geheiratet hätte, wenn sie nicht drei Kühe gehabt hätte“. Er sagte: „Nein.“ Ich zünde eine  Kerze für ihn an, denn ohne ihn wäre ich nicht hier.

Heute ist Christl die einzige aus ihrer Familie, die noch lebt. Mein Vater starb vor fünf Jahren, ihr gemeinsamer Bruder Ernst ein Jahr darauf. Ihr leiblicher Bruder Alois starb bereits 1971, er ertrank am 12. Juli am Gleinkersee, es war ein heißer Sommertag, er kam von der Kirschenernte. Tante Christl war damals herunten im Ort, und als sie arglos in ein Geschäft einkaufen ging, fragte sie der Besitzer: „Weißt du es noch nicht?“ Den Leichenwagen freilich hatte sie zuvor schon aus dem Ort hinausfahren gesehen.

Ihr Brüder gehen ihr ab, noch immer. Sie trugen oft unterschiedliche Schuhe für den beschwerlichen Schulweg, erinnert sie sich, und auch an das einfache Spielen am abgelegenen Hof: „Wir hatten Zapfen, und Haare vom Ross, die haben wir geflochten“. Zu Weihnachten gab es Socken oder Fäustlinge. Nur einmal, erzählte mir mein Vater irgendwann, bekam er einen Kamm.

Da hatte er Tränen in den Augen, und ich auch.

Christian

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Christian (links) ist 31, es geht ihm gut. Die Sonne scheint an diesem Samstagmittag, als er und sein Freund Roman den 100 Jahre alten Lift aus meinem Wohnhaus räumen.  „2012 gab es eine Gesetzesänderung“, erzählt er, wonach solch alte Lifte außer Betrieb genommen werden müssen. „Dann stehen sie oft jahrelang still, während die Eigentümer sich streiten, ob sie renovieren sollen oder nicht.“ Meistens kommt die Renovierung zu teuer.

Im Winter durfte Christian diesen Aufzug noch einmal fahren, er genoss „das original Fahrgefühl, die Drucktasten, die geätzten Glasfenster, die Sitzbank mit Fransen.“ Und ein Steuermodul, das aus Messingstiften bestand. Diese drückte man hinten bei der Kabine hinaus, und im Zielstockwerk sorgte ein Holzschleifbügel dafür, dass der Stift wieder zurückgedrückt wurde – „Schubknopftsteuerung“ nannte man das. Heute ist das nicht mehr erlaubt, weil alles elektronisch überwacht werden muss, außerdem gäbe es Vorgaben wie „Sanftanfahrt“ und „Sanftstopp“.

Übrigens heißt es Aufzug, weil man früher nur „hinauf“ fahren konnte. Und frühere Modelle mussten vom Portier gesteuert werden, denn die Leute hatten lange Zeit Angst, alleine zu fahren, oder konnten nicht damit umgehen. Hochwertige Materialien wie Mahagoni-Furniere sollten dem gehobenen Bürgertum entsprechen und Anreiz zur Benützung schaffen, die Kabinen waren ausgeschmückt wie ein kleiner Salon.

Christian trägt ein Latzhose und Schirmmütze, weil er sich generell für die alten Zeiten begeistert. Er ist in der Swingtanzszene aktiv und liebt die Musik der 30er Jahre. Ob er beim Tanzen schon einmal eine Dame für sich begeistern konnte, weil er sich für alte Lifte interessiert, so in der Art: „Gemma dann zu dir oder zu mir Aufzug fahr’n?“

„Das leider nicht!“, lacht er.

Caroline

Caroline, 41

Caroline ist 41, es geht ihr hervorragend. Sie sitzt an diesem sonnigen Tag in der Allee gegenüber meinem Büro auf einer Bank. Mir fallen ihre rosa Brillen auf, die rosa Jacke und ihre bunten Schuhe. Sie hat sich gerade ein Stoff-Einhorn gekauft, in Weiß und Pink, es ist 40 cm hoch. Einhörner sind ihre Leidenschaft (neben der Farbe Rosa!). Darum heißt die 3. Klasse Volksschule, in der sie unterrichtet, auch „die Einhornklasse“. Mehr als 30 Gadgets hat sie bereits gesammelt. „Der Tag beginnt einfach besser, wenn ich meinen Einhorn-Zahnputzbecher verwende“. Ob sie glaubt, dass es Einhörern wirklich gibt? Sie lacht: „Natürlich glaube ich das nicht!“

Vor drei Jahren hatte Caroline eine schwere Operation, von der ihr eine große Narbe blieb. Darum war sie vorher im Louis Braille Haus in der Hägelingasse im 14. Bezirk, um sich die Narbe im Blindeninstitut massieren und akupunktieren zu lassen. Sie schwört, dass es ihr nun besser geht und „die Meridiane“ besser durchblutet sind. „Ich glaube, die Blinden haben viel mehr Gefühl beim Massieren!“

Das mit dem Unterrichten sei schwieriger geworden, erzählt sie. Nicht wegen der Kinder, sondern wegen der Eltern, die immer mehr fordern würden. Nächstes Jahr hat sie wieder eine vierte Klasse, dann wird der Stress wegen dem Gymnasium wieder losgehen. Eine eigene Familie hat Caroline nicht. „Es gibt genug Kinder in der Schule, die mich brauchen.“ Einige Hundert von ihnen hat sie schon ins Leben begleitet. Nun packt sie ihr Einhorn zusammen und geht lachend davon.

Mustafa

Mustafa

Mustafa ist 57, es geht ihm so halbwegs. Er schnaubt ordentlich, als ich ihn im benachbarten Vogelweidpark, 15. Bezirk, beim morgendlichen Training sehe, an der öffentlichen Cross Fit Anlage, die immer recht gut besucht ist, sehr international. Mustafa wiegt gerade „115 Kilo oder keine Ahnung“, wie er sagt, aber das will er nun ändern. Darum kommt er „jeden Tag“ hierher und bleibt „eine oder zwei Stunden“.

Er kommt aus Kairo und ist jetzt hier im Blumengeschäft tätig, als Rosenverkäufer. Aber nicht als Endverkäufer in den Lokalen, wie ich zu verstehen glaube, sondern irgendwie „größer“ – als Zwischenhändler? Mustafa hat Probleme mit seinem Kiefer, die er bald beheben möchte, ich verstehe ihn oft sehr schlecht. Dass er vor kurzem Opa geworden ist, das verstehe ich aber, und dass er darauf sehr stolz ist. Aber leider lebt die Familie in Ägypten.

Da ich selbst – in sehr kleinen Teilen! – Ägyptisch beherrsche, gehe ich mit ihm lautmalend ein paar Vokabel durch, streng nach Gehör:

Schams? Die Sonne!

Laban? Die Milch!

Tofecha? Die Tomate!

Bisciletta? Das Fahrrad!

Schokran? Danke!

„Ich bin Ägypter“ heißt „Han Masrin“. „Ägypten“ heißt nämlich nicht „Egypt“ auf Ägyptisch, sondern „Masr“. Wen es interessiert.

„Ganze Österreicher sind gute Menschen“, sagt Mustafa auf Deutsch. „Ich liebe hierher kommen, Wien sehr gut.“ Er zeigt mir Visitenkarten Wiener Lokalpolitiker, auf die er sehr stolz ist. Das Essen hier ist seiner Meinung nach „billig“, ob es auch „gut“ ist, verrät er mir nicht. Er isst jeden Tag Brot und Fisch. „Ein bisschen viel Brot vielleicht?“, frage ich. Wir lachen, und dann verabschieden wir uns als gute „Habibis“:

„Salam!“ – „Servus, grüss dich!“

Michael

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Michael ist 51, seine Frau Anita 36, Sohn Philipp 15, und Tochter Valerie sieben Jahre alt, es geht ihnen gut. Sie marschieren heute für die SPÖ-Vorfeldorganisation WAT Wien beim Maiaufmarsch mit, das ist ein Breitensportverein, in dem sie alle vier Geräteturnen ausüben. Michael beherrscht noch immer halbwegs den Oberamstand am Barren, Philipp beherrscht ihn bereits perfekt, „ja, er überflügelt mich schon“, sagt der Vater ohne Neid.

Philipps Lieblingssportgerät ist aber das kleine Trampolin, auf dem er den „gebückten Salto“ schlägt, jeden Freitag ist Training. Heuer wollen sie alle an den ASKÖ-Bundesmeisterschaften teilnehmen. „Burschen haben es dort immer leicht“, sagt der Vater, „denn es nehmen nur wenige teil.“ Wie kommt der Sohn als Geräteturner bei den Mädels an? Der schweigt, und der Vater lacht: „Die interessieren ihn noch nicht so.“

Michael ist Maschinenbauer, Anita ist als Krankenschwester stellvertretende Stationsleiterin im AKH. „Wir können uns Gott sei Dank alles leisten.“ Aufgewachsen ist er „klassisch in einem Gemeindebau im 10. Bezirk, aber durch den Sportverein bin ich immer schon im 15. verhaftet gewesen, hier wohnen wir auch.“ Sie führen zu Hause politische Diskussionen, auch mit den Kindern. Worum ging’s in letzter Zeit? „Jetzt merkt man, wo überall soziale Leistungen gestrichen werden!“, sagt Michael. Und ihn ärgert, dass das von der „Sozialistischen Partei“, wie er sie nennt, viel zu wenig publik gemacht wird, er würde es so machen: „He, Leute! Da schaut’s her einmal! Die Regierung fährt da rein und dort rein ohne Ende!“ Aber keiner regt sich auf, das versteht er nicht.

Was ärgert ihn noch? „Ich muss als Obmann vom WAT sehr viele Gesetze einhalten, vom Verbandsverantwortlichkeitsgesetz über die Bonpflicht bis zur Registrierkassenpflicht. Eigentlich war das alles einmal gedacht, um die Großen zu erwischen und Steuern einzutreiben, aber wen hat es erwischt? Uns kleine Vereine!“ Außer „natürlich die Kirche“, sagt er abschließend. „Die ist wieder einmal ausgenommen. Und die Freiwillige Feuerwehr auch.“ Wechseln will er deswegen aber nicht, weder zur Kirche, noch zur Feuerwehr.

Helmut

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Helmut ist 78, es geht ihm gut. Ich treffe ihn beim Maiaufmarsch der Roten und sage: „Sie schauen ja aus wie der Häupl.“ Und er sagt: „Ja, aber der verdient mehr als ich.“ Helmut ist seit seinem 26. Lebensjahr bei der „Bewegung“ und besucht nach wie vor regelmäßig das Sektionslokal im 15. Bezirk. Ob das leinwand ist? „Sagen wir so: Irgendwie muss man ja in Kontakt bleiben. Aber man erlebt keine Sensationen.“

Er ist seit 13 Jahren in Pension. Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er lebte er mit seiner mittlerweile verstorbenen Gattin, einer Türkin, zunächst für ein Jahr in Istanbul, dann sind sie weiter gezogen nach Izmir, wo sie sieben Jahre lang lebten. Österreich-Türkei, wie fällt der Vergleich aus? „Interessanter war es in der Türkei, das Leben ist anders.“ Er hat dort fünf Jahre Deutsch unterrichtet, „damals war die Nachfrage groß, und denen war es wurscht, ob ich ein Diplom habe oder nicht.“ Er hatte keines. „Da war die Türkei ein anderes Land, viel lockerer. Die Verrückten waren damals noch nichts stark.“

Leider zahlte er dort keine Pensionsversicherungsbeiträge ein. „Ich bin also zurückgekommen, bin zum Arbeitsamt gegangen und habe denen gesagt: So jetzt bin ich wieder da und brauche eine Arbeit. Sagt die Betreuerin: Heahn’ S, Sie san ja gar nimmermehr vermittelbar. Sag i: Danke, freut mich sehr. Dann geben’S mir halt die Arbeitslose. Sagt sie: Da hätten Sie zwei Jahr früher zurückkommen müssen, dann hätten einen Anspruch darauf gehabt, den haben Sie jetzt nicht mehr. Sag ich: Ja super, was mach ich jetzt? Sagt sie: Zum Sozialamt müssen’S gehen. Na gut, hab ich sieben Monat vom Sozialamt gelebt.“ Dann hat er über einen alten Genossen endlich die Arbeit in der VHS Meidling gekriegt. Er hat dort technische Arbeiten ausgeführt, und in der Berufsschule hat er nebenbei unterrichtet.

Vermisst er die Gattin, die seit dreieinhalb Jahren tot ist? „Jo, aber wos soll ich machen? Mein Alltag ist mit Arbeit ausgefüllt, ich muss einen Haushalt führen.“ Sensationen erlebt er keine mehr.

Konstantin

Konstantin von Harder

Konstantin ist 66, es geht ihm bestens. Seit seiner Ankunft in Wien hat er jede Sekunde hier genossen. Ich traf ihn im Zug aus Richtung Aussee, wo er an der Schlaraffia-Versammlung eines dortigen „Reyches“ teilgenommen hat. Schlaraffia ist „eine weltweite Vereinigung von Männern, die der Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor verpflichtet sind.“ Sie wurde 1815 von Schauspielern in Prag gegründet, ihr Leitspruch lautet „In arte voluptas“ – „In der Kunst liegt das Vergnügen“

„Im Endeffekt“, erklärt Konstantin mit strahlenden Augen, „macht man sich über sich selbst lustig und verwandelt sich für zwei Stunden in jemand ganz anderen. Dann geht man wieder in die normale Welt hinaus.“ Ein sehr guter Internatsfreund hat ihn erst vor kurzem dazu gebracht, er ist jetzt Knappe, als nächstes kann er Junker werden, dann Ritter, dann Ehrenritter.

„Es gibt Schlaraffen, die haben den Ehrgeiz, alle Reyche auf der Welt zu besuchen. Manche haben schon 400 geschafft, aber das ist mit wahnsinniger Reisetätigkeit verbunden.“ Konstantin selbst betreibt die Sache reduziert. „Ich will es gar nicht übertreiben. Und fünf Monate im Jahr ist sowieso Pause.“

Beruflich soll man jedenfalls keinen Nutzen aus seiner Mitgliedschaft ziehen. „Oft erfährt man ohnehin erst nach einiger Zeit, wer der andere wirklich ist. Vom Kfz-Mechaniker bis zum ehemaligen Hamburger Polizeipräsidenten“ ist alles dabei. Ein kleines Problem freilich hat die Vereinigung, nämlich den Nachwuchs: „Die meisten sind über 75.“ Er ist beinahe der Jüngste.

„Aufgrund der Vorleistung meines Vaters“ kann er Dinge machen, die ihm Vergnügen bereiten und nach Möglichkeit auch anderen nutzen. In München betreibt Konstantin eine kleine Buchhandlung mit dem Namen Lese und Lebe. „Ich sehe meine Aufgabe nicht nur darin, den Leuten ein Buch zu verkaufen. Jeder kann kommen und solange bleiben, wie er will, auch Obdachlose, auch Borderliner, alle.“

„Es gibt in Hamburg einen, der hat am Bahnhof ein Kiosk aufgemacht, nur um sich die Sorgen anderer Leute anzuhören.“ Das gefällt ihm, das passiert bei ihm auch. Einem Jungen, der mit elf Jahren zu ihm kam, hat er zusammen mit ehemaligen Schulkollegen ein Stipendium verschafft, er begleitet ihn seit vielen Jahren. Letzte Woche kamen ein Vater und dessen Sohn, „beide haben geweint, weil die Mutter gestorben und der Vater sterbenskrank ist. Der Vater weiß nicht mehr weiter, der Sohn fühlt sich allein gelassen auf der Welt. Da versuche ich zu helfen, ihm eine Stelle zu verschaffen….“

Die Freude am Leben, das Vergnügen an der Kunst, das Interesse an den Menschen sieht man Konstantin an. Er ist ein Gentleman und pflegt die guten Umgangsformen: „Dass man sich bei jemandem bedankt, dass man jemandem auch mal die Vorfahrt lässt – das sind doch Dinge, die einem selber gut tun!“